: Klimakollaps und Endzeitfaschismus
Der japanische Philosoph Kohei Saito sucht mit Marx eine linke Anpassungsstrategie an den Klimakollaps. Die Entscheidung zwischen „Sozialismus oder Barbarei“ sei längst gefallen. Er fordert eine „Diktatur der Ökologie“, aber die Rolle des Staats bleibt dabei blass
Von Johannes Greß
Das Erscheinungsdatum von Kohei Saitos Buch könnte nicht passender sein. Wenn dieser Tage die Sonne erbarmungslos vom Himmel knallt und die Temperaturen in weiten Teilen Europas über 35 Grad klettern, bekommt sein Titel „Am Ende des Fortschritts“ etwas Beunruhigendes. Das Zeitfenster, innerhalb dessen sich die schlimmsten Folgen der Klimakrise abwenden ließen, habe sich geschlossen, schreibt der japanische Philosoph.
Besser jetzt als gleich solle man sich von technikoptimistischen Träumereien verabschieden, also der Idee, dass E-Autos, CO2-Speicherung oder KI uns vor dem Schlimmsten bewahren könnten: „Die Zukunft sieht düster aus. Im Angesicht eines ‚Endes der Welt‘ steht der Menschheit der Faschismus bevor.“
Plädierte Saito in seinem Vorgängerwerk „Systemsturz“ noch für einen „Degrowth-Kommunismus“, der sozialökologischen Wandel und gesellschaftliche Emanzipation „von unten“ herbeiführen sollte, brauche es angesichts dieser dystopischen Lage einen „Sozialismus von oben“. Denn nur ein starker Staat sei in der Lage, die nötigen Ressourcen zu mobilisieren, Schlüsselindustrien zu verstaatlichen und eine Planwirtschaft durchzusetzen.
Saito schlägt ein Modell digitaler Wirtschaftsplanung vor, in dem der Staat die Richtung vorgibt, den Unternehmen jedoch noch genug Entscheidungsfreiheit bleibt – in der Hoffnung, dass dann kein ‚blindes‘ Regime entsteht.
Statt einer „Diktatur des Proletariats“ brauche es heute eine „Diktatur der Ökologie“. Doch während Erstere eine gesamtgesellschaftliche Emanzipation zum Ziel hatte, könne Letztere nur noch versuchen, das Schlimmste zu verhindern, sich an die sozialen Folgen des Klimakollapses anzupassen. Die Entscheidung zwischen Sozialismus oder Barbarei sei längst gefallen, bestenfalls könnten wir uns noch in einen „Sozialismus in der Barbarei“ retten.
Hoffnung schöpft Saito paradoxerweise aus seiner Vision eines „dunklen Sozialismus“. Er schreibt: „Wenn wir aus den bisherigen Träumen erwachen und das Ende dieser Welt einmal akzeptieren, eröffnet sich eine neue Zukunft, die wir gemeinsam gestalten müssen.“
Mit Ausnahme der Schlusskapitel changiert „Am Ende des Fortschritts“ über weite Strecken zwischen dystopisch und apokalyptisch. Die Analyse des Bestseller-Autors ist unangenehm, unangenehm ungeschönt. Sie verwehrt sich sämtlicher Beschwichtigungen, zerrt Leser:innen aus der kognitiven Komfortzone und zwingt sie, sich über neue Formen politischen Handelns und politischer Institutionen Gedanken zu machen.
Kohei Saito: „Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“. dtv, München 2026. 368 Seiten, 26 Euro
Seine Wirkung dürfte Saito damit kaum verfehlen, jedoch mangelt es seiner Problemdiagnose stellenweise an analytischem Feingefühl.
Klar: Die Zeichen stehen auf Untergang, die Menschheit steuert sehenden Auges auf eine vier Grad heißere Welt zu. Doch diese Entwicklung vollzieht sich in Widersprüchen, entlang politischer Konflikte und Kontingenzen. Sie wird nicht ausschließlich von Technofaschisten vorangetrieben, sondern ebenso „von unten“, durch Konsum- und Mobilitätsnormen, stabilisiert, ist tief in Infrastrukturen, Vorstellungen vom guten Leben und die Institutionen der liberalen Demokratie eingeschrieben.
Das Holzschnittartige an Saikos Analyse wird vor allem mit Blick auf den Staat deutlich. Wieso ausgerechnet der Staat – der bis heute nichts unversucht lässt, fossile Profite abzusichern, und Aktivist:innen von der Straße knüppelt, weil sie einen Stau verursachen – zum Retter in der klimapolitischen Not werden sollte, bleibt unklar. Einerseits schreibt ihm Saito eine zentrale Rolle zu, andererseits bleibt seine Funktionsweise, seine Widersprüchlichkeit, sein emanzipatorisches Potenzial verdächtig undefiniert.
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