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Was heute als salonfähig giltDie Suche nach der Schnittmenge

Was vor ein paar Jahren unsagbar schien, sei heute salonfähig, heißt es oft. Aber stimmt das? Zu Besuch bei Friseur Bernd Rzepka im „SalonFähig“ in Amberg.

D er Tag beginnt mit einem Schreck. Das Licht ist weg. „Manche Frisuren kann ich mit geschlossenen Augen schneiden“, sagt Bernd Rzepka. „Das wäre dann jetzt der Moment, es auszuprobieren.“ Er lacht. Man sollte den Dingen mit Humor begegnen, das ist Rzepkas Devise. Der Friseur wird dann aber doch schnell wieder ernst, wie er da so im Halbdunkeln hinter dem hölzernen Kassentisch steht, das volle Terminbuch aufgeschlagen. Die erste Kundin soll gleich um 9 Uhr kommen, die nächste um 9.30 Uhr. Und dann ist auch noch die Journalistin zu Besuch, um ihn bei der Arbeit zu begleiten. Ausgerechnet an so einem Tag funktionieren die Lampen nicht.

Ein Dienstag im Juni. In Amberg, einer kleinen Stadt in der Oberpfalz östlich von Nürnberg, geht es am frühen Morgen noch beschaulicher zu als sonst. Wenige Menschen sind auf der Georgenstraße unterwegs, die quer durch die von einer mittelalterlichen Stadtmauer eingefasste Altstadt verläuft, vorbei an pittoresken Häuserfronten, über den Marktplatz und über das grüne Wasser der Vils. Kleidergeschäfte wie Wöhrl und Vero Moda haben noch geschlossen. In der Nähe der St. Georg-Kirche, schräg gegenüber von einem Barbershop, ist Bernd Rzepkas Salon. Ein verschnörkeltes schwarzes Schild hängt an der Fassade, darauf steht in hellen Lettern „SalonFähig“.

Ein Wort, das in letzter Zeit häufiger verwendet wird, wenn es um die öffentliche Debatte geht. Was vor Kurzem noch unsagbar schien, sei wieder salonfähig geworden, heißt es. „Rechtsaußen wird salonfähig“, warnt etwa der Deutschlandfunk. „Es ist wieder salonfähig, gegen Minderheiten zu hetzen“, steht in der taz. „USA machen autoritäre Praktiken salonfähig“, sorgen sich die Reporter ohne Grenzen.

Grund genug reinzuhören, worüber in einem Salon wirklich gesprochen wird. Was beschäftigt die Menschen dort? Und hat sich das, was im Salon sagbar und üblich erscheint, tatsächlich verändert in den vergangenen Jahren? Das ließe sich wohl an kaum einem Ort besser herausfinden als im SalonFähig. Wenn denn das Licht ginge.

Um 8.55 Uhr läutet das silberne Glockenspiel über der Tür, eine Frau mit Koffer eilt herein, die Elektrikerin. Ihr Vater hat bei der Einrichtung des Salons die Leitungen verlegt, inzwischen hat die Tochter den Betrieb übernommen. Innerhalb von Minuten checkt sie die Sicherheitskästen. Als sich die erste Kundin, eine Frau in rosa T-Shirt und Jeans, gerade in den Frisierstuhl gesetzt hat, leuchten die Lampen auf. Es kann losgehen. Elf Frauen und Männer werden sich an diesem Tag von Bernd Rzepka die Haare schneiden lassen.

Wobei er die Kurzhaarfrisur der ersten Kundin wohl auch im Dunkeln hingekriegt hätte, so oft war Frau R. bei ihm. Zurzeit ist sie Hausfrau, sie hat drei Kinder, eines ist erst anderthalb, erzählt sie. „Deshalb brauche ich auch eine Frisur, wo ich nur kurz waschen muss.“ Rzepka rasiert ihr die Seiten, das sieht fast punkig aus. Nachrichten schaue sie gar nicht mehr, erzählt Frau R., ihr Mann schon. „Der regt sich nur auf. Ich sag, er soll sich das nicht mehr anschauen.“ Vor allem über die Politik ärgere sich ihr Mann, in letzter Zeit noch mehr als sonst. Ob er die AfD gut findet? „Ich glaube schon.“

Amberg hat seit einigen Monaten einen neuen Oberbürgermeister, das war ein großes Thema im Friseursalon, auch Frau R. spricht gerne darüber. Ein Kandidat der Freien Wähler, ein Polizeibeamter ohne Politikerfahrung, holte bei den Kommunalwahlen im März 14 Prozent und kam in die Stichwahl. „Ich hab ihn gewählt, nur um der CSU eins auszuwischen“, sagt Rzepka, während er die oberen Haare schneidet. „Ich auch, obwohl ich dachte, er hat keine Chance“, stimmt Frau R. ein. Jahrzehntelang hat die CSU das Stadtoberhaupt gestellt, der letzte Christsoziale war über zehn Jahre im Amt. Der Friseur spricht nur vom „unsichtbaren Bürgermeister“, weil er so wenig von ihm mitgekriegt habe. Der Polizist gewann die Stichwahl mit 55 Prozent. „A Watschn für die CSU“, nennt Rzepka das.

