Grüne und Grüne Jugend im Gespräch: „Es ist unsere Aufgabe, mit der Partei zu streiten“
Zwischen den Grünen und ihrem Nachwuchs hat es schon wieder gekracht. Jetzt rufen Felix Banaszak und Henriette Held den Frieden aus – unter Vorbehalt
taz: Herr Banaszak, Sokrates sagte einmal: Die Jugend hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Hat er recht?
Felix Banaszak: Die Jugend hat Privilegien. Solange man selbst jung ist, freut man sich darüber.
Felix Banaszak, 36, ist seit November 2024 Vorsitzender der Grünen. Von 2013 bis 2014 war der Duisburger selbst Bundessprecher der Grünen Jugend.
taz: Bei den Grünen scheint die Parteijugend gar nicht so viele Privilegien zu haben. Sie bekommt ständig für irgendwas auf den Deckel.
Banaszak: In jeder Familie gibt es mal Streit. Am Ende freut man sich meist trotzdem auf das gemeinsame Weihnachtsfest.
taz: Der jüngste Konflikt: Die Grüne Jugend wird von Parteilinken dominiert. Junge Realos organisieren deshalb eigene Veranstaltungen. Ein Mitarbeiter Ihrer Co-Vorsitzenden Franziska Brantner koordinierte das Netzwerk, sie selbst trat auf einer Konferenz auf. Henriette Held warf ihr daraufhin in der Süddeutschen Zeitung vor, sie würde „Gräben vertiefen“, und witterte den Versuch, eine konkurrierende Jugendorganisation aufzubauen. War die Kritik berechtigt?
Banaszak: Wir alle haben in den letzten Wochen viele Gespräche miteinander geführt und Franziska hat – für uns beide – deutlich gemacht, dass die Grüne Jugend unsere Jugendorganisation ist.
taz: Frau Held, wie ist der Stand aus Ihrer Sicht?
Henriette Held: Wir haben tatsächlich viel miteinander gesprochen und sind weiter im Austausch. In den nächsten Wochen werde ich mit Franziska Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern machen, weil es um die Sache geht und wir bei den kommenden Landtagswahlen das gleiche Ziel verfolgen.
24, ist seit 2025 Bundessprecherin der Grünen Jugend. Zuvor studierte sie in Greifswald und leitete in der Nachwuchsorganisation den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern.
taz: Dürfen sich junge Realos weiter vernetzen?
Held: Ja, das war nie das Problem.
taz: Dürfen sie aus der Parteispitze unterstützt werden?
Held: Franziska hat mittlerweile klar gemacht, dass sie uns als Grüne Jugend unterstützt, und in der Grünen Jugend haben alle jungen Menschen der Partei Platz. Damit arbeiten wir jetzt weiter.
taz: Seit Jahren knallt es zwischen Partei und Nachwuchs immer wieder. Woran liegt das?
Held: Es ist Aufgabe einer Jugendorganisation, mit der Partei zu streiten und inhaltliche Debatten anzustoßen. Für Luis und mich ist seit unserer Wahl klar, dass wir das konstruktiv machen wollen. Hier am Tisch sieht es auch nicht so aus, als ob es gleich knallt.
Banaszak: Henriette und ihr Co-Sprecher Luis Bobga haben sich in den vergangenen Monaten sehr darum bemüht, das Verhältnis zu verbessern. Das heißt nicht, dass wir uns immer einig sind. Aber wir können gut über die unterschiedlichen Positionen sprechen, und in unserem Alltag überwiegen die Gemeinsamkeiten. Natürlich interessieren sich viele Medien mehr für den Dissens. Die Nachricht, dass die Grüne Jugend glücklich mit einer Aussage des Parteivorsitzenden ist, schafft es selten in die Zeitungen.
taz: Dass es bei den Grünen häufiger Streit mit dem Nachwuchs gibt als bei SPD oder Union, würden Sie nicht ernsthaft bestreiten?
