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Sicherheitsexperte über U-Boot-Deal„Kanada gibt dem Druck nach, den Trump auf Alliierte ausübt“

Es ist ein historischer Deal: Kanada wird Teil eines deutsch-norwegischen U-Boot-Verbundes. Das sei ein Zeichen für ein stärkeres Bündnis, sagt Sicherheitsexperte Allers.

Anastasia Zejneli

Interview von

Anastasia Zejneli

taz: Es ist ein historischer Milliardendeal. Die kanadische Regierung wird Teil einer deutsch-norwegischen U-Boot-Kooperation. Der Kieler Hersteller TKMS soll zwölf U-Boote herstellen. Kam der Deal für Sie überraschend?

Robin Marc Allers: Nein, nicht wirklich. Das hat sich angedeutet. Obwohl die Konkurrenz aus Südkorea ein starkes Angebot hatte, hat vieles darauf hingedeutet, dass TKMS den Zuschlag bekommen wird.

Im Interview: Robin Marc Allers

ist Associate Professor am Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien (IFS) in Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der deutschen, norwegischen und europäischen Sicherheitspolitik.

taz: Was waren die Anzeichen dafür?

Allers: Es hat sich politisch in den vergangenen Monaten viel getan. Kanzler Friedrich Merz war vor Kurzem erst in Norwegen, wo er sich auch mit dem kanadischen Premierminister getroffen hat. Das Ganze ist eingebettet in eine strategische Partnerschaft der drei Länder. Diese ist sicherheitspolitisch, strategisch und gleichzeitig industriell. Man hat sehr viel Wert darauf gelegt, Zusatz- und Einzelabkommen mit der kanadischen Wirtschaft abzuschließen, um ein industrielles Gesamtpaket anbieten zu können. Der Deal war für den koreanischen Konkurrenten schwer zu überbieten. Gleichzeitig spricht auch die gesamte sicherheitspolitische Lage dafür, dass sich Kanada für einen Nato-Partner entscheidet.

taz: Was gibt es für konkrete Unterschiede zwischen dem Modell, das jetzt bei TKMS gebaut wird, und dem Konkurrenten aus Südkorea?

Allers: Beides sind sehr leistungsstarke Modelle. Es sind beides konventionelle U-Boote, das war Kanada auch wichtig. Letztendlich war wohl die deutsch-norwegische Kooperation, von der Kanada nun ein Teil werden kann, ausschlaggebend. Denn diese Kooperation wurde mit Blick auf den Nordatlantik entwickelt, was für Kanada von großem Interesse ist.

taz: Sie haben gesagt, dass es wichtig war, dass konventionelle U-Boote gebaut werden. Könnte man sie theoretisch trotzdem atomar bestücken?

Allers: Nein, in Norwegen sowieso nicht. Dort gibt es sogenannte selbst auferlegte Beschränkungen: Man will weder atomare Bewaffnung noch atomar betriebene Waffensysteme haben. Das passt auch nicht zu der Art von U-Booten, die Norwegen haben möchte, nämlich solchen, die auch küstennah eingesetzt werden sollen. Darin sind sich alle drei Länder einig.

taz: Was sind ganz konkrete sicherheitspolitische Vorteile der deutsch-norwegischen Kooperation?

Allers: Kanada hat drei Ozeane, zu denen es sich verhalten muss: den Pazifik, den Nordatlantik und den Arktischen Ozean. Insofern ist es auch eine bewusste Entscheidung Kanadas, sich den Nato-Alliierten zuzuwenden und den Schwerpunkt auf die Sicherheit im Nordatlantik und auch in der Arktis zu legen. Am Mittwoch wurde zudem am Rande des Nato-Gipfels in Kanada eine gemeinsame Erklärung der drei Regierungschefs verabschiedet, die darauf hinweist, dass man diese Kooperation stärken will.

taz: Aber wie sieht das genau aus? Warum ist es sicherheitspolitisch so wichtig für Kanada, aber auch für Norwegen und Deutschland, in der Arktis präsent zu sein?

Allers: Die Arktis ist ja nicht nur das, was wir gemeinhin als Arktis verstehen, sondern auch der Nordatlantik, also die Verbindungswege von der Barentssee hinüber in den Nordatlantik bis zur nordamerikanischen Küste, die sogenannte GIUK-Lücke. Das sind auch die Bereiche, in denen Trump den Alliierten mit Blick auf Grönland vorwirft, dass sie nicht genug machen. Für Norwegen ist es seit Jahrzehnten, schon seit dem Kalten Krieg, ein Anliegen, die Alliierten darauf zu verpflichten, mehr für die Sicherheit dieser Region zu tun. Denn es ist die Gegend, in der potenziell russische U-Boote ihre Häfen verlassen und in den Nordatlantik fahren können. Diese zu kontrollieren, ist eine Kernaufgabe der Allianz vor Ort: Abschreckung und Verteidigung sicherzustellen, Präsenz zu zeigen und zu verfolgen, was potenzielle Gegner machen. Diese Aufgaben kann man aber nur gemeinsam und mit einer ausreichenden Anzahl an U-Booten wahrnehmen. Wenn sich die USA nun etwas zurückziehen und sagen, dass die Europäer mehr Verantwortung übernehmen müssen, dann wird natürlich diese Form der Kooperation, wie wir sie jetzt sehen, wichtiger.

taz: TKMS hat insgesamt den Auftrag, 24 U-Boote zu bauen: davon nun 12 für Kanada sowie jeweils 6 für Deutschland und Norwegen. Warum braucht Kanada so eine hohe Anzahl?