Amberg ist die einzige kreisfreie Stadt in Bayern ohne AfD im Stadtrat

43.000 Einwohner*innen hat Amberg. Junge Leute kommen in die Stadt, um an der Ostbayerischen Technischen Hochschule zu studieren. Der größte Arbeitgeber ist Siemens. Den Menschen geht es vergleichsweise gut, das Bruttoinlandsprodukt liegt über dem Bundesschnitt. Ab den Zehnerjahren gab es einen Zuzug von Migranten, der Ausländeranteil hat sich fast verdoppelt, ist aber immer noch geringer als bundesweit.

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Die Amberger*innen wählen mehrheitlich rechts. Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten 40 Prozent für die CSU und 21 Prozent für die AfD. Trotzdem ist Amberg die einzige kreisfreie Stadt in Bayern ohne AfD im Stadtrat. „Die haben es nicht auf die Reihe gekriegt, vor der Kommunalwahl eine Liste aufzustellen“, sagt Rzepka schadenfroh. Ein großes Glück sei das gewesen. „Sonst hätten wir jetzt wahrscheinlich einen AfD-Oberbürgermeister. Dann stünden wir wieder stramm an der Straße.“ Er deutet eine Armhebung an. Nein, das wolle er nicht, und dazu stehe er auch. „Wenn geblökt und geschrien wird auf der rechten Seite, dann muss man Contra geben. Das hatten wir schließlich schon mal. Ich will mir nicht sagen lassen hinterher, ich hätte nicht den Mund aufgemacht.“

Frau R. vor ihm im Frisierstuhl schweigt. Es ist kein feindliches Schweigen. Man kennt sich hier, man hält sich aus, auch wenn der Friseur eine andere Meinung vertritt als Frau R.s Mann und möglicherweise auch sie selbst. Rzepka föhnt noch ihre Haare. Dann zahlt Frau R., 30 Euro kostet der Schnitt.

Beim Rausgehen eine letzte Frage: Kann sie etwas mit dem Wort „salonfähig“ anfangen? Sie zeigt auf das Schild vor der Scheibe. „So heißt der Salon.“ Ansonsten kenne sie es nicht.

Das Elitäre, das Bildungsbürgerliche klingt bei dem Wort "salonfähig" bis heute mit

Der Begriff „salonfähig“ geht auf die adlige Salonkultur zurück, die im 18. und 19. Jahrhundert von bürgerlichen Kreisen übernommen wurde. Das künstlerisch interessierte Bildungsbürgertum traf sich zu Lesungen, Konzerten und Diskussionen in privaten Salons, die häufig von Frauen organisiert wurden. Was hier üblich war, galt als „salonfähig“. Bei den Treffen mischten sich zwar Adel und Bürgertum, sie standen aber längst nicht allen Menschen offen. Das Elitäre, das Bildungsbürgerliche klingt bei dem Wort bis heute mit.

Es sei denn, man nutzt es wie Bernd Rzepka für einen Friseursalon, wo jede und jeder kommen kann, und gibt ihm so eine demokratische Wendung. Wobei sein Laden alle halbe Jahr tatsächlich zu einer Art literarischen Salon wird. Dann tauschen Rzepka und seine Freundin die Shampoos in den Regalen gegen Weingläser. „Das sieht viel schöner aus, ich sollte es so lassen“, scherzt er. Seine Partnerin erzählt an diesen Abenden Märchen, er musiziert dazu. Bernd Rzepka führt noch ein zweites Leben, als „Bernd von Ammenberg“: An den Wochenenden tritt er als Musiker für mittelalterliche Musik auf, er spielt Drehleier, Dudelsack oder Gambe und singt. Er unterrichtet zudem mittelalterlichen Tanz. Nicht nur auf Märkten, auch im Salon: Ein Mal im Monat schiebt er die Stühle zur Seite und verwandelt den Laden in einen Tanzsalon.

Jetzt kehrt er die Haare zusammen wie nach jedem Termin und geht dann zielstrebig nach hinten in den Nebenraum. Er hat einen Fahrradspiegel so montiert, dass er die Tür im Blick hat und gleichzeitig sitzen und rauchen kann. Früher habe er Filterzigaretten Kette geraucht, heute bevorzugt er E-Zigaretten. Vor einiger Zeit hatte er einen leichten Schlaganfall, seitdem achtet er etwas mehr auf sich.

