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Papst Leo XIV.Der Anti-Trump

Kommentar von

Philipp Gessler

Papst Leo XIV. schwieg lange nach seiner Wahl vor einem Jahr. Doch jetzt setzt er starke Zeichen: gegen Trump, dessen ICE-Politik, für Geflüchtete.

F ür ein knappes Jahr nach seiner Wahl am 8. Mai 2025 war es ziemlich still um den ersten US-amerikanischen Papst der Geschichte. Papst Leo XIV. sagte wenig, betete dauernd, hielt viele Messen ab, traf sich mit Menschen, wirkte ganz sympathisch, aber alles in allem doch ziemlich farblos. Was für ein Kontrast zu seinem Vorgänger Papst Franziskus, der nach seiner Wahl zum Papst 2013 wie ein Wirbelwind durch seine Kirche jagte und so ungefähr jede zweite scheinbar festgefügte Wahrheit der römisch-katholischen Kirche in Frage stellte – so radikal, dass manche Fachleute anfangs sogar von einer „Revolution“ in der Weltkirche mit ihren rund 1,4 Milliarden Gläubigen sprachen.

Ganz anders Papst Leo, der zunächst schwieg zu fast allem, vor allem zur Politik – aber dann. Seit dem Frühling dieses Jahres legte der immer noch neue Pontifex maximus los, mischte sich ein, bestimmte die Schlagzeilen fast mühelos. Und das vor allem, weil er sich mehr oder weniger freiwillig einen mächtigen Gegner gemacht hatte: US-Präsident Donald Trump. Der wütete im Weißen Haus so laut und öffentlich über seinen amerikanischen Landsmann im Vatikan, dass Leo wenig mehr machen musste, als die Contenance zu bewahren und sanft zu erklären, dass Trump falsch liege, aber er sich natürlich als Papst nicht einschüchtern lasse.

Es ging vor allem um die Einwanderungspolitik des US-Präsidenten, die Papst Leo glasklar und biblisch fundiert verurteilte. Die Remigrationspolitik Trumps mithilfe seiner ICE-Schläger widerspricht zu offensichtlich allem, was sowohl die Hebräische Bibel, also das Alte Testament, wie die Evangelien, etwa in der Bergpredigt Jesu, in Sachen Aufnahme von Fremden und Nächstenliebe erklären. Hier ist die (jüdisch-)christliche Botschaft eindeutig. Immer absurder wurden dennoch die Pöbeleien aus dem Oval Office gegen Papst Leo, mit dem Höhepunkt der Erklärung von Trumps Vize J. D. Vance, Leo solle sich doch bei der Theologie (!) mit öffentlichen Äußerungen zurückhalten, davon verstehe er zu wenig.

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Dass sich der US-Präsident mit einem Papst so öffentlich und anhaltend fetzt, gab es noch nie in der Geschichte. Wer aus dieser Fehde als Sieger hervorging, dürfte außerhalb der MAGA-Sekte unbestritten sein: der stille Mann vom Tiber. Dass Papst Leo mittlerweile zu einer der führenden Stimmen für eine menschliche Flüchtlingspolitik und für Frieden weltweit geworden ist, war nicht unbedingt zu erwarten. Aber in einer Welt der immer schamloser vorangetriebenen Kriege und brutalster Abschottungspolitik nicht nur im Norden der Welt sind die mahnenden Worte Leos, wie jüngst auf Lampedusa, einfach dringend nötig – was immer sie am Ende bewirken mögen.

Dass der Papst nun auch sein erstes, sehr beachtliches Rundschreiben (Enzyklika) zum wohl brennendsten technisch-politisch-gesellschaftlichen Thema, nämlich zur künstlichen Intelligenz, verfasst hat, passt ins Bild: Papst Leo packt zunehmend die heißen Themen der Welt an – und nicht zufällig gerät er damit in Konflikt mit den Tech-Oligarchen des Silicon Valley. Denn die werden immer dann sauer, wenn ihre KI-Macht oder ihr brutalster Neoliberalismus irgendwo auf der Welt beschränkt werden könnte. Manche von ihnen begeben sich dabei sogar auf pseudotheologische Irrwege wie zum Beispiel der schon halb durchgeknallte US-Tech-Milliardär Peter Thiel. Der evangelikal geprägte Großinvestor deutscher Herkunft liebt es, biblische Randbegriffe wie „Katechon“ oder „Antichrist“ zu religiösen Mega-Phantasien aufzujazzen. Seine Verschwörungsmythen gehen mittlerweile so weit, dass er selbst vor wohlwollendem Publikum nun noch Lacher erntete, als er neulich erklärte, dass Papst Leo „für die chinesischen Kommunisten arbeitet“.

