„Löschzug“ von Fruchtiger Beigeschmack: Der Sommerhit zum Tänzchen gegen Merz
Ein Trio aus München bringt linke Slogans und fluffigen Latinjazz zusammen. Das passt so gut, dass ihr Song „Löschzug“ jede Demo zum Tanzen bringen könnte.
Es ist noch gar nicht lange her, an diesem superheißen Samstag, als landesweit die Hitzerekorde purzelten, da machte die Berliner Polizei mal etwas richtig. Sie rückte mit Wasserwerfern an, an hintergrundstarken Orten wie dem Brandenburger Tor oder dem Roten Rathaus, und spritzte los. Ein feiner Regen für die erhitzten Menschen. So erfrischend cool also kann Polizei sein.
Natürlich hat das einen seltsamen Beigeschmack, wenn man bedenkt, was die Polizei gewöhnlich mit ihren Wasserwerfern macht: Zumeist erfrischend demonstrative Menschen gegen ihren Willen bewässern.
Aber umso passender dann, dass fast zeitgleich ein bis dato nahezu unbekanntes Trio aus München einen Song ins Netz gestellt hat, der auf den ersten Blick wie der Soundtrack für die Berliner Polizeidusche wirkt. Tatsächlich aber sich fruchtig-spritzig und erfrischend wie ein Wasserwerfer auf den Weg macht, der Sommerhit des Jahres zu werden – zumindest für alles, was links ist. Und wie passender könnte sich eine Combo nennen als ausgerechnet „Fruchtiger Beigeschmack“.
„Löschzug“ heißt der äußerst ohrwurmelnde Song. „Holt den Löschzug, dreht das Wasser auf, vielleicht gibt’s noch was zu retten, stünden wir nicht auf dem Schlauch“, trällert Sängerin Milena Hehl. Dazu springt und tanzt sie in den zeitgemäß zum Song verbreiteten Videoschnipsel durch die Welt. „Die linke Szene brauchte mal was anderes als Indie-Boys und Hiphop-Macker“, heißt es auf Instagram zu dem Song, der mit fröhlichstem Latinjazz, ohne Pauken, aber dafür umso mehr Trompeten das System vielleicht nicht ins Wanken, aber doch zum Tanzen bringt.
Empfohlener externer Inhalt
„Löschzug“ von Fruchtiger Beigeschmack
Dabei ist der Text alles andere als leichte Kost. Er nimmt die von Bundeskanzler Friedrich Merz angezettelte fremdenfeindliche „Stadtbild“-Rede aufs Korn, verrührt sie mit der jugendgefährdenden Wiedereinführung der Wehrpflichtdebatte, tanzt nicht mal am Wort „Genozid“ vorbei, würzt das mit Profitkritik und drohendem Faschismus. Alles was Politslogans aktuell so hergeben.
„Ich weiß, dass Menschen gerne verdrängen, aber es kann nicht sein, ihr seht es doch brennen“, singt Hehl und fragt zum Schluss auf Spanisch. „¿Dónde están los bomberos?“ – wo sind die Feuerwehrleute? Musikalisch garniert mit so leichter Kost, dass trotz allem gute Laune aufkommt.
Fruchtiger Beigeschmack
Und die Frage: Warum wird dieser Song nicht bei jeder vernünftigen Demo rauf und runter genudelt? Und warum spielt Fruchtiger Beigeschmack nicht auf jedem dieser lässigen Festivals landauf, landab?
Kaum war „Löschzug“ im Netz, verkündete Merz die niederschmetternden Reformpläne der Koalition – Krankschreibung ab dem ersten Arbeitstag zum Beispiel. Die drei Beigeschmäckler:innen nehmen das als Ansporn. „Lasst uns den Song so sehr pushen, dass Merz den morgen im Radio hören muss“, schreibt die Band auf Instagram.
Intensive Texte auf treibenden Beats
Besonders groß ist das Gesamtwerk des Trios nicht. Auch musikalisch ist es nicht besonders innovativ. Aber wie bei guten Hiphop-Songs wird hier zusammengefügt, was zusammengehört: intensive Texte auf einem meist treibenden Beat.
Im Netz findet sich die EP „Skript 1 des Nichts“ mit einem halben Dutzend Songs, die erkennen lassen, dass die Sängerin Hehl, Gitarrist Levi Kirner und Schlagzeuger Felix Zormaier gern auch schwer scheinende Themen mit einer jazzigen Leichtigkeit angehen – selbst wenn es um Trennung geht, wie bei „Nutzlos“. Oder um die allgemeine Irritation durch den Zustand der allernächsten Umwelt bei „Ich hör mich nicht“.
Die beiden letzten will „Frubei“, wie sich die Band selbst abkürzt, im September offenbar zusammen mit „Löschzug“ auf eine zweiten EP packen. Dazu soll es auch ein Releasekonzert in München geben.
„Ich wart auf den Sommer, bis er vorbei ist“, hieß eine Textzeile schon auf den ersten EP von Fruchtiger Beigeschmack. Damit das diesmal erst gar nicht so weit kommt, sollte jemand mal den Löschzug anschmeißen. Wasser Marsch! Am kommenden Wochenende soll es wieder heiß werden. Und Hitze ist politisch.
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