Bernd Rzepka hat ein paar Mal gezogen, da klingelt das Telefon, ein schwarzer Apparat mit Schnur auf dem Kassentisch. Er eilt nach vorne. „SalonFähig, Rzepka, grüß Gott“, sagt er. Beim „o“ von Salon geht er mit der Stimme nach unten, der Name wird „Tschepka“ gesprochen. Seine Eltern waren Flüchtlinge aus Oberschlesien, er selbst hat – bis auf einen Abstecher nach München – immer in Amberg gelebt. Es gebe nur noch Termine ab Donnerstag kommender Woche, sagt er in den Hörer, trägt die Person ins Buch ein und wünscht zum Abschied: „Halten Sie durch!“

Kaum ist er hinten, läutet das Telefon erneut. Und wieder: „SalonFähig, Rzepka, grüß Gott.“ Man versteht, warum er Sportschuhe trägt, so viel wie er läuft. Während er Haare schneidet, legt er den Hörer auch mal daneben.

Das silberne Glockenspiel läutet hell, die zweite Kundin ist früh dran. „Und was machen wir?“, fragt er. „Nur Stufen und a bisserl kürzer.“ „Mit Waschen?“ „Des hob i scho.“ Bernd Rzepka sprüht etwas Wasser aufs halblange graue Haar. Auch diese Kundin, eine Gärtnerin im Ruhestand, sagt: „Unsere Politik, unsere Regierung in Berlin ist das Hauptthema, weil jeder nur unzufrieden ist.“ Nachrichten konsumiere sie kaum noch, man lese ja nur Negatives. Sie beklagt vor allem, dass die Leute sich grundsätzlich weniger unterhielten als früher. „Alle schauen nur auf das Handy, selbst im Wartezimmer beim Arzt.“ Rzepka und sie kommen auf das Personal zu sprechen, das fehle, zum Beispiel beim Bäcker nebenan. „Corona hat alle verschluckt“, sagt die Kundin.

Geht man hinüber in die Bäckerei, erzählen sie dort, dass eine Mitarbeiterin schwanger geworden sei, sie hätten niemanden mehr für den Verkauf gefunden. Seit der Pandemie hat die Bäckerei deshalb nur noch bis 14 Uhr auf. Wo die Menschen sind? „Beim Jobcenter“, glaubt eine Verkäuferin. Der Unterschied zwischen den Löhnen und dem Bürgergeld sei zu gering, da blieben die Leute lieber zu Hause, als hart zu arbeiten.

Auch die Metzgerei gegenüber hat montags bis donnerstags nur noch bis 14 Uhr auf. Wer seine Leberkässemmel nicht missen will, muss zeitig kommen. Mittags bildet sich eine Schlange vor der Theke. Zwei Vollzeitkräfte seien gegangen, erzählt die Chefin. Seitdem haben sie kürzer auf. „Das hätten wir sonst nicht stemmen können.“ Das Bürgergeld sei nur ein Grund für das fehlende Personal. „Die jungen Leute wollen lieber studieren und reisen und nicht von 8 bis 17 Uhr im Laden stehen.“ Es gebe zudem einfach weniger junge Leute. Ausländer könne sie wegen der Sprache nicht ohne Weiteres im Verkauf beschäftigen. „Die Lage ist echt schwierig“, sagt sie.

Die Ursachen des Fachkräftemangels sind gut erforscht. Die Älteren gehen in Rente, es gibt weniger junge Menschen, und von denen interessieren sich nicht genug für eine Ausbildung. Zum Teil übernehmen Migranten die Jobs: Die Mehrheit der erwerbstätigen Geflüchteten, die in den Zehner Jahren nach Deutschland kamen, übten 2023 eine qualifizierte Tätigkeit aus. Es werden aber noch mehr ausgebildete Leute gebraucht.

Wer meint, Empfänger*innen von Bürgergeld – oder Grundsicherung, wie es jetzt heißt – würden lieber auf dem Sofa sitzen als zu arbeiten, der suggeriert, dass sie diese Lücke füllen könnten. Das geht aber nicht ohne Weiteres. Viele haben keinen Berufsabschluss oder sprechen nicht gut genug Deutsch. Ein Teil stockt auch nur auf, andere haben gesundheitliche Einschränkungen oder kümmern sich um Angehörige. Es gibt zwar Arbeitslose, die selbst sagen, dass sich ein Job für sie nicht lohnen würde. In einer repräsentativen Befragung unter Bürgergeldempfänger*innen gaben 15 Prozent an, sie würden nicht aktiv nach einer neuen Stelle suchen, ihre finanzielle Lage würde sich dadurch nicht verbessern. Allerdings müssen sie, wenn sie sich nicht bewerben, mit Sanktionen des Jobcenters rechnen.

