Nach Messerangriff auf Antifaschisten: Polizeibesuch am Krankenbett
Nach einem Messerangriff kämpfte ein Antifaschist in Göttingen um sein Leben. Kaum war er aus dem Koma erwacht, wollte die Polizei ihn vernehmen.
Die Göttinger Polizei hat versucht, einen schwerverletzten, kaum aus dem Koma erwachten Studenten zu vernehmen und bei ihm DNA-Material sicherzustellen. Der 27-jährige Antifaschist war vor gut einer Woche in der Nacht zu Sonntag niedergestochen worden. Die antifaschistische Szene geht davon aus, dass der Angriff rechtsextremistisch motiviert war und hat den Namen und das Foto des möglichen Täters publiziert.
Der Student hatte gegen zwei Uhr nachts einen Stich in die Brust bekommen, knapp neben dem Herzen. Eine Arterie wurde zerrissen, die Lunge getroffen. Fünf Liter Blut mussten zugeführt werden. Es bestand die Gefahr einer Infektion. Drei Tage lang lag der junge Mann im Koma. Erst vier Tage nach dem Angriff stand fest: Der Antifaschist überlebt.
Statt den Gesundheitszustand und die Rechte des Verletzten zu berücksichtigen, seien vier Polizeibeamte einfach in sein Zimmer gekommen und hätten versucht, ihn zu sprechen, kritisiert der Rechtsanwalt Sven Adam. Sein Mandant weigerte sich. „Unklar ist schon, ob ihm überhaupt bewusst wurde, was von ihm genau warum verlangt wurde“, sagt Adam.
Der Anwalt hatte erst im Nachhinein von der Polizeimaßnahme im Zimmer der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) erfahren. Die Eltern hatten ihn informiert.
Auf Indymedia an den Pranger gestellt
Der Angriff war im Fridtjof-Nansen-Weg geschehen, in der Nähe des Wohnhauses von Max. D., eines 17-Jährigen, der in der rechtsextremen Szene aktiv sein soll und mit einem Freund unterwegs war. Der genaue Verlauf der Auseinandersetzung kann noch nicht rekonstruiert werden. Der Niedergestochene konnte noch nicht aussagen, dessen vier Begleiter – ebenfalls aus der linken Szene – wollten noch abwarten.
Dem Rechtsanwalt Adam versicherten sie, an dem Abend keine Gegenstände mit sich geführt zu haben, die als Waffen genutzt werden könnten. „Auch kein Pfefferspray“, sagt Adam.
Am Sonntagnachmittag nannten Antifaschist:innen auf dem linksradikalen Portal Indymedia Max D. möglichen Täter – mit Namen und Bild. Schon länger soll der Sohn eines Professors sich in einer rechtextremen Clique bewegen. Die Polizei nahm ihn mit seinem Freund im Wohnhaus kurzfristig fest, stellte die Tatwaffe sicher und befragte die beiden jungen Männer.
Die Staatsanwaltschaft ließ den Beschuldigten jedoch frei. In einer Pressemitteilung erklärte er, dass „eine Notwehrsituation nicht auszuschließen“ sei. Ein dringender Tatverdacht sei „derzeit nicht zu begründen, weshalb der Beschuldigte freigelassen wurde“.
In der Öffentlichkeit, gegenüber Medien, hat sich der Tatverdächtige bisher nicht geäußert. Sein Kamerad verbreitet aber eine eigene Version des Geschehens: In der Tatnacht seien D. und er in der Innenstadt unterwegs gewesen. Eine Gruppe von Vermummten soll sie dann angegriffen haben.
D. habe Pfefferspray dabei gehabt, sagt er der Zeit. Beide betrieben sie Kampfsport, er selbst Muay Thai, D. Mixed Martial Arts. Sie hätten sich das Deutschlandspiel gegen die Elfenbeinküste angeschaut und danach bei D. übernachten wollen. D. habe ein Messer dabei gehabt, weil er sich „von Leuten“ bedroht gefühlt habe. Rechtsextrem sei aber weder D. noch er selbst.
Wer das Pfefferspray bei sich hatte, sei nun geklärt, sagt Adam. Der Rechtsanwalt wiederholt, dass die Gruppe um den schwer Verletzten keine „körperliche Auseinandersetzung“ gesucht habe. Sich bedroht fühlen, rechtfertige aber auch nicht „unvermittelt in die Brust“ zu stechen, sagt Adam. Mit dem Zustechen sei der Tod in Kauf genommen worden.
Der Staatsanwaltschaft hält Adam vor, den Gesundheitszustand des Studenten nicht zu berücksichtigen. „Nach unseren Informationen haben die Ärzte der UMG stattdessen die Ermittlungsbehörden aufgrund des Gesundheitszustandes gebeten, den Verletzten nicht vor Beginn der kommenden Woche zu vernehmen“, sagte er der taz. Adam beteuert jedoch: „Es geht nicht darum, Ermittlungen zu verlangsamen oder zu verhindern.“
Am vergangenen Samstag protestierten in Göttingen zum wiederholten Mal Menschen gegen rechtsextreme Gewalt. Die Polizei zählte 1.100 Demonstrierende.
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