: Ein Schlamassel der deutschen Erinnerungskultur
In Stuttgart verhandelt ein Sprech- und Musikrundgang die Geschichte des Höhenparks Killesberg zwischen Idylle und NS-Geschichte
Von Mira Anneli Naß
Der Killesbergpark in Stuttgart-Nord ist eines der beliebtesten Naherholungsgebiete der Stadt. Er liegt in unmittelbarer Nähe der Kunstakademie und grenzt an die berühmte Weißenhofsiedlung, die bald Jubiläum feiert: Im Auftrag des Deutschen Werkbundes entwarfen namhafte Architekten des Neuen Bauens wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Hans Scharoun unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe 1927 eine Mustersiedlung von 21 Häusern. Die Nazis diffamierten sie später als „Araberdorf“ und „Klein Jerusalem“. Trotzdem diente sich ihnen unter anderem Mies van der Rohe zunächst an.
Die Weißenhofsiedlung gilt heute auch wegen ihrer historischen Ambivalenzen als architektonisches Paradebeispiel für die frühe Moderne. Die Geschichte des nahe gelegenen Höhenparks ist dagegen kaum bekannt. Dabei manifestieren sich hier besonders eindrücklich eine Dialektik der Moderne und Fragen der Kontinuitäten von NS-Kulturpolitik. Ihnen widmet sich der Sprech- und Musikrundgang „Schlamassel“, der von Aliki Schäfer und Andreas Vogel von der Künstler:innengruppe BSV in Kooperation mit der Akademie für gesprochenes Wort Stuttgart konzipiert wurde.
Die anderthalbstündige Performance konfrontiert die Geschichte des Ortes an mehreren Stationen mit aktuellen jüdischen Perspektiven: Auszüge aus Interviews mit Stuttgarter Jüdinnen:Juden erzählen von deren Verhältnis zu Deutschland und Israel, vom Rechtsruck in beiden Gesellschaften, vom deutschen Umgang mit Geschichte und einer ritualisierten Erinnerungskultur, von Antisemitismus und dem 7. Oktober, aber auch von romantischen Verabredungen oder LSD-Trips im Park.
Der vielstimmige Chor zeichnet kein einheitliches Bild von jüdischem Leben, sondern vermittelt individuelle Perspektiven und Widersprüche. Die Berichte werden von den Sprecher:innen Jule Hölzgen und Mario Pitz in Adidas-Trainingsanzügen vorgetragen. Theatrale Strategien des Einfühlens sollen vermieden und ästhetische Distanz gewahrt werden, wobei die Performance ohnehin von Vogelgezwitscher und dem Gelächter feiernder Jugendgruppen begleitet wird.
Die dokumentarischen Fragmente werden mit Ausführungen zu Geschichte und Gegenwart des Ortes verwoben: Unter Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter:innen entstand der Höhenpark anlässlich der Reichsgartenschau 1939 nach Plänen des Gartenarchitekten Hermann Mattern auf dem Gelände eines Sandsteinbruchs. Mattern bekleidete zeitgleich den Posten eines „Landschaftsanwalts“ für den Bau der Reichsautobahn. 1935 entwarf er den Privatgarten von Albert Speer in Berlin-Schlachtensee.
Bereits 1939 wurde im Park die Liliputbahn installiert, eine kleine Eisenbahn, mit der das Areal bis heute in Personenwagen aus der NS-Zeit erkundet werden kann. Zwischen 1941 und 1944 nutzten die Nazis das weitläufige Gelände als Sammellager für knapp 3.000 Jüdinnen:Juden sowie Sinti:Sintize die vom Nordbahnhof aus in die Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und Theresienstadt, nach Riga und Iżbica deportiert wurden.
Im Höhenpark erinnert daran seit 1962 ein Mahnmal, das 2013 nach Plänen der Künstlerin Ülkü Süngun um einen in den Boden eingelassenen großen Kreis aus Stahlprofil und Beton erweitert wurde. 1950 fand im Höhenpark die Deutsche Gartenschau statt. Als deren künstlerischer Leiter zeichnete wiederum Mattern verantwortlich, der damals auch in die Planung der ersten „documenta“ involviert war. Er übersetzte vormals eckige Beete und Teiche in eine organische Formensprache. 1961 und 1977 folgte die Bundesgartenschau, 1993 die Internationale Gartenbauausstellung.
