Sportlerehrung in Tübingen: Wie es doch gehen kann
Eine fehlende Rampe sorgt bei einer Sportlerehrung in Tübingen vorab für Schlagzeilen. Die Situation schien verfahren. Dann hat man sich noch mal umgeschaut.
Die Tübinger Musikschule ist ein wenig außerhalb, wobei „außerhalb“ im beschaulichen Tübingen bedeutet: Maximal 10 Minuten mit dem Rad oder E-Rolli von der Innenstadt aus gesehen. Im Gegensatz zur Innenstadt ist die Wilhelmstraße, von der aus die Musikschule erreichbar ist, auch gut mit Rollstuhl befahrbar; keinerlei Pflastersteine weit und breit stören hier den Weg zur Musikschule, deren supermoderner Neubau erst vergangenes Jahr eröffnet wurde.
Vor dem stapeln sich jetzt die Fahrräder. Drinnen ist dann mehr Platz. Die meisten Leute sind schon in den großen Marc-Kemmler-Saal geströmt, um sich einen Platz auf einem der 200 Stühle im Saal zu sichern. Einige hatten kein Glück und stehen an die mit hellem Holz vertäfelten Wände gedrängt.
Es ist die erste Sportler*innenehrung Tübingens, die in der Musikschule zelebriert wird. All jene Ausnahmesporttalente, die bei überregionalen Meisterschaften und Wettbewerben auf den ersten Plätzen gelandet sind, sollen heute mit einer Urkunde und mit einem Trinkbecher mit dem Logo der Stadt Tübingen für ihren sportlichen Einsatz belohnt werden. Ein Ereignis, das es in jeder größeren und kleineren Gemeinde so circa einmal im Jahr gibt. Dass all eyes ausgerechnet on dieser Sportler*innenehrung sind, hat nichts damit zu tun, dass die Tübinger Sportskanonen noch außergewöhnlichere Leistungen als alle anderen erbracht hätten (wobei 11. Platz bei der Baseballweltmeisterschaft schon für Tübingen spricht!), sondern damit, dass der Veranstaltung ein Drama in drei Akten vorausging.
Die Besonderheit
Der große Saal der Tübinger Musikschule hat eine barrierefrei erreichbare Bühne. Leider eine Besonderheit, denn die Debatte der vergangenen Wochen hat gezeigt: Bei Weitem nicht alle Tübinger Bühnen sind mit Rollstuhl erreichbar.
Das Zielpublikum
An diesem Tag die Ausnahmesportler*innen Tübingens (übrigens in jedem Alter – Kinder werden genauso geehrt wie Menschen, die schon zum 50. Mal das deutsche Sportabzeichen errungen haben) und ihre Angehörigen.
Hindernisse auf dem Weg
Zum Glück kein Kopfsteinpflaster, das sonst in Tübingen recht verbreitet ist. Dafür eine gigantische Anzahl an Fahrrädern, die ein wenig ungeschickt vor der Rollstuhlrampe am Eingang der Musikschule stehen.
Akt 1: Die Stadt verkündet Datum und Ort der Festivität. Dank eines Facebook-Posts der Para-Tischtennisspielerin Caren Hailfinger wird der Öffentlichkeit bekannt, dass die Bühne am Veranstaltungsort keine Rollstuhlrampe hat. Hailfinger soll für ihren 2. Platz bei der Deutschen Meisterschaft im Damen-Doppel beim Para-Tischtennis geehrt werden. Sie ist Rollstuhlnutzerin und ärgert sich, dass sie wegen der fehlenden Rampe nicht wie alle anderen auf der Bühne geehrt werden kann.