Kirchenpolitisch darf man von ihm nichts erwarten

Hat Papst Leo also in seinen ersten gut 14 Monaten alles richtig gemacht? Ist der Mann in Weiß für viele linke Menschen auf der ganzen Welt zu Recht ein Ally im Geiste? Das zu glauben wäre naiv. Denn kirchenpolitisch hat Leo schon jetzt einige Duftmarken gesetzt, die zeigen, dass er die Hoffnungen aus diesem politisch-gesellschaftlichen Spektrum enttäuschen wird. Die Ergebnisse und Forderungen des Synodalen Wegs in Deutschland, des Reformprojekts der katholischen Kirche hierzulande, fasst Papst Leo nur mit äußerst spitzen Fingern an: Segnungen von homosexuellen Paaren in Kirchen? Predigten auch von Nichtpriestern (Laien) bei Eucharistiefeiern (Abendmahlsfeiern)? Weihen für Diakoninnen, zumindest in bestimmten Regionen der Weltkirche? No! No! No!

Und ob der Papst den Deutschen erlaubt, in ihrer katholischen Kirche mehr Synodalität, also mehr demokratische Elemente, strukturell zu verankern, etwa in Form einer „Synodalkonferenz“, ist mittlerweile mehr als zweifelhaft. Und das, obwohl Leo wie Papst Franziskus seit seinem ersten Tag im Vatikan das Loblied der Synodalität als Strukturprinzip der Kirche singt.

So zeichnet sich schon jetzt ab, dass Papst Leo in seinem Pontifikat doch in die Fußstapfen seines Vorgängers Franziskus treten wird: politisch und wirtschaftlich eher links, gesellschaftlich und kirchenpolitisch eher rechts – vereinfacht gesagt. Man darf Papst Leo zugutehalten, dass er schon jetzt oft wie ein Getriebener wirkt und vor allem in der Defensive ist: Die konservativ-reaktionären Kräfte weltweit und in der römisch-katholischen Kirche werden stärker. Theologisch gesehen, ist es die vornehmste Aufgabe des Papstes, die Einheit seiner Kirche zu erhalten. Auch deshalb bekommen die Liberalen in ihr weniger, als sie erhoffen. Und die Konservativen mehr Widerstand, als sie vor Franziskus gewohnt waren, also unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in den bleiernen Jahren zwischen 1978 und 2013. Frauen, Homosexuelle und Laien sollten sich deshalb auch von Papst Leo nicht zu viel erwarten. Er wird ihre Hoffnungen nicht erfüllen.

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12 Kommentare

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  • "Dass Papst Leo mittlerweile zu einer der führenden Stimmen für eine menschliche Flüchtlingspolitik und für Frieden weltweit geworden ist, war nicht unbedingt zu erwarten."



    Deshalb ist er inauguriert, im Konklave sitzen Profis.

    "in den bleiernen Jahren zwischen 1978 und 2013"



    Offensichtlich schon vergessen...



    Hier hatten sich auch alle gewaltig verschätzt:



    "Am 16. Oktober 1978 wurde der Erzbischof von Krakau, Karol Kardinal Wojtyla, im Konklave in der Sixtinischen Kapelle zu Rom durch den Spruch der 111 Kardinäle zum Nachfolger Petri gewählt.



    Es war die bei weitem größte Sensation in der jüngeren Kirchengeschichte: Kein Colonna, kein Farnese, nicht einmal ein Pacelli oder Montini leitet nun die Geschicke der Weltkirche, sondern ein schlichter Wojtyla. »Ein Name, der die Piazza einfrieren ließ«, schrieb Roms »La Repubblica« über die erste Reaktion des Volkes auf dem Petersplatz am Abend der Wahl. Und noch vorigen Mittwoch, zwei Tage danach, machte das Massenblatt »Corriere della Sera« mit der dicken Doppel-Schlagzeile auf: »Der Schock der Papstwahl ist schon in den Straßen Roms«.



    spiegel.de '78



    ebd:



    "So weltoffen, intellektuell und universell orientiert der neue Papst auch ist..."

