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Nach den Erdbeben in VenezuelaStimmen aus den Trümmern

Internationale Teams suchen in den Trümmern nach Überlebenden. Zeitgleich haben Tausende Venezolaner die Rettungsmaßnahmen selbst in die Hand genommen.

Aus Merida

Liliana Rivas

I n La Guaira, an der Karibikküste im nördlichen Zentrum Venezuelas, herrscht zeitweise Stille, unterbrochen von Stimmen, die versuchen, durch die Trümmer zu dringen.

Wir sind das kolumbianische Rettungsteam, wenn jemand da ist, soll er jetzt schreien!

„Wir sind das kolumbianische Rettungsteam, wenn jemand da ist, soll er jetzt schreien!“, ist in einem der eingestürzten Bereiche zu hören. Minuten später durchschneidet ein weiterer Ruf die Luft: „Absolute Stille! Wir sind die Suchmannschaft aus El Salvador. Wenn noch jemand am Leben ist, soll er ein Geräusch machen!“ Zwischen diesen beiden Rufen scheint die ganze Stadt den Atem anzuhalten. Ein Geräusch unter den Trümmern ist zu vernehmen. „Ich bin hier“, ist eine Stimme zu hören.

Die Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5, die am 24. Juni den Norden Venezuelas erschütterten, waren die schwersten in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert. Sie haben ein Bild hinterlassen, das weit über die Küste hinausreicht. In Caracas, Miranda, Carabobo und Aragua wiederholen sich die Bilder von rissigen Gebäuden, teilweise eingestürzten Bauwerken und improvisierten Evakuierungen

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Die Rettungsteams – Venezolaner, Salvadorianer, Mexikaner von „Los Topos“ sowie Einsatzkräfte aus Spanien, den USA, Kolumbien, der Schweiz und Deutschland – arbeiten sich durch instabile Gebäude vor. Die Suche nach Überlebenden dauert bereits mehr als 72 Stunden. Sie hängt von winzigen Anzeichen ab: einem Geräusch, einem Signal, einer Reaktion unter Tonnen von Beton.

An vielen Orten kommt die Hilfe zu spät an

Für María Cáceres, einer Bewohnerin des Stadtteils Caraballeda in La Guaira, war die Anwesenheit dieser Teams von entscheidender Bedeutung. „Wir haben internationale Unterstützung, aber es fehlt noch mehr.“ Anwohner berichten, dass sie erst 72 Stunden nach der Katastrophe zum ersten Mal zwei Hubschrauber in der Gegend gesehen haben: einen der venezolanischen Marine und einen der US-Regierung.

Und obwohl laut offiziellen Angaben der venezolanischen Regierung 21 internationale Delegationen zur Unterstützung der Rettungsarbeiten entsandt wurden – insgesamt 2.242 Rettungskräfte und 96 Hundestaffeln –, kam die erste Hilfe vor dem Eintreffen dieser internationalen Organisationen von anderen: von Nachbarn, Angehörigen und Überlebenden, die versuchten, ohne Werkzeuge, ohne Maschinen und ohne klare Informationen darüber, wer noch am Leben war, die Trümmer wegzugraben.

An mehreren Stellen waren sie es, die als Erste mit bloßen Händen Betonbrocken beiseite räumten und dabei einfach ihrer Intuition folgten. In diesen ersten Stunden lagen Leichen auf den Gehwegen und warteten darauf, geborgen zu werden; sie waren provisorisch mit Laken bedeckt, während die Zufahrtswege weiterhin blockiert waren.

An verschiedenen Orten in La Guaira haben sich die Hilfsmaßnahmen überlagert: Nachbarn, Institutionen und schließlich internationale Teams. Doch das ist nicht überall so. An vielen Orten kommt die Hilfe weiterhin zu spät oder ohne ausreichende Koordination an. Der Hilfsbedarf in diesen Gemeinden besteht weiterhin. Laut öffentlich zugänglichen Datenbanken, die von der Zivilgesellschaft erstellt wurden, wird geschätzt, dass in der Region mehr als 100 Gebäude einen Totalschaden erlitten haben und Dutzende Hochhäuser eingestürzt sind.

Hilferufe aus dem Schutt mit dem letzten Rest Hand-Akku

Bis zum Abend des 26. Juni, so María Cáceres, wurden in den sozialen Netzwerken weiterhin Live-Videos von Menschen gepostet, die unter den Trümmern eingeschlossen waren. „Es gab Menschen, die um Hilfe riefen, während sich ihre Geräte mit den letzten Prozenten Akkuleistung ausschalteten“, sagt sie.

Die Opferzahlen haben sich seit dem ersten Tag verändert. Nach der jüngsten Bilanz der venezolanischen Behörden liegt die Zahl der Todesopfer bei über 1.400 Menschen, während in Krankenhäusern mehr als 3.200 Verletzte registriert wurden. Die Zahl der Vermissten bleibt jedoch weiterhin ungewiss: Bürgerinitiativen mit digitalen Erfassungsplattformen und humanitäre Organisationen sprechen von Tausenden Vermissten, in einigen Fällen sogar von Zehntausenden, in einem Land, in dem es immer noch Gebiete gibt, die nicht erreichbar sind oder für die noch keine vollständigen Erhebungen vorliegen.

Der Unterschied zwischen den Zahlen ist nicht nur statistischer Natur, sondern auch territorial bedingt. Er hängt davon ab, welche Gebiete erreicht wurden, welche Krankenhäuser Meldung erstatten konnten, welche Familien es geschafft haben, Kontakt zu jemandem aufzunehmen, und welche Teile des Landes weiterhin von der Außenwelt abgeschnitten sind.

„Stolz auf unsere Widerstandsfähigkeit“

Inmitten dieses Chaos stützt sich die Organisation der Rettungsmaßnahmen auch auf Improvisation. 48 Stunden nach Beginn der Suchaktionen erschwerte sich alles aufgrund der großen Zahl von Menschen, die versuchten, die Autobahn zwischen Caracas und La Guaira zu nutzen, was den Transport der Rettungsfahrzeuge zum Erliegen brachte.

Die freiwillige Ärztin Florangel Vargas bringt es so auf den Punkt: „Manchmal verstehen die Menschen nicht, dass sie Hilfsgüter, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, in einer Sammelstelle abgeben können. In den ersten Stunden nach einer Katastrophe muss man Prioritäten setzen, und deshalb müssen wir nach den Menschen suchen und den Fachkräften Raum geben, sich um sie zu kümmern. Es gab Krankenwagen, die auf der Straße durch die Autos anderer Menschen blockiert waren.“

David Aragort, ein Bürgerhelfer in Caraballeda, bestätigt diese Situation, die sich in mehreren Gebieten wiederholt hat: „Wir sind unorganisiert, das stimmt, aber es ist nicht einmal unsere Schuld; das sollte nicht auf uns abgewälzt werden“, sagt er. Viele Einwohner hatten eine schnellere Reaktion des Staates erwartet, mit schwerem Gerät und sofortigen Rettungseinsätzen. Dennoch betont Aragort, dass die Tragödie auch eine andere Seite des Landes offenbart habe. „Trotz allem bin ich als Venezolaner stolz auf die Widerstandsfähigkeit und die Unterstützung, die wir einander geben.“

Manchmal waren dort fünf Leute mit Werkzeugen und zwanzig drumherum, die nichts hatten

David Aragort, Bürgerhelfer

An manchen Stellen gibt es Werkzeuge und eine Grundausstattung, um Trümmer zu beseitigen. An anderen gibt es nur Menschen. „Manchmal waren dort fünf Leute mit Werkzeugen und zwanzig drumherum, die nichts hatten.“ Feuerwehrleute suchen trotz der Unterstützung weiterhin mit dem Licht ihrer Handys in den eingestürzten Gebäuden, weil es nicht genügend Taschenlampen gibt. Gleichzeitig bitten die Menschen weiter um Werkzeuge, da sie mit ihren eigenen Händen graben oder Betonblöcke zerbrechen mussten.

Von sechs Angehörigen blieben fünf unter den Trümmern

Innerhalb weniger Stunden sind Bürgerplattformen entstanden, um Vermisste zu erfassen, eingestürzte Gebäude zu melden und humanitäre Hilfe in einem Land zu koordinieren, dessen Krankenhäuser mit Strom-, Wasser- und Medikamentenmangel zu kämpfen haben. Diese digitalen Netzwerke fungieren mittlerweile als parallele Suchinfrastruktur in einem Land, in dem die offiziellen Kanäle es nicht schaffen, Daten in Echtzeit zu bündeln, und bei der Versorgung an ihre Grenzen stoßen.

In Playa Grande, Catia La Mar, kann selbst das Rauschen des Meeres den Lärm der Rettungseinsätze nicht übertönen. Die 25-jährige Arlen Aray versucht, die letzten Stunden ihrer Familie zu rekonstruieren. Fünf ihrer sechs Familienmitglieder wurden unter den Trümmern verschüttet. Die einzige Überlebende ist ihre Tante, die mit einem Beinbruch in ein Krankenhaus gebracht wurde. Ihren Aussagen zufolge beteiligten sich später auch Rettungskräfte aus Chile an den Sucharbeiten und konnten die unter den Trümmern Eingeklemmten lokalisieren. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, das in diesem Moment erlebt zu haben“, sagt sie.

In den ersten Stunden sah sie auch, wie sich das Stadtbild schlagartig veränderte: geplünderte Geschäfte, Menschen, die vor Apotheken und Supermärkten schliefen, und Straßen, in denen noch immer kein Strom war. Über allem lag ein Gefühl der Überforderung. „Ich verstehe immer noch nicht, wie das passieren konnte“, sagt sie.

Die Leichenhallen geraten an die Grenze ihrer Kapazität

Zwischen dem Geruch von Zement, Sand und Erde liegt Staub in der Luft, der das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken notwendig macht. Doch es gibt auch Momente der Hoffnung. An einem anderen Ort der Katastrophe wartet José Alberto Galipolli mehr als 24 Stunden darauf, dass Rettungskräfte seinen Sohn, seine Schwiegertochter und seinen Enkel unter sieben Stockwerken Beton finden. Jede Rettung hängt davon ab, selbst das leiseste Signal zwischen den Trümmern wahrzunehmen.

Schließlich gelang es, sie lebend zu finden. „Der Glaube war das Einzige, von dem ausreichend vorhanden war. In den dunkelsten Momenten ist es das Festhalten an der Hoffnung, das uns aufrecht hält“, sagt er.

Im Laufe der Stunden verschiebt sich der Schwerpunkt der Rettungsarbeiten. „Die Bedingungen in den Leichenhallen werden immer schwieriger“, warnt Ámbar Maldonado, eine Freiwillige, die in Krankenhäusern nach Vermissten sucht. „Schon einen Block weiter riecht es sehr übel.“

Bestattungsunternehmen und Leichenaufnahmestellen stoßen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Familien warten auf Identifizierungen, die sich verzögern, während Überführungen wegen fehlender forensischer Kapazitäten nur schleppend vorankommen. Der Schwerpunkt der Rettungsarbeiten verlagert sich zunehmend: weg von der Suche nach Überlebenden, hin zur Bergung von Leichen.

Unter den Trümmern tauchen Körperteile auf

Viele Venezolaner haben die vergangenen Nächte auf Plätzen, in Parks, in provisorischen Unterkünften oder auf der Straße verbracht. Menschenrechtsorganisationen berichten von immer mehr vermissten Kindern und Jugendlichen sowie Minderjährigen, die ohne ihre Angehörigen aufgefunden wurden. Vanessa Moreno von Cecodap warnt: „Es muss betont werden, dass Kinder und Jugendliche in der Eile, sie in ein Krankenhaus zu bringen oder aus den Trümmern zu bergen, nicht von ihren Eltern getrennt werden dürfen; ihre Angehörigen müssen gesucht werden.“

In San Bernardino, einem der am stärksten urbanisierten Stadtteile von Caracas, ist das Wohngebäude „Rita“ nach den Erdbeben teilweise eingestürzt. Bei den ersten Rettungsversuchen dreht sich alles um das, was fehlt: unvollständige Listen, unbeantwortete Anrufe, leise wiederholte Namen. Einer der Anführer einer Freiwilligengruppe, die an den Sucharbeiten beteiligt ist, versucht, den Zustrom von Hilfsgütern zu koordinieren, während er selbst mit einem persönlichen Schicksalsschlag kämpft: Seine gesamte Familie befindet sich in dem eingestürzten Wohngebäude – sie ist verschüttet oder wird vermisst.

Die Sucharbeiten gehen unvermindert weiter. Inmitten des Staubs bleibt ein Arbeiter neben einem Angehörigen einer vermissten Person stehen. Sie sprechen nicht viel. Sie beten nur – in einer Geste, die keinen Unterschied zwischen Glauben, Hoffnung und Erschöpfung macht. Unter den Trümmern tauchen an einigen Stellen Hände, Kleidungsfetzen oder Schuhe auf, die zwischen Betonblöcken eingeklemmt sind. Jeder Fund bringt die Arbeiten für einige Sekunden zum Stillstand.

Die Gefahr bleibt. Seit dem Hauptbeben wurden mehr als 300 Nachbeben registriert. Mitten in der Nacht ruft der venezolanische Feuerwehrmann José David an der Küste: „Macht die Taschenlampe an, macht sie an, denn vielleicht dringt das Licht durch die Risse und ihr könnt noch einen letzten Versuch unternehmen.“

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2 Kommentare

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  • Die Katastrophe kommt einem bekannt vor. Gebäude, die nicht erdbebensicher sind. Obwohl das Risiko lange bekannt ist. Wenig Strukturen und Ressourcen um mit dem erwartbaren irgendwie umzugehen. Keine Katastrophenpläne...

    Auch keine Katastrophenhilfe von Militär, obwohl da vielleicht einiges an Ressourcen existiert.

    Die Lage in den Krankenhäusern ist ebenso finster, es fehlt bei so vielen Opfern an allem.

  • Ich hoffe mal, dass nach dieser schlimmen Naturkatastrophe die Menschen sich nicht Amerika zuwenden mit ihrer achso tollen Demokratie.

    Immerhin etwas: Der einzige McDonalds in Venezuela, in Caracas, wurde in Mitleidenschaft gezogen. Kapitalismus darf gerne in Trümmern liegen, Wohnraum und Infrastruktur aber nicht. Und ich will, dass Amerika die Finger von Venezuela lässt.