Transformation der Stahlindustrie: Grüner Stahl ist hart, aber schutzbedürftig
Der Staat solle die Produktion klimafreundlichen Stahls besser unterstützen. Das fordern gewerkschaftsnahe Ökonomen in einer neuen Studie.
Stahl: ein notwendiges, aber gefährdetes Produkt. Aus dem Alltag ist aus er nicht wegzudenken, er steckt zum Beispiel in Autos, Zügen, Häusern und Maschinen. Ob künftig hierzulande noch genug davon hergestellt wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Deshalb haben die Ökonomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk von der Uni Mannheim analysiert, wie sich die Stahlproduktion in Deutschland und Europa bewahren ließe.
Ihre Studie im Auftrag der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung sendet eine Botschaft an die Bundesregierung: Sie sollte mehr tun, um die Stahlindustrie abzusichern. Wenn die Produktion in 20 bis 30 Jahren vornehmlich mit klimafreundlichem Wasserstoff laufen soll, dann seien noch einige politische Rahmenbedingungen zu erfüllen.
Denn Deutschland und die EU wollen bis 2045 beziehungsweise 2050 klimaneutral werden, was im Prinzip auch für die Wirtschaft und damit die Stahlfirmen gilt. Doch die CO₂-freie Stahlherstellung mit Wasserstoff aus Ökostrom ist noch teurer als die konventionelle Schmelze mit Kokskohle. Daher sind staatliche Rahmensetzungen und Förderungen hilfreich. Einige Maßnahmen existieren bereits, doch Krebs und Kaczmarczyk zufolge reichen diese nicht aus.
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Da ist zunächst der sogenannte Industriestrompreis. Mit Genehmigung der EU will die Bundesregierung die Stromkosten für bestimmte Produktionsfirmen auf fünf Cent pro Kilowattstunde heruntersubventionieren. Das hilft, die hierzulande vergleichsweise hohen Stromrechnungen zu drücken und Nachteile in der internationalen Konkurrenz auszugleichen. Patrick Kaczmarczyk hält die Begrenzung des Industriestrompreises auf zunächst drei Jahre aber für zu eng. Die Maßnahme müsse länger laufen.
Ökonomen fordern Industriewasserstoffpreis
Eine ähnliche Förderung halten die beiden Wirtschaftsexperten bei grünem Wasserstoff für nötig. Einen Preis von 12 Cent pro Kilowattstunde solle der Staat den Stahlproduzenten garantieren, um die Kosten des neuen Rohstoffs kalkulierbar zu machen. Diese politische Diskussion steckt noch in den Kinderschuhen.
Als weitere Maßnahme erwähnt die Studie eine staatliche Selbstverpflichtung, für öffentliche Bauten klimaneutralen Stahl einzukaufen. Das schüfe eine Nachfrage für das neue Produkt. Die EU-Kommission diskutiert darüber, so etwas zu ermöglichen. Auch höhere Importzölle auf billigen ausländischen Stahl kommen infrage. Ein solcher Schritt tritt ab 1. Juli bereits in Kraft. Das alles könnte dazu dienen, die hiesigen Hochöfen abzusichern und das heutige Produktionsniveau von ungefähr 40 Millionen Tonnen Rohstahl in die Zukunft zu retten. Krebs und Kaczmarczyk haben berechnet, dass bisher erst gut die Hälfte der Stahlkapazität auf einigermaßen sicherem Boden steht.
Dass ein solches Unterstützungsprogramm wünschenswert sei, beruht auf bestimmten Annahmen. Ein wesentliches Argument ist die Technologieführerschaft: Demnach ist die Wasserstoffwirtschaft eine Zukunftsbranche, die Deutschland Umsätze, Gewinne und Arbeitsplätze bescheren wird – etwa mittels des Verkaufs von Elektrolyseuren, die Wasserstoff herstellen. Auch das Produkt grüner Stahl an sich könnte später sehr gefragt sein. Zusätzlich geht es um die industrielle Souveränität: Bei einem zentralen Produkt wie Stahl dürften Deutschland und Europa nicht zu sehr von ausländischer Fertigung abhängig werden. Und schließlich wird angeführt, dass es der gesellschaftlichen Stabilität dient, gut bezahlte Arbeitsplätze in traditionellen Industrieregionen zu erhalten.
Das kann man alles auch anders sehen. Dann sparte sich der Staat die Fördermilliarden zugunsten der Stahlindustrie und nähme in Kauf, dass der Rohstoff größtenteils importiert würde. Allerdings fände die Wertschöpfung in China, Indien, den USA oder anderen Ländern statt. Und die europäischen Maschinen-, Auto- und Flugzeugbauer wären angewiesen auf das Wohlwollen dieser Lieferanten.
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