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Drang nach oben Wen der Berg ruft

Essay von

Daniel Wiese

Wie kommen Menschen auf die Idee, Gipfel zu besteigen, auch wenn das anstrengend und manchmal sogar gefährlich ist? Eine Spurensuche.

A ch, die Berge! Ewige Sehnsucht, ungestillt. Und jetzt sind wir also in diesem Gasthaus, das sie in die Felswand hineingebaut haben, nicht weit von der Einsiedlerhöhle. Schwindelerregend klebt es am Fels, die Gäste sitzen an verwitterten Holztischen, vor sich ein Brett mit Käse oder mit Wurst von der Alm, und genießen die Aussicht.

Das Gasthaus ist alt, eines der ältesten im Appenzeller Land. Kurz hat es sogar mal auf Instagram Karriere gemacht, weil es da prominent empfohlen wurde, aber das ist nicht mein Problem. Das Problem ist: Das Gasthaus ist nicht da, wo ich hin will. Es liegt Richtung Tal. Wir sind mit der Seilbahn hochgefahren, das war schon schlecht. Aber statt dann wenigstens weiter aufzusteigen, ging es gleich wieder nach unten, mit Rücksicht auf die Mitglieder der Reisegruppe, die es bergauf nicht schaffen würden.

Ich aber will nach oben. Unbedingt. Es zieht mich hoch auf den Gipfel, der da hinten in Sichtweite vor mir liegt, es ist wie ein Sog, der mich anzieht. Einige Jahre zuvor war ich da gewesen: Der Klettersteig notdürftig nur mit einem Seil gesichert, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen. Achtung, die rutschige Stelle! Stehen bleiben. Ausatmen. Einatmen. Die Berge auf der anderen Seite sehen, die noch höher hinaufgehen, auf ihren Gipfeln liegt im Frühsommer Schnee.

Der Großvater bei „Heidi“

Seit Langem träume ich davon, wenn ich alt bin, in einer Hütte in den Bergen zu leben, über der Baumgrenze, so wie der Großvater bei „Heidi“. Morgens würde es nach Holz riechen, durch die Fenster würde ich die Alm sehen, die Ziegen, die von den Bergbauern hochgetrieben werden. Es kommt keiner vorbei, und ich muss nirgendwo hin. Abends geht die Sonne hinter einem Gipfel auf der anderen Talseite unter, dessen Namen man mir gesagt hat.

„Ey, da gibt’s aber kein Kino, und keine Kneipe, weißt du?“, sagt meine Umgebung. Weiß ich. „Aber trotzdem.“ – „Das hältst du nicht lange aus!“ – „Mal sehen.“

Die Sehnsucht nach dem Berg sitzt tief. Das letzte Mal ist erst wenige Monate her, ich sitze im Postbus, und unten das Rhone-Tal mit seinem Bahnhof und der letzten kleinen Stadt, die ich für die nächsten Tage sehen werde, bleibt zurück. Der Bus schraubt sich hoch in die Berge, über Abgründe, in denen Bäche rauschen, die Kurven sind so eng, dass der Fahrer vor ihnen hupt, zwei Autos kommen hier nicht aneinander vorbei.

wochentaz

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Der Himmel ist ein kleiner Ausschnitt, der sich zeigt, wenn man den Kopf in den Nacken legt. Da oben sind die Almen, mit Hütten, schneebedeckt. Am Ende wird die Straße nicht mehr weitergehen. Es gibt Pässe, die sich nur zu Fuß laufen lassen, und hinten im Tal einen Stausee.

Und wieder ein uraltes Wirtshaus, diesmal mitten im Dorf, zwischen ramponierten Holzhäusern, die teilweise leer stehen, mit vergilbter Reklame zur Straße hin. Im Gasthaus schenkt der Tourismuspfarrer, der auch Heimatforscher ist, selbst angebauten Wein aus und erzählt von der Angst der Menschen vor dem Berg.

Wenn man den Sagen glaubt, rief der Berg gar nicht, er jagte den Menschen Angst ein. Begegnete einer bei Dunkelheit dem Teufel und schaffte er es, ihn auszutricksen, so fuhr das Böse in den großen Gletscher oben am Berg und war dort eingeschlossen. „Freiwillig wären sie nie da hochgegangen“, sagt der Tourismuspfarrer. Aus anderen Gegenden in den Alpen gibt es ähnliche Erzählungen.