Im Park stehen bis heute Werke von Stuttgarter Bildhauern aus der Zeit der NS-Gartenschau. Exemplarisch macht die Performance auf drei unscheinbare Skulpturen aufmerksam: Josef Zeitlers „Hirschkuh mit Kalb“ galt nach 1945 als vermisst. 2008 wurde sie auf dem Speicher des Garten- und Friedhofsamtes entdeckt und wieder aufgestellt. Von Zeitler stammt neben dem volkstümlichen Hans-im-Glück-Brunnen in der Stuttgarter Innenstadt auch die Bronzeplastik „In Polen brummt ein wilder Bär“. Das NS-Propagandawerk entstand anlässlich des deutschen Überfalls auf Polen.
Die „Stehende“ von Fritz Nuss wiederum war 1938 zunächst auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München zu sehen, an der Nuss mehrfach teilnahm. An ihrem jetzigen Standort im „Tal der Rosen“ steht sie seit 1950. Der Künstler, zu dessen Käufern Nazigrößen wie Adolf Hitler oder Martin Bormann zählten, war im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter tätig. Von 1952 an lehrte er an der Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Noch 1985 gestaltete er eine Medaille zu Ehren Arno Brekers, einem der prominentesten Künstler des Nationalsozialismus.
Breker gehörte zu den 114 Bildhauern und Malern auf Hitlers „Liste der Gottbegnadeten“, die als „unabkömmlich“ galten und vom Front- und Arbeitseinsatz verschont blieben. Zu ihnen zählte auch der Stuttgarter Bildhauer Fritz von Graevenitz, von dem neben einem Bronze-Reh sowohl 1939 als auch 1950 ein „Steigendes Pferd“ auf dem Gelände des Höhenparks platziert wurde. Von Graevenitz hatte ebenfalls mehrfach an der Großen Deutschen Kunstausstellung teilgenommen und Hitler porträtiert. Er war Mitglied im Stahlhelm und dem NS-Altherrenbund. Ab 1937 lehrte er an der Stuttgarter Kunstakademie, deren Leitung er bis 1946 offiziell innehatte. 1940 erschien seine Tornisterschrift „Kunst und Soldatentum“.
Deutschlandweit finden sich bis heute zahlreiche Arbeiten von ihm im öffentlichen Raum. Seinem Reichsadler an der Rosenberg-Brücke in Heilbronn wurde nach Kriegsende lediglich das Hakenkreuz abgeschlagen. Seit 1958 thront der „Engel des Gerichts“ in der Stuttgarter Stiftskirche über der Gemeinde. Erst kürzlich integrierte das Graevenitz-Museum bei Schloss Solitude auf Kritik der Stiftung Geißstraße Hinweistafeln zu den Aktivitäten des Künstlers im NS in die Ausstellung. Sie zeugen von einer faszinierenden Fähigkeit zur sprachlichen Relativierung künstlerischer und individueller Verantwortung.
Die Performance belässt es nicht beim Verweis auf historische Kontinuitäten. Vor dem Eingang zur Freilichtbühne von 1939 zählen die Sprecher:innen jüngste Auftritte von Musikgruppen auf, die offen die Israelboykottbewegung BDS unterstützen.
Eine besondere Dramaturgie erhält die nüchterne Inszenierung, die Betroffenheitsgesten zu vermeiden versucht, durch musikalische Einlagen von Kasia Kadlubowska. Ihre experimentellen Stücke am Vibrafon, das wie Lautsprecher und Strahler auf Rollen durch den Park geschoben wird, begleiten die Textteile nicht nur, sondern ergänzen sie um eine weitere ästhetische Ebene. Deutlich wird das etwa in der elektronischen Vertonung eines Gedichts des polnisch-jüdischen Widerstandskämpfers Krzysztof Kamil Baczyń, der 1944 beim Warschauer Aufstand getötet wurde.
Der Rundgang entlässt das Publikum nicht mit dem Gefühl einer Wiedergutwerdung, sondern endet mit einem Schlager von 1966. In breitem, schwäbischem Dialekt besingt er einen Sommer zwischen Blumen und den Park als ein Plätzle, wo Sorgen schnell vergessen werden. Das schließt an den Beginn der Perfomance an, bei dem eine Interviewperson mit folgender Passage zitiert wird: „Ich bin durch den Killesbergpark gegangen und habe diese Gedenkstätte gesehen und dann die schönen Blumen und die schönen Skulpturen und diesen Streichelzoo. Ich dachte: Wow, ist das die Art, wie Deutsche mit ihrer Geschichte umgehen wollen? Einfach alles mit Blumen zu dekorieren?“
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen