1.609 Tage Krieg in der Ukraine: 15 polnische Autobusse und die Banderastraße
Eine polnische Stadt wollte ihrer ukrainischen Partnerstadt alte Busse schenken. Doch der Streit um umstrittene historische Ereignisse hätte das fast verhindert.
I n einem entscheidenden Momente des großen Krieges mit Russland findet sich die Ukraine in einer Auseinandersetzung um die Zeit des Zweiten Weltkriegs wieder. Präsident Selenskyj hatte Ende Mai einer militärischen Spezialeinheit den Namen „Helden der UPA“ gegeben. Polens Präsident Karol Nawrocki hatte ihm deshalb den höchsten polnischen Staatsorden aberkannt. Säbel rasseln, Busse bleiben stehen, Partnerstädte streiten sich.
Aus dem Fenster meines Hauses in Luzk schaut man auf die „Straße der Helden der UPA“. Mein Weg zur Arbeit führt über Straßen, die zu Ehren des UPA-Generals Roman Schuchewytsch und der Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) Jewhen Konowalez und Stepan Bandera benannt wurden.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Die Bandera-Straße liegt übrigens in der Nähe von Straßen, die nach polnischen Genies benannt sind: nach Frédéric Chopin und Nikolaus Kopernikus. Was ich damit sagen will: in meiner Stadt werden nicht nur Menschen geehrt, die ihr Leben für die Ukraine geopfert haben, sondern auch Geschichte des Nachbarstaates zu dem unsere Region lange gehört hat und gegen den Bandera, Schuchewytsch und Konowalez gekämpft haben.
Auch in der westukrainischen Stadt Wynnyzja gibt es eine Bandera-Straße. Auf dem Höhepunkt des Konfliktes um den polnischen Orden wiesen rechte Politiker aus ihrer polnischen Partnerstadt Kielce darauf hin. Und daran entzündete sich eine Tragikomödie, die mit einem Sieg der guten Mächte endete.
Alte polnische Autobusse für Wynnyzja
Kielce wollte Wynnyzja 15 alte Autobusse schenken. Sie sollten auch in der Zeit der Stromausfälle im nächsten Winter zum Einsatz kommen. Einige Stadtverordnete von Kielce erklärten dann allerdings, dass man Wynnyzja diese Busse nicht geben solle, da es in der Stadt auch eine Bandera-Straße gebe.
„Auf eben dieser Straße könnte einer der 15 Busse aus Kielce fahren, die wir der Stadt schenken wollten“, sagte der Stadtverordnete Maciej Jakubczyk.
berichtet als freier Journalist aus der Ukraine. Er lebt im westukrainischen Luzk und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Und sein Kollege, der Stadtverordnete Marcin Stępniewski von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), erklärte: „Jedes Mal, wenn Polen seinem Nachbarn die Hand zur Hilfe reicht, wird diese durch die Verherrlichung von Kriegsverbrechern niedergeschlagen“.
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Spenden von einer mehr als einer halben Million Złoty
Darauf zog der Bürgermeister von Wynnyzja, Serhij Morhunow, seine Bitte nach Bussen zurück, um den Konflikt nicht weiter anzuheizen. Stattdessen rief die polnische Hilfsorganisation „Sikorki na Ukrainie“ (Meisen in der Ukraine) zu einer Spendenaktion für die Busse auf.
In weniger als 24 Stunden hatten Tausende von Polen ausreichend Geld überwiesen, um die Busse kaufen zu können, mehr als halbe Million Złoty (ca. 117.000 Euro)
Das Komische daran ist, dass auf der Bandera-Straße in Wynnyzja überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs sind, obwohl sie im Stadtzentrum liegt. Bis zum November 2022 hieß sie übrigens nach dem russischen Schriftsteller Lew Tolstoi.
Ukrainer bringt aktuell wenig aus der Fassung, aber die neue historische Hysterie unserer Nachbarn hat viele schockiert. Sie stand in starkem Kontrast zu all der Hilfe und Liebe, die wir von Seiten der Polen nach dem russischen Großangriff erfahren hatten.
Eine Gefahr für den ukrainischen EU-Beitritt?
Luzk hat sieben Partnerstädte in Polen. Es könnte passieren, dass meine Stadt wegen der Bandera-, Konowalets und Schuchewytsch-Straßen ebenfalls jeden Augenblick auf der Liste der „Mörder, Verräter und Nazis“ landen könnte.
Wie schön, dass sich in diese „Autobus-Geschichte“ einfache Polen eingemischt haben. Diejenigen, die Ukrainer gastfreundlich bei sich aufgenommen haben und keine migrationsfeindlichen Parolen an die Häuserwände schreiben. Wahrscheinlich hat sich hier der gesunde Menschenverstand durchgesetzt, denn je mehr sich die Ukrainer und Polen wegen der Vergangenheit „eingraben“, desto freier wird sich Russland in Zukunft fühlen und desto geringer werden die Chancen der Ukraine auf einen EU-Beitritt sein.
Auf dem Höhepunkt dieser aktuellen Krise haben sich 60 Prozent der Polen gegen den Beitritt ausgesprochen, wie Umfragen des polnischen Instituts IBRis-Instituts im Auftrag des privaten polnischen Radio ZET ergeben.
Zur gleichen Zeit wird in Lwiw gerade die Straße der Helden der UPA nach Instandsetzung wieder für den Verkehr freigegeben…
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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