Akt 2: Die Öffentlichkeit unterstützt Hailfingers Anliegen. Die Stadt Tübingen allerdings weigert sich, eine Rampe zu bauen. „Zu teuer“, sagt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Als verschiedene Firmen und Vereine aus der Region anbieten, die Rampe zu finanzieren, lehnt die Stadt trotzdem ab: Die Rampe würde 40 Zuschauer*innen den Platz wegnehmen, sagt Palmer. Der Allgemeine Behindertenverband und auch der Rest der Öffentlichkeit ist empört. Um das Problem zu lösen, trifft sich die Tübinger Sozialbürgermeisterin mit der Tischtennisspielerin und sie gründet eine Task Force.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Akt 3: Happy End. Die Lösung ist leichter als gedacht. Die Stadt hat nämlich einen barrierefreien Raum in entsprechender Größe, auf den das Event ausweichen kann. Aufmerksame Leser*innen ahnen es bereits: Es ist der Marc-Kemmler-Saal im Neubau der Musikschule. Dort gibt es einen Hublift zur Bühne, genug Platz für alle Gäste und die feierliche Atmosphäre für die Ehrung obendrein.
Geschickt Musik mit Sport verbunden
Deswegen also erste Sportler*innenehrung in der Musikschule. Die Eröffnungsperformance verbindet geschickt die beiden Welten Musik und Sport: Amelie Dieter und Maximilian Stephan vom TTC Rot-Gold tanzen zu drei Songs, bevor Oberbürgermeister Palmer die Bühne betritt. Der schlägt ob der Hitze im Saal zunächst eine solidarische Praxis des Sitzplatz-Sharings vor („wenn Ihnen zu heiß im Stehen wird, fragen Sie mal einen der Sitzenden, ob Sie den Platz für eine Weile bekommen können“) und führt dann die Tübinger Sportler*innenehrung als Trostpflaster für das Aus der deutschen Männerfußballnationalmannschaft im WM-Spiel gegen die paraguayanische Mannschaft am Vorabend ein.
Während der Oberbürgermeister weiterspricht, eine merkwürdige Beobachtung: Zur Bühne hoch führt keine Rampe, auch ein Rollstuhllift ist weit und breit nicht zu sehen. Es gibt nur zwei Treppen, auf jeder Seite eine. Dabei ist der barrierefreie Zugang zur Bühne ja der Grund dafür, dass heute Abend alle in diese Halle gekommen sind, oder etwa nicht? Was ist da los?
Doch da – Palmer erklärt es schon: Auf die linke der beiden Treppen deutend, spricht er von einem „Wunderwerk der Technik“ und erläutert, dass die Treppe auf Knopfdruck zum Aufzug werden kann. Vor 20 Jahren habe es so etwas noch nicht gegeben, deswegen ist es in der anderen Halle, wo ursprünglich hätte geehrt werden sollen, nicht verbaut.
Platz für bis zu 400 Kilogramm
Ein Wunderwerk ist die Lifttreppe auf jeden Fall: Sie nimmt exakt so viel Platz ein, wie es eine Treppe halt tut und verwandelt sich vollautomatisiert schnell zu einem Aufzug, der bis zu 400 Kilogramm auf die Bühne bewegen kann. Also auch wunderbar für Leute, die E-Rollis benutzen.
Nachdem Palmer seine Rede beendet hat, wird drauflos geehrt. Als die Tischtennisspielerin Hailfinger an der Reihe ist, verläuft dann alles ganz unspektakulär: Der entsprechende Knopf wird gedrückt, die Treppe verwandelt sich zum Aufzug, Hailfinger kann auf die Bühne, ihre Urkunde entgegennehmen und sich ein Handschütteln von Sozialbürgermeisterin und Oberbürgermeister abholen.
Dass Inklusion im Sport auch in Tübingen wichtig ist, zeigt sich übrigens im weiteren Verlauf der Ehrung mehrmals: Die inklusive Basketballmannschaft des SV 03 Tübingen hat den ersten Platz bei der Süddeutschen Meisterschaft im Unified Basketball geholt, und zwei Sonderehrungen gibt es für zwei Tübinger, die sich schon seit vielen Jahren für Inklusion im Sport einsetzen. Perspektivisch wird die Sportlerehrung wohl in der Musikschule bleiben. Und für die ursprünglich angedachte Halle wird auch an einer barrierefreieren Lösung herumüberlegt, wie die Sozialbürgermeisterin hinterher verrät. Na bitte, geht doch.
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