Den Lexikoneinträgen zufolge waren die Ersten, die die Alpengipfel bestiegen, Naturforscher. Drüben in Österreich, der Großglockner: am 28. Juli 1800 erreicht eine Expedition im Auftrag des Kärntner Erzbischofs den Gipfel und errichtete dort ein Kreuz. Der Gipfel wurde vermessen (3.798 Meter) und ein Barometer installiert, das die nächsten 50 Jahre Daten lieferte.

Die erste Frau auf dem Mont Blanc

Der Mont Blanc, mit 4.805 Metern höchster Berg der Alpen, wurde sogar schon am 7. August 1786 bestiegen, von dem Arzt Michel-Gabriel Paccard aus Chamonix, der oben Experimente durchführte. Als erste Frau auf dem Mont Blanc gilt die Comtesse Henriette d’Angeville, die sich im September 1838 mit sechs Bergführern, ihrer Kammerzofe und großem Equipment auf den Weg machte. D’Angeville schrieb in ihrem später veröffentlichten Reisetagebuch, sie habe sich in den Berg verliebt, seit sie seinen Gipfel das erste Mal von Genf aus gesehen hatte.

Den Erstbesteigungen ist gemeinsam, dass es Personen von Stand sein mussten, die sie begingen. Die Führer, die sie engagiert hatten, im Falle des Großglockners nur „die Glockner“ genannt, waren womöglich schon vorher oben gewesen. Doch sie zählten nicht.

So hatte auch beim Mont Blanc vor der Adligen d’Angeville eine andere Frau den Gipfel erreicht: Marie Paradis, eine Dienstmagd aus der Gegend. Sie hatte sich dem Führer der ersten männlichen Expedition, dem Gamsjäger und Kristallsucher Jacques Balmat, angeschlossen und kehrte völlig erschöpft zurück, wie ihre Nachfolgerin d’Angeville in ihrem Reisetagebuch berichtete.

Paradis hat kein Reisetagebuch geschrieben. Sie eröffnete nach ihrer Rückkehr eine Teestube, in der sie von ihren Abenteuern erzählte – gegen ein Trinkgeld.

Führer für die Gäste von außerhalb

Auch in unserem Tal im Wallis sind die Einheimischen irgendwann hoch auf die Gipfel gegangen, so erzählt der Tourismuspfarrer. Ihre Namen waren dieselben, die es noch heute im Ort gibt und die auf den Grabkreuzen stehen, die alle gleich aussehen. Sie verdingten sich als Führer für die Gäste von außerhalb. Oft waren das Engländer, die sich in den 1850er Jahren einen Wettlauf um die Erstbesteigung der 4000er lieferten, die hier in den Himmel ragen, einer neben dem anderen.

Den Film dazu, „Der Berg ruft“, drehte Luis Trenker 1938 im Nachbartal, nur wenige Kilometer entfernt: düstere Schwarz-Weiß-Töne, Schicksal, Helden. Es geht um die Erstbesteigung des Matterhorns, der Bergführer Tonio aus dem benachbarten Aostatal, gespielt von Luis Trenker selbst, tritt gegen den englischen Bergsteiger Edward Whymper an.

Das Mädchen: „Was suchst denn immer dort oben? Was treibt dich denn immer hinauf? Wüst ist’ s da, und nichts wachst. Nur Steine, und Eis, und Schnee. Geh, ich versteh dich nicht! Bei uns im Tal, da ist doch alles schön und grün! Warum bleibst du denn nicht bei uns?“

Tonio: „Des wird geschehen, wenn ich auf dem Gipfel gewesen bin!“

Die Mutter: „So lang’ s nur ein Rock ist, macht das nichts, kann man zusammenflicken. Aber wenn’ s dich einmal erwischt, was mach ich dann?“

Tonio: „Mich erwischt’ s net, brauchst kei Angst haben, Mutter!“

Mutter. „Hast du vergessen, wie sie deinen Vater bracht haben? Erschlagen? Vom Berg?“