    • @Martin Rees:

      Der Vergleich ist recht spannend und zeigt, wie wichtig historische Kontexte sind: Leo XIV. ist sicher etwas liberaler als Johannes Paul II. (oder hat sich einfach besser mit einer Welt abgefunden, die insgesamt liberaler ist), aber die theologischen Grundpositionen sind relativ konstant. Allerdings was das Pontifikat JP II. in hohem Masse vom Kalten Krieg und dem Ende der SU geprägt; der katholische Antikommunismus (der ja nicht verschwunden ist, sondern nur den aktuellen Bezugspunkt verloren ist) hat daher die friedens- und sozialpolitischen Botschaften oft überdeckt (zumindest bis zum Irak-Krieg). Leo XIV. hingegen wirkt in einer Zeit, in der katholische Lehrmeinungen weniger von einem (räumlich und ideologisch) äußeren Feind in Frage gestellt werden, sondern durch die neoliberal-rechtspopulistische Verrohung nicht zuletzt des Westens selbst. Etwas platt formuliert: im Vergleich zu Trump und Merz erscheint ein freundlicher Konservativer wie der amtierende Papst sogar für säkulare Linke vielleicht nicht als Hoffnungsträger, aber doch als Ansprechpartner.

  • Da gehört für den zivilisierten Menschen eigentlich nicht viel dazu komplett anderer Meinung wie die Trumps, Putins und Höckes dieser Welt zu sein.

  • “Mut zeigt auch der Mameluk



    Gehorsam ist des Christen Schmuck“



    Schillers Friedrich Warnung Papst Leo zum Wohle!



    Gedroht 🇺🇸 IStGH 1.0 hett mehr scho - aber so



    Big Raushole 2.0 Rom Big Raushole Papst Leo 🍑💨

  • »Nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des Christentums kenne ich in Antike, Mittelalter und Neuzeit, einschließlich und besonders des 20. Jahrhunderts, keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die christliche Kirche, ganz besonders die römisch-katholische Kirche.«



    (Karlheinz Deschner)

    Wer auf so einem Riesenhaufen an Verbrechen sitzt, hat jeden Anspruch darauf verwirkt, ernst genommen zu werden.



    In der wundesamen Welt der Religion gelten diese Maßstäbe offensichtlich nicht.

    • @Bernardo Januar:

      Deschner kann das halt leicht behaupten, weil eigentlich keine andere Institution so lange durchgehalten hat wie die Schimäre aus römischem Reich und christlicher Kirche.







      PS: Auf welchem Riesenhaufen an Verbrechen sitzt ein im 20. Jh. geborener Deutsche eigentlich nach dieser Denkweise? Schauen wir ansonsten vielleicht weniger auf Menschen oder so, sondern auf Argumente, vielleicht ist das eine gemeinsame Plattform.

      • @Janix:

        Schauen wir nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart: Das zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem Naziregime abgeschlossene Reichskonkordat von 1933, das die Rechtsbeziehungen zwischen Kirche und deutschem Staat regelt, ist immer noch in Kraft. Und weder der Staat noch die Kirche machen Anstalten, hieran etwas zu ändern.

        • @Budzylein:

          Bei Ihnen: Der Vatikan schloss noch früher ab als Polen, hoffte (vergeblich), seine Verbände damit zu retten, und es gab später beides: katholische Nazis und Mitläufer wie auch katholisch motivierte Nicht-Nazis und Nicht-Mitläufer, wobei etwa Galen arg spät seine Rolle fand. Religion kann auch mal vor der Ergebung vor Macht und Realpolitik schützen oder auch zu Quietismus führen.



          Ähnlich wie M. Rees: da gibt es solche und solche.