Corona als Einschnitt

„Bist du jetzt alleine?“, fragt der dritte Kunde in Rzepkas Salon, ein stämmiger Mann mittleren Alters – und schon sind auch sie beim Fachkräftemangel. Bernd Rzepka hat im Jahr 2000 seinen Meister gemacht und den Salon übernommen, damals mit sechs Angestellten. Die vielen Frisiertische mit Spiegel zeugen noch von der Zeit, als ein ganzes Team hier Haare schnitt. Rundbürsten in allen Größen stehen in Blumentöpfen, in den Regalen liegen Dutzende eingerollte Handtücher.

Während Corona musste Rzepka den Laden zeitweilig schließen. Er hatte keine Einnahmen, seinen Mitarbeiterinnen kündigen wollte er aber nicht. „Ich schmeiße doch nicht meine Leute raus, nur weil es gerade eine Krise gibt.“ Er bekam Coronahilfen, die hätten aber nur einen Teil der Schulden gedeckt. Die Pandemie habe auch auf Kundenseite viel verändert, erzählt er. Während des Lockdowns konnten die Menschen nicht zum Färben kommen, der Ansatz wuchs raus. Erst einmal, beim zweiten Lockdown noch mal. Viele Ältere hätten danach nicht wieder angefangen zu färben.

Zuletzt hatte Bernd Rzepka zwei Mitarbeiterinnen, eine zog weg, die andere ging in Rente und kommt nur noch tageweise in den Salon. Der 58-Jährige arbeitet heute viel allein. Er ist zufrieden damit. „Neues Personal findet man eh nicht“, sagt er. Der Kunde vor ihm antwortet: „Es sind doch so viele Ukrainer hier. Aber die kriegen ja Bürgergeld, dann haben sie genug.“

Nun könnte man feststellen: Es ist in Amberg heutzutage offenbar salonfähig zu sagen, dass Arbeitslose – und speziell die Migranten unter ihnen – lieber Geld vom Staat beziehen als zu arbeiten. Dass Menschen beim Friseur und beim Bäcker so reden, könnte man als Indiz werten für eine Verschiebung der öffentlichen Debatte nach rechts. Aber ganz so simpel ist es nicht, wie sich an diesem Tag noch herausstellen wird.

Trump bricht ständig Tabus. Ein Prozess der Gewöhnung setzt ein, andere rassistische Äußerungen wirken im Vergleich dazu nicht mehr so schlimm

Um zu verstehen, was in einer Gesellschaft als salonfähig gilt und was nicht, hilft das Modell des Overton-Fensters. Es geht zurück auf den 2003 verstorbenen US-amerikanischen Politikberater Joseph P. Overton und beschreibt, in welchem Rahmen politische Ideen in einer Gesellschaft akzeptiert sind. Was außerhalb des Fensters liegt, gilt als zu radikal, als Tabu.

Wenn sich Werte verändern, verschiebt sich das Overton-Fenster. Ein Beispiel ist der Umgang mit Homosexualität. Schwule wurden in der Bundesrepublik lange kriminalisiert, dabei entsprach das nicht mehr der liberaleren gesellschaftlichen Realität, das Overton-Fenster hatte sich verschoben. 1994 beschloss das Parlament die Streichung des Paragrafen 175. Die Akzeptanz nahm weiter zu, mit ihr verschob sich das Fenster weiter, 2017 konnte die Ehe für alle eingeführt werden.

Laut Overtons Modell unterstützen Politiker*innen Ideen, die sich innerhalb des Fensters befinden, weil sie ja gewählt werden wollen. Sie können aber auch selbst für eine Verschiebung des Rahmens sorgen. Donald Trump ist ein Meister darin. Er sagt ständig, was eigentlich als unsagbar gilt. Wenn er behauptet, Migranten aus Haiti würden Hunde und Katzen essen oder wenn er ein Video teilt, in dem die Obamas als Affen dargestellt werden, dann bricht er Tabus. Ein Prozess der Gewöhnung setzt ein, andere rassistische Äußerungen wirken im Vergleich dazu nicht mehr so schlimm. Das Overton-Fenster verschiebt sich. Auch in Europa nutzen Rechtspopulist*innen diese Strategie.

Um kurz nach 11 Uhr betritt der nächste Kunde den Laden, ein Arzt. Als er hört, dass eine Journalistin da ist, winkt er ab. Er spricht lieber mit Rzepka allein.