Held: Nein, aber im Unterschied zur Jungen Union verstehen wir unsere Praxis auch nicht darin, junge Menschen auszubilden, um in der Partei Karriere zu machen. Wir sind ein Zusammenschluss ganz unterschiedlicher grünennaher Menschen. Die einen sind Kommunalpolitiker:innen, die anderen sind Aktivist:innen. Wir bringen ihre Perspektiven zusammen und scheuen uns nicht davor, für ihre Positionen in den Streit zu gehen.
taz: Nachdem wir gerade gehört haben, dass die Jugend bei den Grünen offen Ihre Meinung sagen dürfe: Wie finden Sie denn Felix Banaszak?
Held: Er bringt viele gute Punkte ein, die den Grünen lange gefehlt haben. Zum Beispiel, dass Systemkritik wichtiger ist als Individualismuskritik.
taz: Was heißt das?
Held: Als Grüne Jugend sind wir lange davon weggekommen, die Klimakrise darüber lösen zu wollen, dass wir uns alle Bambuszahnbürsten kaufen. Wir müssen an die systemischen Probleme ran, die die Reichen, die Mächtigen und die Konzerne verursachen. Felix hat bei seiner letzten Parteitagsrede ähnlich argumentiert: Wir sollten als Grüne nicht kritisieren, wenn ein junger Mensch auf dem Land ein Dieselauto fährt. Wir sollten uns darum kümmern, dass man auf dem Land auch ohne Auto zum nächsten Club kommt.
taz: Sie sind sich aber auch nicht immer einig. Auf dem Länderrat – dem kleinen Parteitag der Grünen – hat die Grüne Jugend vor einer Woche beantragt, dass die Grünen am gesetzlichen Kündigungsschutz festhalten. Das ging gegen eine entsprechende Forderung von Felix Banaszak im Frühjahr.
Held: Es stand in den letzten Monaten in Verbindung mit den Grünen im Raum, dass der Kündigungsschutz angezweifelt wird. Wir wollten mit dem Antrag ein Zeichen setzen, dass solche Errungenschaften der Arbeiter:innenbewegung und der Gewerkschaften unverhandelbar sind.
taz: Was war falsch am Vorschlag des Parteichefs, den Kündigungsschutz zu lockern?
Held: Wir können über vieles diskutieren. Junge Menschen erleben aber derzeit, dass ihre materiellen Grundbedürfnisse nicht mehr gedeckt werden und die Bundesregierung noch dazu ihre Rechte als Arbeitnehmer:innen angreift – erst vor wenigen Tagen wieder mit den Beschlüssen des Koalitionsausschusses. Die Grünen müssen aufpassen, nicht das gleiche Signal zu senden.
taz: Herr Banaszak, auf dem Länderrat hat der Vorstand den Antrag der Grünen Jugend übernommen. Haben Sie Ihre Forderung damit revidiert?
Banaszak: Wir konnten die Formulierung der Grünen Jugend problemlos übernehmen, weil weder ich noch irgendjemand anderes den Kündigungsschutz in Frage stellt. Ich hatte die Frage in den Raum geworfen, ob unsere Arbeitsmarktpolitik genug darauf ausgerichtet ist, den Menschen in einer Welt des Wandels Sicherheit zu geben und gleichzeitig neue Dynamik zu erzeugen. In Branchen wie der Stahlindustrie werden in den kommenden Jahren Arbeitsplätze verloren gehen. Wir haben zwar einen starken Kündigungsschutz, aber zu wenige Instrumente, um die Betroffenen rechtzeitig für andere Tätigkeiten zu qualifizieren oder ihren Lebensstandard in Übergangszeiten zu sichern.
taz: Teil Ihrer öffentlichen Überlegung waren nun mal Lockerungen beim Kündigungsschutz. Ist an der Sorge von Frau Held denn nichts dran, dass solche Signale Menschen verunsichern?
Banaszak: Ich bin selbst Mitglied zweier Gewerkschaften. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass viele Debatten gesellschaftlich gerade mit einer großen Verhärtung geführt werden – dafür spricht auch die Aufregung nach meinen sehr differenzierten Sätzen. Das hat viel damit zu tun, dass Friedrich Merz und Lars Klingbeil tatsächlich einen Großangriff auf die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern planen. Die Beschäftigten zur Krankschreibung ab dem ersten Tag zu zwingen, ist ein unverschämtes Misstrauensvotum. Der berechtigte und notwendige Protest gegen diese plumpen wie brutalen Angriffe darf aber nicht in völliger Verhärtung münden.
taz: Deswegen befürworten Sie bei der Rente auch Härten wie eine höhere Regelaltersgrenze und das Ende der Rente mit 63?
Banaszak: Mein Anspruch an ein grünes Rentenkonzept: Es soll Gerechtigkeitsfragen klug beantworten und gleichzeitig umsetzbar sein. Wir haben deshalb auf der einen Seite kritisiert, dass die Empfehlungen der Rentenkommission keine Antworten auf die Ungerechtigkeiten innerhalb der Generationen geben – zum Beispiel darauf, dass arme Menschen früher sterben und weniger Rendite aus ihren Abgaben bekommen. Auf der anderen Seite ist die demografische Entwicklung keine Erfindung, sondern eine Realität, mit der man umgehen muss.
taz: Frau Held, zusammen mit jungen Grünen-Abgeordneten haben Sie eigene Rentenforderungen aufgestellt – ohne höheres Eintrittsalter. Damit ignorieren Sie frei nach Felix Banaszak die Realität?
Held: Die Bundesregierung spielt die Generationen gegeneinander aus, um Verteilungsfragen aus dem Weg zu gehen. Natürlich haben wir den demografischen Wandel, aber es bringt meiner Generation nichts, wenn unsere Großeltern Pfandflaschen sammeln müssen. Wir können gerne immer weiter darüber diskutieren, wie lange wir alle arbeiten müssen. Aber wir müssen doch eigentlich darüber debattieren, wie wir Arbeitsbedingungen und Löhne verbessern können, damit die Menschen die Rente gesund erreichen und ihnen genügend Geld zum Leben bleibt. Oder darüber, wie wir das Äquivalenzprinzip abflachen können, damit Gutverdiener:innen, die sich auch privat absichern können, mehr zum System beitragen.
Banaszak: Ja, die Verengung der Rentendebatte auf einen Generationenkonflikt ist falsch. Wir können trotzdem nicht negieren, dass es auch um Gerechtigkeit zwischen den Generationen geht. Natürlich gibt es Alternativen zu einem höheren Renteneintrittsalter. Mir ist aber wichtig, dass wir zwei Haltelinien ziehen: Die eine ist beim Rentenniveau. Aber auch die Beiträge dürfen nicht ungebremst steigen. Das muss doch ein linkes Anliegen sein – allein schon, weil die Beiträge Menschen mit geringen Einkommen viel stärker treffen als Gutverdiener.
taz: Herr Banaszak, die Grünen haben gerade auf Rügen einen Ostkongress abgehalten, und auf dem Weg dorthin sind Sie im Wohnmobil über Campingplätze getourt. Im Osten spielt die gesetzliche Rente in der Altersvorsorge eine überdurchschnittlich große Rolle. Haben Sie das in Ihren Gesprächen gespürt?
Banaszak: Ja, klar. Viele Menschen verunsichert, was die Bundesregierung macht. Sie haben das Gefühl, dass Vereinbarungen in der Koalition am Ende auf ihre Kosten laufen – zu Recht. Das ist eine perfekte Mobilisierungschance für Verfassungsfeinde bei den Landtagswahlen, die jetzt anstehen.
taz: Ist es da nicht kontraproduktiv, wenn sich auch noch der Grünen-Chef auf ein höheres Renteneintrittsalter einlässt?
Banaszak: Menschen sind bereit, ihren Beitrag zu leisten, wenn sie das Gefühl haben, dass Reformen insgesamt ausgewogen sind. Diese Hoffnung hat Friedrich Merz den Leuten systematisch ausgetrieben. Sie merken, dass manche den Gürtel sogar etwas lockerer schnallen können.
taz: Ganz allgemein: Was bringt es, wenn Sie im Wohnmobil über Campingplätze touren?
Banaszak: An einem Abend in der Altmark saßen Menschen bei mir, die sich als AfD-Wähler zu erkennen gegeben hatten. Am nächsten Morgen haben sie sich bedankt und gefragt, wann wir wiederkommen. Es ist also noch nicht alles verloren. Die rechtsextreme Landnahme funktioniert ja nur, weil demokratische Parteien und Institutionen Räume lassen. Wir sorgen uns darüber, dass die AfD Schanklizenzen für ihre Wahlkreisbüros erwerben will. Aber was hält uns davon ab, systematisch eigene Angebote zu schaffen, die Menschen zusammenbringen und die gesellschaftliche Verhärtung auflösen?
taz: Frau Held, was sagen Sie als halbe Ostdeutsche?
Held: Ich finde den Ansatz richtig, zu sagen: Wir gehen hin, sprechen mit den Menschen und sind vor Ort ein Teil der Gemeinschaft. Das müssten wir noch viel weiter in die Breite der Partei tragen. Wir Grüne neigen dazu, noch den fünften Artikel über den Aufstieg der AfD zu lesen, um alles in der Theorie genau erklären zu können. Aber in einer Zeit, in der sich vor allem unter jungen Menschen eine krasse Einsamkeitskrise ausbreitet und in der jungen Menschen immer weniger Räume bleiben, ist es existenziell, als Partei auch Gemeinschaft zu schaffen. Ich empfinde es als Kern politischer Praxis, Fußballspiele und Grillfeste auf Campingplätzen zu organisieren.
taz: Felix Banaszak macht mit seinen Touren durch den Osten also alles richtig und der Rest der Partei muss es nur noch nachmachen?
Held: Alles kann er nicht richtig machen. Er ist immer noch ein Politpromi aus dem Westen, wie alle Grünen an der Spitze von Partei und Fraktion. Bei der Grünen Jugend ist es ähnlich: Vor mir gab es in der Geschichte keine Bundessprecherin, die aus einem Landesverband im Osten kommt. An diesem Grundproblem müssen wir alle weiter arbeiten, und daran, dass ostdeutsche Perspektiven beispielsweise zur ungleichen Verteilung von Vermögen in West und Ost stattfinden.
taz: Teile Ostdeutschlands lehnen Klimaschutz besonders stark ab. Die Campertour und der Ostkongress fanden während der jüngsten Rekordhitze statt. Welchen Eindruck hatten Sie in Ihren Begegnungen: Kann das Wetter neue Akzeptanz für Klimapolitik schaffen?
Banaszak: Zumindest wird diese Hitzewoche allen noch lange in Erinnerung bleiben. Gleichzeitig verschiebt die Union die Klimaziele in die Zukunft und die SPD hilft beim Abwürgen der Energiewende. Wenn die Kluft zwischen dem eigenen Alltag und der politischen Agenda zu groß wird, löst das Widerstand aus.
Held: Als Grüne müssen wir aber eine bessere Sprache finden. Wir reden gerne darüber, welches Zehntelgrad Erderwärmung welche Folgen hat oder wie man eine Windkraftanlage technisch am effizientesten plant. Aber es ist noch nicht richtig in unserer Rhetorik angekommen, dass wegen der fehlenden Klimapolitik der Bundesregierung Menschen sterben und davon vor allem arme Menschen betroffen sind.
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