: Die französische WM
Bei der Weltmeisterschaft sind 99 Spieler im Einsatz, die in Frankreich geboren wurden. Marokko, das nun auf Frankreich trifft, hat 6 davon
Von Frédéric Valin
Das Wiederaufflammen des Nationalismus spielt bei der WM aktuell zumindest auf dem Platz eine untergeordnete Rolle: Ein Viertel aller beteiligten Spieler läuft nicht für ihr Geburtsland auf. Statt von Nationalmannschaften müsste man inzwischen wohl von Postnationalmannschaften sprechen. Insbesondere Frankreich spielt hier eine exponierte Rolle: 99 der nominierten Spieler sind auf französischem Boden geboren. Algerien, Haiti, die DR Kongo und der Senegal hatten eine zweistellige Anzahl auch für Frankreich spielberechtigter Fußballer im Kader. Von den aktuell noch im Turnier befindlichen Spielern sind neben 23 für die Équipe Tricolore auflaufenden Teilnehmern 6 weitere Spieler für Marokko in den USA, und Aymeric Laporte, der für Spanien aufläuft.
Ein Großteil dieser Spieler entstammt dem Großraum Paris und ist dort auf den Bolz- und Käfigplätzen gescoutet worden. Es gibt eine ganze Reihe französischer Clubs, die sich darauf spezialisiert haben, dieses immense fußballerische Potenzial abzuschöpfen; obendrein hat der französische Verband die Ausbildung zentralisiert, an der Akademie von Clairefontaine werden die talentiertesten Spieler ihres Jahrgangs in einem Internat zusammengezogen. Zwischen 13 und 15 bekommen sie hier eine grundlegende fußballerische Ausbildung auf höchstem Niveau, wobei eine der Besonderheiten der französischen Schule ist, einen Schwerpunkt mehr auf individuelle Fähigkeiten zu legen als auf Taktik.
Angesichts des kaum zu versiegen scheinenden Reservoirs an Talenten konnte der französische Verband es locker verschmerzen, wenn Spieler sich dazu entscheiden, für ein anderes Land aufzulaufen: Es gibt schlicht immer Alternativen. Oder zumindest gab es sie bisher immer.
Wenn die französische Nationalmannschaft eine Schwachstelle hat, dann liegt sie im defensiven Mittelfeld. Auf dieser Position gibt es aktuell im französischen Kader keinen von Weltformat. Es hätte ihn aber bald geben können: als große Hoffnung auf dieser Position galt Ayyoub Bouaddi, 18 Jahre jung, bis vor Kurzem Kapitän der französischen U21. Bouaddi sei, so sagte es Olivier Giroud, eine Mischung aus Patrick Vieira und Sergio Busquets, und ebenjener Patrick Vieira pflichtete ihm bei: Er habe die Ruhe am Ball eines 30-Jährigen.
Perspektive einer Heim-WM
Einer hingegen sah zwar auch das Potenzial, aber war trotzdem nicht recht zufrieden: Der französische Nationalcoach Didier Deschamps nominierte Bouaddi nicht für die WM. „Ich habe mich nicht mit ihm ausgetauscht“, sagte er der französischen Presse, „so ticke ich nicht. Wenn ich einen Spieler anrufe, dann, weil ich glaube, dass der Moment gekommen ist, ein Spieler könne der Mannschaft helfen. Natürlich verfolgen wir seine Auftritte. Aber natürlich gibt es auch eine starke Konkurrenz.“
Zinedine Zidane, designierter Nachfolger Deschamps, sah das ein bisschen anders und telefonierte zumindest mit Bouaddi, konnte ihm aber nichts versprechen: ganz anders als der marokkanische Verband, der ihm nicht nur Startelfeinsätze bei dieser WM in Aussicht stellte, sondern auch noch eine weitere Perspektive aufzeigte: Die nächste Weltmeisterschaft findet unter anderem in Marokko statt.
Also entschloss sich der junge Mann, statt für das ihn verschmähende Frankreich für Marokko aufzulaufen, weil er von sich selbst fand, er sei schon so weit, und spätestens das Spiel Marokkos gegen Brasilien hat ihm da völlig recht gegeben: Mit seiner beängstigenden Ruhe am Ball, seiner einzigartigen Fähigkeit zur Antizipation und seinem taktischen und strategischen Verständnis war er der beherrschende Mann auf dem Feld.
Die französischen Verantwortlichen reagieren nach außen hin gelassen auf die Entscheidung Ayyoub Bouaddis; auch weil keine*r eine erneute Politisierung der Nationalmannschaft riskieren wollte. Aktuell ist die französische Mannschaft auch zu erfolgreich, um grundlegende Debatten zu führen. Das war 2011 anders: Nach dem Fiasko bei der WM in Südafrika sickerte ein Strategiepapier des französischen Verbandes durch, das eine Quotierung binationaler Spieler an den Ausbildungsstätten der Klubs vorsah. Das wäre de facto einem Ausschluss von Spielers mit afrikanischem Background gleichgekommen. Nach der Veröffentlichung durch die Investigativplattform Médiapart verabschiedete sich der Verband von solchen Gedankenspielen.
Der jetzige Plan ist ein anderer: Solange es wahrscheinlicher bleibt, mit Frankreich Weltmeister zu werden als mit beispielsweise Marokko, werden sich die Jahrgangsbesten in der Mehrheit immer noch für die Équipe Tricolore entscheiden – das gilt selbst für Spieler wie Michael Olisé, eine der prägenden Figuren des ganzen Turniers, der in England aufwuchs und ausgebildet wurde. Allerdings könnte eine Niederlage gegen Bouaddis Marokko sehr schnell an diesem Selbstverständnis rütteln. Frédéric Valin
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