Der Friseur unterhält sich gerne mit seinen Kunden. Sie kommen aus allen Altersgruppen und Schichten. Mal sprechen sie über Politisches, mal über Persönliches. „Meine Scheidung haben sie live miterlebt.“ Eigentlich hätte er Buchhalter werden sollen, erzählt Rzepka. Er besuchte eine Wirtschaftsschule in Amberg, war beim Friseur und dachte: Das bringt bestimmt mehr Spaß.

Als er das Friseurhandwerk lernte, trugen die Frauen noch Dauerwellen und die Männer Vokuhila-Frisuren. Heute sieht man Dauerwellen wieder, allerdings bei jungen Männern. „Können Sie das denn?“, habe ihn ein Junge gefragt, der den Pony gelockt haben wollte und die Seiten kurz. „Alpaka-Look“ nennt Bernd Rzepka diese Frisur. „Ich komme aus den 80ern, natürlich kann ich das“, habe er geantwortet und Wickler und Flüssigkeit bereitgestellt.

Was andere Leute denken, ist mir egal. Ich nehme kein Blatt vor dem Mund.

Kundin Frau R.

Ein paar Minuten vor 13 Uhr läutet das Glockenspiel, eine Frau mit kurzen grauen Haaren kommt in den Salon. Wieder eine Frau R., ebenfalls Stammkundin. „Besser zu früh als zu spät“, verkündet sie und rollt dabei das „r“ wie viele in der Oberpfalz. Sie ist Mitte 50. Lange hat sie in einem Laden gearbeitet, aber das geht nicht mehr, wegen der Gesundheit. Frau R. hat Probleme mit der Bandscheibe. Leicht gebeugt läuft sie zu einem der Sessel.

Bernd Rzepka legt ihr den Umhang um. „Wie geht’s der Katze?“, fragt sie. „Gut“, sagt er. Als er im Urlaub war, habe sie im Barbershop gefragt, wie viel der Schnitt koste, erzählt sie. 38 Euro hätten die gewollt, weil sie eine Frau sei. Dabei habe sie doch kurze Haare, eine Männerfrisur. „Ich kann mir auch Frischhaltefolie umbinden, dann ist der Busen weg.“ Was die Leute denken, sei ihr egal, sagt sie. „Ich nehme kein Blatt vor den Mund.“ Es klingt trotzig. Bei Bernd Rzepka kostet Schneiden pur 30 Euro. Sie ließ die Haare dran und sitzt nun bei ihm. „Du bist mir immer noch der liebste Friseur“, sagt sie.

Frau R. und Bernd Rzepka haben bei vielem verschiedene Meinungen, aber auf Barbershops sind sie beide nicht gut zu sprechen. Rzepka schimpft, die Barber machten das Friseurhandwerk kaputt, weil ihnen die Ausbildung fehle. Er vermutet auch, dass den Angestellten nicht immer Mindestlohn bezahlt wird. Er bemühe sich, keine Ressentiments zu entwickeln, sagt er. „Wo sie herkommen, ist mir schnuppe, aber sie sollen sich an die Regeln halten.“ Er selbst kämpft gerade mit dem Finanzamt, sie wollten die Terminbücher von 2021 einsehen, aber die hat er schon weggeschmissen. „Ich werde gegängelt und die können machen, was sie wollen.“

Barbershops gibt es inzwischen in vielen deutschen Städten. Sie verändern die Branche: Kunden freuen sich über die häufig billigeren Preise. Dank der Barber interessieren sich auch mehr junge Männer für eine Ausbildung als Friseur.

Viele alteingesessene Friseure sehen die neue Konkurrenz allerdings kritisch. Seit einigen Jahren gibt es vermehrt Kontrollen. Dabei werden in manchen Läden laut Behörden Verstöße festgestellt, etwa weil kein Meister anwesend ist oder wegen Schwarzarbeit. Andere erfüllen aber die Vorgaben. Damit jene Barber und Friseure, die sich an die Regeln halten, nicht unter Wettbewerbsverzerrungen leiden müssen, hat der Bundestag das Friseurhandwerk Ende 2025 in den Katalog der Schwarzarbeitsbranchen aufgenommen. Die Salons sollen so leichter kontrolliert werden können.

Der Döner schmeckt nicht mehr

„Die kleinen Einzelhändler, vor allem die Deutschen, die brauchen uns als Kunden“, sagt Frau R. „Hier kann ich mich auch auskotzen, wenn mir irgendwas nicht passt.“ Auf die Frage, was sie denn beschäftige, beginnt sie zu schimpfen. „Es fängt schon mit den Fahrrädern und E-Scootern an, die durch die Stadt rauschen.“ Die sollten auf Ältere mehr Rücksicht nehmen. Überhaupt ändere sich in Amberg zu schnell zu viel. Sie erzählt vom Döner bei einem bestimmten Imbiss, der nicht mehr schmecke. „Sie backen das Brot nicht mehr selber. Ich mach mir in Zukunft meinen eigenen Döner.“ Um im nächsten Atemzug einen anderen Imbiss zu empfehlen. „Die kenne ich gut, die kommen aus Syrien. Die Frau arbeitet im Krankenhaus, die können alle Deutsch, gegen die habe ich nichts. Nur gegen die, die Deutschland auf der Tasche liegen.“

Sie selbst kriege ja auch nichts, dabei könne sie wegen ihrer Gesundheit nicht arbeiten. Warum sie nicht zum Amt gehe? „Ich will mit dem deutschen System nix zu tun haben.“ Etwas später sagt sie: „Man müsste die Grenzen schließen, und jeder, der sich schlecht benimmt, fliegt raus.“ Dass Innenminister Alexander Dobrindt von der CSU Grenzkontrollen eingeführt hat, reicht ihr nicht. „Die kommen doch trotzdem ins Land. Eigentlich sollte es in Deutschland wie in der DDR sein, mit einer Mauer drumherum.“ Auch Bernd Rzepka staunt angesichts dieser Aussage. Die meint sie aber nicht ernst. Oder doch? „Das ist Sarkasmus“, sagt sie, dabei lacht sie schelmisch.

Die Haarreste rieseln auf den schwarzen Umhang. Rzepka föhnt sie weg, hängt den Föhn samt Kabel mit geübter Handbewegung über den Ständer und hält den Spiegel an ihren Hinterkopf. Fertig.

Frau R. hinterlässt Eindruck. Wenn es normal ist, dass beim Friseur so über Migranten geredet wird, zeigt das, wie weit sich das Overton-Fenster bereits nach rechts verschoben hat. Würde man denken. Wäre da nicht die Studentin, die eine Stunde später auf dem Frisiersessel Platz nimmt. Eine schlanke junge Frau mit schmalem Gesicht, auch sie trägt die Haare kurz.

Frau G. setzt die Brille ab, Bernd Rzepka beginnt zu schneiden. Die 22-Jährige studiert in Amberg Medientechnik. Sie informiere sich vor allem über Instagram und Tiktok, erzählt sie, während sie ohne Brille mit verwaschenem Blick Richtung Spiegel schaut. „Das sind die am einfachsten zugänglichen Quellen.“ AfD-Inhalte würden ihr da nicht eingespielt. Sie bemerke in ihrem Umfeld nicht, dass die Rechten stärker geworden seien. Im Gegenteil, sie erlebe in Amberg eher einen zunehmenden Druck von links. Die meisten ihrer Freunde seien sehr links ausgerichtet. „Manche feiern das wie eine Kirche. Sie reden über nichts anderes mehr.“ „Besser sehr links als sehr rechts“, wirft der Friseur ein. „Extrem ist immer schlecht“, entgegnet die junge Frau.

Wenn jemand beurteilen kann, ob und wie sich der Rahmen des gesellschaftlich Akzeptablen in Amberg tatsächlich verschoben hat, dann ist das Bernd Rzepka, schließlich redet er fast täglich mit den Leuten, und das seit Jahrzehnten. „Anders als früher brauchen sich die aus der rechten Ecke nicht mehr zu verstecken“, sagt er. „Die können öffentlich ihren Müll verbreiten.“ Hass und Hetze seien in Amberg nicht üblich gewesen, sagt der Friseur. „Es gab früher nur eine kleine Gruppe von Idioten aus der Naziszene hier. Mit der AfD blüht das jetzt auf.“

Wie aber passt das mit dem verstärkten Druck von links zusammen, den die Studentin G. beschreibt? Nun ist es Zufall, wer an diesem Tag in Rzepkas Salon kommt. Dass Frau G. so anders redet als Frau R., weist allerdings auf ein gesamtgesellschaftliches Phänomen hin: Die Wahrnehmung der Wirklichkeit unterscheidet sich stark, viele leben in ihrer eigenen Bubble.

Vielleicht gab es nie eine geteilte Wahrnehmung der Wirklichkeit

Das hängt auch mit dem veränderten Medienkonsum zusammen. Von den Kunden, die sich an diesem Dienstag die Haare schneiden lassen, schauen manche ab und zu noch Nachrichten. Zeitungen lesen die meisten nicht. Weil die Meldungen oft negativ sind, kapseln sich einige ganz ab. Die Jüngeren informieren sich vor allem über die sozialen Medien. Mit klassischen Medien kommen sie, wenn überhaupt, dann vor allem über Podcast-Angebote in Kontakt.