Tonio: „Ja, aber schau, das kannst net vergleichen, sind ja ganz andere Zeiten.“

Mutter: „Solange die Leute denken, ist von dem Steinblock da oben nur Unglück in unser Tal kommen.“

Fernsehonkel in Sachen Berge

Luis Trenker war ja tatsächlich Bergführer, noch mehr aber Schauspieler, Regisseur, Geschichtenerzähler. Er machte bei den Nazis Karriere als Bergfilmer, fiel in Ungnade, avancierte in der Nachkriegszeit zum Fernsehonkel in Sachen Berge. In dem Dokumentarfilm „Erlebnisse am Matterhorn“ von 1971 sieht man einen Bergsteiger, braun gebrannt, mit markanten Gesichtszügen, Kameraschwenk auf die Wanderschuhe, die in der Wand ihren Weg suchen, die Sonne, der Fels, die Gipfelwelt.

Es ist Luis Trenker als alter Mann, immer noch am Berg unterwegs, vor ihm ein Führer, der ihn mit Seil sichert, und dann sitzen sie da, schauen in die weite Bergwelt und trinken Cognac. Echt jetzt?

Sie sitzen auf einem Felsen und Luis Trenker erzählt Anekdoten aus dem Filmbusiness. Wie er sich das Trinken bei den Dreharbeiten abgewöhnen musste, weil er davon immer so Magenschmerzen bekam. Ein Professor in Berlin nahm ihm schließlich die Flasche weg.

Der Verein

Dass auf den Ruf der Berge gern und oft gehört wird, zeigt sich auch am Deutschen Alpenverein (DAV). Bei der größten nationalen Bergsteigervereinigung der Welt, hervorgegangen aus dem 1869 gegründeten Bildungsbürgerlichen Bergsteigerverein, gingen die Mitgliederzahlen in den letzten Jahren stetig nach oben. Waren es vor zehn Jahren noch 1.184.507 Mitglieder, sind es jetzt mit 1.638.652 (Stand 31. 12. 2025) schon fast eine halbe Million Mitglieder mehr.

Die Hütten

Wer in den Bergen unterwegs ist, ist auch auf die Hütten dort angewiesen, zur Einkehr oder als Unterkunft. Von den DAV-Sektionen werden 325 Alpenvereinshütten betreut. Und da müssen Wanderer derzeit durchaus mit Einschränkungen rechnen. Der Grund ist die Wasserknappheit. „Wir haben auf fast allen Hütten derzeit Mangellagen, da werden die unterschiedlichsten Maßnahmen ergriffen“, sagte Anfang August DAV-Sprecher Julian Rohn. „Das ist schon eine neue Dimension.“

Das Wasser

Auf der Blaueishütte bei Berchtesgaden wird das Trinkwasser derzeit per Hubschrauber geliefert. Sonst werden die Hütten zumeist durch Wasservorräte aus Niederschlag oder dem Schmelzwasser von Schneefeldern und Gletschern versorgt. Durch den Klimawandel gibt es aber immer weniger Wasser. Nach zwei schneearmen Wintern und einer langen Trockenperiode ist die Lage heuer verschärft. „Im Moment betrifft es flächendeckend alle“, so DAV-Sprecher Rohn.

Ein Klima im Wandel

Dass es oben auf dem Berg kühler ist als unten, mag für manche schon ein Grund für einen Aufstieg sein. So betrug die Monatsmitteltemperatur auf der Zugspitze im August 2025 4,58 Grad. Mit den rasant schmelzenden Gletschern kann man auf der Zugspitze dem Klimawandel aber geradezu zuschauen. In den Alpen erwärmt sich das Klima nämlich fast doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Auftauender Permafrost bringt die Berge dann zum Bröckeln.

In dem Dokumentarfilm kommt während des Aufstiegs immer wieder dieser Hubschrauber ins Bild, in dem Luis Trenker anfangs auch sitzt. Womöglich klettert er in dem Film nur ein bisschen zur Show und lässt sich sonst fliegen?

Aber das macht alles nichts. Der Berg ruft immer noch, ich kann es hören. Und am Matterhorn war ich noch nie.

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Daniel Wiese Hamburg-Redakteur

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