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Ostkongress der Grünen auf RügenAuch Grüne essen Fleisch

Gesellschaftsspiele und Identitätsdepressionen: Auf ihrem zweiten Ostkongress beschwören die Grünen vor den Landtagswahlen das Prinzip Hoffnung.

Rainer Rutz

Aus Sassnitz

Rainer Rutz

Das Spiel nennt sich „Oh! Wie Osten. Das Gesellschaftsspiel, das vereint“. Und also spielen sie am Freitagabend auf der Bühne des Sassnitzer Glasbahnhofs, die zwei Bundes-Grünen aus dem Westen und die zwei Landes-Grünen aus dem Osten. Sie beantworten Quizfragen, spielen mit Bauklötzchen, malen Windräder. Manches hat auch mit dem Osten zu tun.

Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenkandidatin Claudia Müller, ihre sachsen-anhaltische Kollegin Susan Sziborra-Seidlitz und die beiden Bundesvorsitzenden Felix Banaszak und Franziska Brantner haben offenkundig Spaß an dem Auflockerspiel zum Ostkongress der Grünen, zu dem die Partei am Freitag und Samstag auf die Insel Rügen im hohen Norden geladen hat.

Parteichef Banaszak – weißes Hemd, lange Jeans, rosa Sonnenbrille – ist in einem Wohnmobil angereist. Ein Verbrenner, ausgerechnet. Zuvor hat er mit Susan Sziborra-Seidlitz auf einem Campingplatz in Sachsen-Anhalt übernachtet. Er erzählt, wie er am Grill mit den Menschen ins Gespräch kam. Rente, „die da oben“, Sterbehilfe. Auch AfD-Wähler:innen seien dabei gewesen. „Und ganz viele haben am Ende des Abends gesagt: War schön gewesen.“ Er wird die Geschichte bei dem Kongress noch ein paar Mal erzählen. Es klingt nach heiterer Sommerreise.

Die gelöste Stimmung steht auf seltsame Weise im Widerspruch zu den schweren Themen, die die 210 Teil­neh­me­r:in­nen aus dem ganzen Bundesgebiet an den beiden Tagen ansonsten in dem umgebauten Fährterminal mit freiem Blick auf die ruhige Ostsee beackern. In den Diskussionen geht es um die „Gesellschaft der Ängste“, den bröckelnden Zusammenhalt und die Bedrohung der Zivilgesellschaft, um das zurückgekehrte Phänomen rechter Jugendgewalt und die Frage: „Wie kommen wir raus aus der Identitätsdepression?“ Dies alles mit Blick auf die Situation in den ostdeutschen Flächenländern.

Holiday im Niemandsland

Für die Grünen im Osten geht es um viel. Wenige Wochen vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt steht die Partei in beiden Ländern bei 4 Prozent. Sollten die Grünen im September den Wiedereinzug in die Landesparlamente von Schwerin und Magdeburg verpassen, wären sie im Osten nur noch in Sachsen vertreten.

Der Ostkongress dient insofern der Selbstvergewisserung. Oder wie der Duisburger Felix Banaszak seine Erlebnisse aus der Wohnmobiltour zusammenfasst: Selbst im angeblich Grünen hassenden Osten „ist nicht alles verloren“. Die Demokratie und die Ideale der Partei werden auch auf einem Campingplatz in Sachsen-Anhalt verteidigt. Und wenn am Schluss bei ein paar Cam­pe­r:in­nen nur die Erkenntnis steht, „dass auch Grüne Autos fahren, in den Urlaub fliegen und Fleisch essen“, sei auch schon viel erreicht.

Thomas Mehnert ist Chef des Grünen-Kreisverbands von Vorpommern-Rügen, der mit gerade mal 270 Mitgliedern bereits der zweitstärkste in ganz Mecklenburg-Vorpommern ist. Der 27-jährige Handwerksmeister setzt insbesondere eine Hoffnung in den Kongress in seinen Landkreis: „dass wir parteiintern besser in die Vernetzung kommen“. Hinzu komme die Sichtbarkeit. „Die Menschen im Osten fühlen sich häufig nicht gehört und haben den Eindruck, in ihrer Region passiert nichts. Daher ist das ein schönes Signal hier“, sagt Mehnert zur taz.

Dass das Signal von den Menschen vor Ort erhört wird, darf bezweifelt werden. Die besten Chancen, den Landtags-Direktwahlkreis in und um Sassnitz zu gewinnen, werden einem völkischen Nationalisten von der AfD eingeräumt, der auf seinen Flyern mit der White-Power-Geste posiert. Parallel zum Ostkongress haben die Grünen am Samstag direkt neben dem Veranstaltungsort ein kleines Familienfest für die Sass­nit­ze­r:in­nen mit Hüpfburgen und Ständen organisiert. Es wird fast ausschließlich von Kon­gress­teil­neh­me­r:in­nen besucht.

Weniger Teil­neh­me­r:in­nen als beim Vorgänger-Kongress

Vielleicht ist es die Bahn, die wegen der Hitze ihren Kun­d:in­nen explizit von Reisen mit dem eigenen Unternehmen abgeraten hat. Vielleicht ist es der Umstand, dass Sassnitz im Norden Rügens nun wirklich weitab vom Schuss liegt. Auffällig bleibt, dass mit 210 Be­su­che­r:in­nen – darunter rund 70 Nicht-Parteimitglieder – weit weniger gekommen sind als vor einem Jahr in Sachsen-Anhalt, als die Partei ihren ersten Ostkongress durchgeführt hatte. Damals wurden gut 500 Teil­neh­me­r:in­nen gezählt.

Auch die Leipziger Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta nimmt in diesem Jahr nicht teil. Aber wegen Terminen im Wahlkreis, wie sie am Telefon sagt. Die Bundesspitze sollte sich lieber darum kümmern, die Grünen deutschlandweit auf Erfolgskurs zu bringen. „Es war noch nie so einfach, führende Kraft der linken Mitte zu werden“, sagt Piechotta. Ein positiver Bundestrend würde auch auf den Osten durchschlagen – und sei wirksamer als jedes Parteitreffen zum Thema, davon ist sie überzeugt.

Grünen-Chefin Franziska Brantner will das so nicht stehen lassen: „Wir gehen doch raus.“ Felix Banaszak besuche Campingplätze, sie werde jetzt mit Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenkandidatin Claudia Müller eine Werftentour machen, so Brantner zur taz. Und generell gebe der Ostkongress einfach die Möglichkeit, „einen Ort der Diskussion und zum Umgang miteinander zu etablieren“. Das sei heute so nötig wie vor einem Jahr.

„Sassnitzer Erklärung“ zur Bildungspolitik

Wichtig ist Brantner auch die Klarstellung, dass es sich bei dem Treffen in Sassnitz nicht um eine parteiinterne Palaver- und Befindlichkeitsübung handelt. So werde – anders als im vergangenen Jahr – auch ein Papier zu einem konkreten Thema verabschiedet. Mit der „Sassnitzer Erklärung“ wollen sich die Grünen stark machen für bessere Bildung im ländlichen Raum.

Brantner sagt, es könne nicht sein, „dass Eltern mit ihren Kindern jeden Morgen erst in eine kleine Weltreise antreten müssen, um zur Kindertagesstätte oder zur Grundschule zu kommen“. Auch das sei eine Frage der Chancengerechtigkeit. „Gute Bildung darf nicht davon abhängen, ob mein Kind in Dörfern wie Marienthal in Mecklenburg-Vorpommern oder Ferchlipp in Sachsen-Anhalt oder in den Innenstädten von Rostock und Magdeburg aufwächst.“

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Am Sonntag stehen im Sassnitzer Glasbahnhof noch „richtige“ Beschlüsse an. Bei einem im Anschluss stattfindenden Kleinen Bundesparteitag wollen die Grünen unter anderem über Ar­beit­neh­me­r:in­nen­rech­te in Europa, künstliche Intelligenz und den parteiinternen Umgang mit sexueller Belästigung diskutieren.

„Uns Grünen braucht echt keiner erzählen, dass Politik ein hartes Geschäft ist“, sagt die mecklenburg-vorpommersche Europaabgeordnete Hannah Neumann. Da sei es völlig okay, wenn sie bei dem Kongress auch „Kraft getankt“ habe. „Ich gehe hier jedenfalls mit guter Laune raus“, sagt Neumann zur taz.

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