Ohne gemeinsame Medien wird es viel schwieriger, sich darüber zu verständigen, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Die türkisch-amerikanische Soziologin Zeynep Tufekci hat das bereits in Donald Trumps erstem Wahlkampf 2016 in der New York Times beschrieben. Jahrzehntelang hätten Journalist*innen als Gatekeeper fungiert. „Sie entschieden, welche Ideen öffentlich diskutiert werden durften und was als zu radikal galt.“ Das sei vorbei, mit Twitter und Co habe sich eine eigene mediale Welt geöffnet ohne Gatekeeper, schrieb sie. Ein alternatives Universum, in dem wilde Fake News kursierten. Tufekcis bitteres Fazit: Das Overton-Fenster ist zerbrochen.

Das hieße, es gibt gar keinen gemeinsamen Rahmen mehr von Ideen, die als gesellschaftlich akzeptabel gelten. Eine vernichtende Analyse. Aber stimmt sie auch?

Die US-amerikanische Gesellschaft ist stärker polarisiert als die deutsche. Dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit auseinander driftet, lässt sich allerdings auch hierzulande beobachten. Was als sagbar gilt, unterscheidet sich je nach Milieu und Gruppe. Statt daraus zu schließen, dass das Overton-Fenster zerbrochen ist, könnte man auch sagen: Es gibt nicht mehr nur das eine Fenster, sondern viele. Etliche Rahmen sind sicherlich nach rechts gerückt, wie Bernd Rzepka es beschreibt. In anderen Gruppen befindet sich das Fenster zeitgleich links. Oder noch mal woanders, wie etwa bei Anhänger*innen von Verschwörungsideologien. Auch die kommen zum Haareschneiden in Rzepkas Salon und warnen den Friseur vor Impfungen oder giftigen Kondensstreifen am Himmel, erzählt er.

Radikale Ansichten sind gesellschaftlich akzeptierter

Wie unterschiedlich die Wirklichkeiten sind, in denen Menschen leben, zeigt schon das Wort „salonfähig“. Mehrere von Rzepkas Kunden an diesem Dienstag wissen nichts mit dem Adjektiv anzufangen, es gehört nicht zu ihrem Sprachgebrauch. Den Friseur überrascht das nicht. Er sei schon manchmal gefragt worden: „Ach, Sie heißen gar nicht Herr Fähig?

Dass viele das Wort „salonfähig“ nicht kennen, dürfte früher nicht anders gewesen sein. Vielleicht ist die Vorstellung, dass es mal eine geteilte Wahrnehmung der Wirklichkeit gab, auch eine Illusion. Vielleicht gab es die nie, und durch die sozialen Medien wird das jetzt lediglich stärker sichtbar. So wie mit den Lockdowns bei vielen die echte Haarfarbe erkennbar wurde, so treten die Meinungen im Internet nun deutlich zutage.

Dazu passt die Analyse des Politikwissenschaftlers Vicente Valentim, dessen Buch „Die Normalisierung der radikalen Rechten“ im Mai auf Deutsch erschienen ist. Seine zentrale These lautet, dass ein Teil der Leute in westlichen Demokratien nicht plötzlich radikalere oder rassistischere Meinungen hat, denn solche Einstellungen änderten sich nur langsam. Valentim sagt, dass viele ihre Meinungen bisher nur nicht zu äußern trauten, weil sie Angst hatten, dafür verurteilt zu werden. Mit der Normalisierung rechtspopulistischer Aussagen und Parteien ändere sich das. Der Erfolg der AfD kommt also laut Valentim nicht aus dem Nichts, sondern zeigt, dass bereits vorhandene radikale Ansichten gesellschaftlich akzeptierter geworden sind.

Die Frage ist, ob es zwischen den verschiedenen Overton-Fenstern, zwischen den verschiedenen Rahmen des heute Sagbaren noch eine Schnittmenge gibt. Einen Ausschnitt, durch den viele schauen, auf den sich ein Großteil der Gesellschaft noch verständigen kann. Auf dessen Grundlage man weiter miteinander sprechen und Dinge aushandeln kann.

Hört man den Menschen in Amberg zu, dann ist das am ehesten die Akzeptanz des demokratischen Systems. Keine der Kund*innen an diesen Tag stellt es infrage. Ein sportlicher junger Mann, ein angehender Motoringenieur, sagt das ganz explizit. „Die Leute lehnen die Demokratie an sich nicht ab. Sie sind nur unzufrieden damit, wie Politik gemacht wird.“ Dass etwa Dorothee Bär den Bafög-Satz nicht erhöhen will, habe viele in seinem Freundeskreis sehr enttäuscht. Seine Einschätzung entspricht den Ergebnissen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung: Demnach befürworten 82 Prozent die liberale Demokratie, auch wenn die Umsetzung häufig kritisch gesehen wird.

Letztlich ist auch der Laden in der Georgenstraße in Amberg eine Schnittmenge: Auf Bernd Rzepka können sich all die unterschiedlichen Kund*innen einigen. Er ist Zuhörer, Moderator, Gatekeeper in seinem Geschäft. „Ich komme mit jedem klar, außer mit Nazis, die will ich nicht im Laden haben“, sagt er. Und wie tickt er selbst politisch?

In der Pause erzählt der Friseur bei der E-Zigarette im Nebenraum, dass er früher SPD gewählt habe, auch mal die Grünen. Deren Programm finde er am besten. „Aber für grüne Visionen verdiene ich zu wenig. Ich habe kein Geld für eine neue Heizung.“ Die Politik erlebe er zunehmend als arrogant und weltfremd. „Ich werde nie ein Nazi, aber ich bin auch nicht zufrieden.“

Bernd Rzepka wurde mit den Protesten gegen die Atomwiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf politisiert, das liegt rund 30 Kilometer südöstlich von Amberg. „Schwarz wählt man nicht, das war klar“, erzählt er. Trotzdem habe er bei der letzten Wahl für Friedrich Merz gestimmt. Er traue keiner Partei mehr etwas zu, sagt er, und Merz stellte immerhin die Abschaffung der aus seiner Sicht nervigen Bonpflicht in Aussicht, also dass er nach jedem Haarschnitt einen Kassenbeleg ausstellen muss.

Woher aber kommt die große Unzufriedenheit, die an diesem Tag im Salon immer wieder durchklingt? Viele in Amberg haben ein Auto, ein Eigenheim, ein Auskommen. Eigentlich geht es ihnen gut. Das Problem liegt möglicherweise mehr in der Zukunft als im Jetzt. Was fehlt, ist eine sichere Perspektive. Die Wirtschaft schwächelt, das alte Aufstiegsversprechen gilt nicht mehr. Die Welt der Trumps und Putins ist unberechenbar geworden, und dass die Bundesregierung an diesen Dingen etwas ändern könnte, glauben viele nicht.

Das kommt nicht von ungefähr. Der Handlungsspielraum von Merz und Co ist angesichts der globalen Probleme ja tatsächlich begrenzt. Pandemie, Kriege, Klimakrise – daneben wirkt die deutsche Regierung einigermaßen ohnmächtig. Wenn Schwarz-Rot sich dann auch noch öffentlich streitet und fragwürdige Entscheidungen – wie etwa die Krankschreibung ab dem ersten Tag – trifft, der Bafög-Satz stagniert, die Abschaffung der Bonpflicht auf sich warten lässt, wenn der Bäcker schon um 14 Uhr schließt oder der Döner nicht mehr schmeckt, dann ist der Frust groß. Hetze verfängt dann leichter und die richtet sich nicht gegen die Starken, etwa gegen Überreiche, sondern gegen die Schwächeren der Gesellschaft.

Der rechte Spuk

Das silberne Glockenspiel läutet, die letzte Kundin an diesem Tag kommt herein, eine junge Frau in rosa Jacke mit Blumenmuster und weißen Turnschuhen. Sie arbeitet in einer Bank und studiert nebenbei. Manche ihrer Bekannten überlegten tatsächlich, die AfD zu wählen, erzählt sie, während Rzepka ihre langen dunklen Haare schneidet. „Protestwählen finde ich komisch“, sagt sie. Sie müsse in letzter Zeit öfters an ein Video von Margot Friedländer denken, das ihr bei Instagram eingespielt wurde. Da sagt die verstorbene Holocaustüberlebende: „Damals hat es genauso angefangen.“

Ob die Bekannten der jungen Frau die AfD wirklich aus Protest wählen würden? Oder haben sie schon länger eine radikale Einstellung und trauen sich jetzt erst, sie zu äußern, wie Vicente Valentim wohl vermuten würde? Von den Antworten auf solche Fragen hängt auch ab, ob sich der rechte Spuk bald wieder verflüchtigen könnte. Oder ob er bleibt.

17.30 Uhr, Feierabend. Der Friseur zählt das Geld in der Kasse. 258 Euro hat er an diesem Dienstag eingenommen, für Bernd Rzepka ein durchschnittlicher Umsatz. Er schlüpft gerade pfeifend in seine Jacke, da klingelt das Telefon. „Leute, es ist zu“, ruft er Richtung Apparat. Er macht das Licht aus. Für heute waren es genug Kundengespräche. Morgen wird er wieder zur Stelle sein.

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