          Ich ziehe gerne über die katholische oder andere Kirche her. Mir ging es im obigen Punkt eher um einen logischen Punkt:



          Ex-Rekordmeister Nürnberg hat mehr Meisterschalen als der 2. FC Neugegründet, einfach schon, weil's den Verein schon so lange gibt. Sagt über Nürnbergs aktuelle Meisterchancen eher wenig aus.

    • @Bernardo Januar:

      Vielleicht kommt hier eine Abgrenzung zur Klarstellung:



      "Katholiken in der US-Regierung:



      Päpstlicher als der Papst



      In den USA wächst eine Elitenbewegung: Die radikalen Hardliner aus dem Trump-Lager sind neuerdings Katholiken. Das hat für sie einen praktischen Nutzen."



      bei zeit.de



      Es gab und gibt auch andere Seiten der globalen Ausrichtung, die kannten auch Deschner und Drewermann:



      "Gottesrede.



      In Metzʼ bahnbrechendem Werk „Zur Theologie der Welt“ trat 1968 die Neue Politische Theologie auf die theologische Bühne. Ihr Anliegen war, die neuzeitliche Freiheitsgeschichte zu rezipieren, kritisch aufzunehmen und das kritisch-politische Potenzial des biblischen Verheißungsglaubens zur Geltung zu bringen. Für diese eschatologisch gepolte Theologie wurde das Verhältnis von Glaubensverständnis und gesellschaftlichem Handeln zum Grundproblem. Der Neuen Politischen Theologie geht es darum, die Privatisierung des Glaubens aufzubrechen und folglich Glaubenspraxis und Theologie..."



      feinschwarz.net🤔

      • @Martin Rees:

        Nix gegen die (ideelle) christliche Ethik, auch wenn es eher kontraproduktiv ist, eine Normbegründung auf eine ominöse Gotteskonstruktion (es weiß doch keine Sau, was "Gott" eigentlich sein soll) aufzubauen anstatt auf den Menschen selbst. Schöner Text dazu:

        www.humanistische-...smusaufkl_1108.pdf

        Zur Reformierbarkeit der Institution wieder mal Deschner:

        Gott, wirklich, ich muß ihn anrufen, und da kommen immer noch Reformer? Ökumenische Beweger und Begegner? Una-sancta-Sirenen? Die Dialog-mit-der-Welt-Führer? Die das Evangelium-den Atheisten-Bringer? Die Sich-Öffnenden-nach-links-und-rechts? Ja, als was kommen, als was fungieren sie denn? Doch als die Verlängerer des Unglücks, der Helfershelfer der Hierarchie, die gerade ihretwegen – wie noch nach jeder Reform – im Grunde ganz und gar genau so fortexistieren wird: mit der alleinseligmachenden Pfründe und der alleinseligmachenden Macht

        ... [1200 Zchn snd zu wng] ...

        Reformer? Kadaverkosmetiker bloß. Bestallte Konservierer einer Leiche, die schon riecht und nicht mehr der Reform bedarf, sondern nur noch des Abdeckers.

        www.humanist.de/de...ritt/deschner.html

        • @Bernardo Januar:

          Immerhin gibt's auch in Deutschland interessante Alternativen zur apodiktischen Kritik mit oft sehr persönlichen Hintergründen und Erfahrungen:



          de-academic.com/di...7/#Einzelnachweise



          Einzelne sind mir persönlich in außerordentlich guter Erinnerung, als authentische Menschen mit einer Aura ohne Sendungsbewusstsein.

        • @Bernardo Januar:

          Ich teile Ihre Fundamentalskepsis gegenüber Offenbarungsreligionen. "Ich weiß, was Gott will und Du wollen musst, denn ich höre SEine Stimme" ist schon mal ein sehr fragwürdiger Ansatz. Ich bin sehr froh, dass in unseren Breiten Kirchen schon eine ganze Weile nicht mehr mit Macht reinregieren, sondern argumentieren müssen wie andere auch.

          Wieso Humanismus das auflösen soll, war mir allerdings nicht klar. Er ist ein nettes Handwerkszeug, doch von welchem Menschenbild startet es jeweils, ist der Rest vom Lebewesen Erde auch dabei, wie intolerant oder tolerant verhält mensch sich gegenüber anderen Entwürfen? Ist alles nicht nur Christentum oder zumindest Säkularreligion mit ein bisschen Abbeize?