Beeinflussung der Fußball-WM: Trumps schlechte Vorbilder
Mit seinem Anruf bei FIFA-Chef Infantino knüpft der US-Präsident an ungute Traditionen an. Politische Einmischung gab es bei WM-Spielen schon früher.
KNA/AFP | Es gebe keinerlei Zusammenhang, heißt es von offizieller Seite. Reiner Zufall also soll es sein, dass der Weltfußballverband FIFA die Sperre nach der Roten Karte für US-Kicker Folarin Balogun ohne weitere Begründung zur Bewährung aussetzte – und dass, kurz nachdem US-Präsident Donald Trump offenbar FIFA-Boss Gianni Infantino angerufen hatte. Zuvor hatte bereits US-Außenminister Marco Rubio in einem höchst ungewöhnlichen Schritt lautstark und öffentlich dagegen protestiert, dass der bisher beste US-Torschütze das Viertelfinale gegen Belgien verpassen sollte.
Die Fifa hob die Sperre am Sonntag ohne weitere Erklärung auf. Balogun, mit bislang drei Turniertreffern bester Torschütze seines Teams bei der Fußball-Weltmeisterschaft, steht der US-Mannschaft somit im Achtelfinale gegen Belgien zur Verfügung. Das Spiel wird in der Nacht zum Dienstag um 2 Uhr MESZ in Seattle ausgetragen.
„Vielen Dank an die FIFA, dass ihr das gemacht habt, was richtig ist und eine große Ungerechtigkeit wiedergutgemacht habt“, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social zum Dank dafür. Es wirkt wie blanker Hohn.
Auch Garrincha spielte trotz Roter Karte
Dass die Politik zumindest versucht, Einfluss auf den Fußball zu nehmen, zeigen zahlreiche zum Teil auch skurrile Beispiele aus der WM-Geschichte. Das wohl bekannteste betrifft Brasiliens Stürmerstar Garrincha bei der Fußball-WM 1962 in Chile: Nachdem er im Halbfinale gegen den Gastgeber nach einer Tätlichkeit vom Platz flog, entschied ein FIFA-Komitee unter bis heute ungeklärten Umständen, dass er im Finale trotzdem mithelfen durfte, Brasilien zum Weltmeister zu machen.
Ähnlich dubiose Machenschaften prägten auch schon die zweite Fußball-WM 1934 in Italien, die Diktator Benito Mussolini gnadenlos als Propagandainstrument für seinen Faschismus benutzte. Doch nicht nur das: Italien gewann mehrere Spiele und letztlich auch das Turnier mithilfe merkwürdiger Schiedsrichterentscheidungen. Die qua Amt eigentlich Unparteiischen soll der Diktator persönlich ausgesucht und zum Teil auch vor dem Spiel zum Essen eingeladen haben, wird berichtet.
Kabinenbesuch in Argentinien
Denkwürdige Ereignisse gab es auch 1978 in Argentinien: Der Gastgeber und spätere Weltmeister musste sein letztes Spiel in der Zwischenrunde gegen Peru mit mindestens vier Toren Unterschied gewinnen, um weiterzukommen. Und siehe da: Nach 90 Minuten mit zum Teil seltsamen Szenen auf dem grünen Rasen und dubiosen Schiedsrichterpfiffen stand ein 6:0 auf der Anzeigetafel.
Augenzeugen berichteten später von Bestechungsversuchen und von unmissverständlichen Drohungen der argentinischen Militärjunta gegen die Mannschaft und die Regierung von Peru.
Dabei sei es etwa um Getreidelieferungen, Kredite und einen Gefangenenaustausch gegangen, heißt es. Auch ein Besuch von Argentiniens Machthaber Jorge Videla und US-Außenminister Henry Kissinger in Perus Spielerkabine soll eine wichtige Rolle gespielt haben.
Gaddafi-Sohn als Fußballstar
Zu einer Fußball-WM hat es Al-Saadi al-Gaddafi nie geschafft. Aber gewundert hätte es wohl auch niemanden, wenn Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi seinen Sohn auch dort noch untergebracht hätte. Aber immerhin gelang es Al-Saadi al-Gaddafi, gleichzeitig Kapitän der libyschen Nationalmannschaft, Verbandschef und Eigentümer eines Spitzenclubs zu werden. Um die Erfolge des Vereins zu sichern, wurden auch schon mal Regeln geändert, gegnerische Clubs aufgelöst und missliebige Schiedsrichter und Trainer aus dem Verkehr gezogen.
Die Einflussnahme ging sogar über Libyen hinaus. Dank libyscher Gelder und der Hilfe von Sportsfreunden wie Silvio Berlusconi schaffte es der Gaddafi-Sprössling sogar noch zu einigen Einsätzen in Italiens Erster Liga – auch wenn er dort zum schlechtesten Spieler der Serie-A-Geschichte gewählt wurde.
Pure Langeweile sorgte dagegen für den wohl skurrilsten politischen Eingriff in der Fußballgeschichte: Es war 2015, als Mauretaniens Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz in der 63. Minute genug hatte vom Finale des nationalen Supercups zwischen ACS Ksar und dem FC Tevragh-Zeina. Er ließ das Spiel beim Stand von 1:1 abbrechen und die Kicker zum sofortigen Elfmeterschießen antreten. Der Kick sei so langweilig und zäh gewesen, dass die restliche knappe halbe Stunde und die drohende Verlängerung unzumutbar gewesen wären. Nach Hohn und Spott aus aller Welt beeilte sich der Fußballverband natürlich, umgehend zu erklären, wegen „organisatorischer Probleme“ hätten sich die Trainer und Vereine einvernehmlich auf die Verkürzung geeinigt.
Entsetzte Reaktionen in Deutschland
So weit ist es bei dieser Fußball-WM bisher noch nicht gekommen. Aber mit ihrer Entscheidung, die Sperre für den US-Spieler Folarin Balogun auszusetzten, setzt die Fifa ein gefährliches Exempel. Zur Begründung verwies sie auf Artikel 27 ihres Disziplinarkatalogs. Dieser besagt, dass eine Strafe für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Von dieser Regelung hatte schon Portugals Superstar Cristiano Ronaldo profitiert, nachdem er im November bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Irland vom Platz gestellt worden war. Ronaldo wurde von der Fifa zunächst für drei Spiele gesperrt, verpasste aber nur das Qualifikations-Duell gegen Armenien. Danach wurde die Sperre für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt.
Die jüngste Entscheidung wiegt aber ungleich schwerer. „Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt“, sagte der frühere Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, dem Sportmagazin Kicker. „Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung einzufangen.“ DFB-Präsident Bernd Neuendorf formulierte es etwas vorsichtiger: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden“, forderte er eine Erklärung von der Fifa.
Der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp zeigte sich fassungslos. „Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben – das ist verrückt, das stellt alles infrage“, sagte Klopp MagentaTV. Empört fügte er hinzu: „Diese beiden Menschen, die beide von Fußball keine Ahnung haben, sollten gar nichts damit zu tun haben. Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel.“
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