Allers: Kanada hatte nur noch 4 U-Boote, und die haben fast alle nicht mehr richtig funktioniert. Deutschland und Norwegen hatten ebenfalls sehr wenige. Dass man jetzt eine Flotte aufbaut, mit der tatsächlich jederzeit U-Boote im Nordatlantik eingesetzt werden können und nicht ständig riskiert werden muss, dass gerade 3 oder 4 in der Werft liegen, ist wichtig. Aber U-Boote sind nur ein Aspekt. Man braucht auch Flugzeuge, Fregatten und andere Fähigkeiten. Es wird sicher auch einen Unterschied machen, dass man nun einen Partner auf der anderen Seite des Nordatlantiks hat und es dort auch Instandhaltungswerften geben wird.

taz: Das erste U-Boot soll erst 2033 geliefert werden. Außerdem sollen die Vertragsverhandlungen noch 6 bis 18 Monate dauern. Warum braucht es so lang?

Allers: Die deutsch-norwegische Zusammenarbeit wurde bereits 2017 beschlossen. Erst 2021 wurde der Vertrag zur gemeinsamen Beschaffung von U-Booten unterschrieben, und diese werden gerade erst gebaut. Jetzt kommt Kanada hinzu und möchte doppelt so viele U-Boote haben. Nun muss man sich natürlich einigen und verhandeln: Wann bekommt Kanada sein erstes Boot? Müssen Deutschland und Norwegen möglicherweise auf ihr zweites oder drittes Boot warten? Allerdings hat man mit Kanada bereits sehr lange verhandelt, um überhaupt die Voraussetzungen für dieses Abkommen zu schaffen, damit daraus eine gemeinsame Flotte werden kann. Die Koreaner hatten zwar versprochen, schneller zu liefern, doch das Argument des Verbundes war offenbar ausschlaggebend.

taz: Sie haben gerade schon gesagt, dass Norwegen seit Längerem versucht, mehr Kooperation bei der Sicherheit und Überwachung der Arktis anzustoßen. Wie wurde der Deal in Norwegen aufgenommen?

Allers: Er wurde sehr positiv aufgenommen. Kanada schließt sich hier einer gewachsenen deutsch-norwegischen Kooperation an, die auf Jahrzehnte angelegt ist. Das ist nichts, was man einfach so spontan macht. Man verpflichtet sich, über mehrere Jahrzehnte in einem sicherheits- und verteidigungspolitisch sehr wichtigen Bereich sehr eng zusammenzuarbeiten. Dadurch kann tatsächlich eine echte Gemeinschaft entstehen. Gleichzeitig profitiert die norwegische Industrie davon. Sie ist zwar kleiner und eher eine Nischenindustrie, ist aber ebenfalls Teil dieses Abkommens – genauso wie künftig die kanadische Industrie davon profitieren wird. Das ist bei solchen Rüstungsdeals immer wichtig.

taz: Wie genau kann das aussehen, wenn in Deutschland produziert wird, Norwegen und Kanada aber trotzdem davon profitieren?

Allers: Von norwegischer Seite wurde Kongsberg Defence & Aerospace von Anfang an eingebunden, damit das Unternehmen bestimmte Komponenten liefert. Kongsberg hat unter anderem besondere Kompetenzen im Raketenbereich. Die gesamte deutsch-norwegische Kooperation wurde von Anfang an so aufgebaut, dass man nicht einfach nur einer Firma den Auftrag erteilt, diese U-Boote zu bauen. Gleichzeitig hat man sich darauf geeinigt, gemeinsam neue Komponenten, Teile des U-Bootes und Raketensysteme weiterzuentwickeln. Außerdem werden künftig Ausbildung und Instandsetzung gemeinsam organisiert. Es gibt also viele Bereiche, in denen die Industrie des jeweils anderen Landes eingebunden werden kann.

taz: Der Auftrag Kanadas soll wohl knapp 20 Milliarden Euro kosten. Noch ist nicht klar, wie viel am Ende tatsächlich für diese U-Boote ausgegeben wird. Warum sind U-Boote überhaupt so teuer?

Allers: Ich glaube, das hängt letztendlich mit dem Umfang der Bestellung zusammen. Dieser Auftrag ist so groß wie selten zuvor, weil so viele U-Boote gleichzeitig bestellt werden. Das macht diesen Deal so besonders, es ist der größte Auftrag in der Geschichte von TKMS. Gleichzeitig steigen aber auch die Kosten für jedes einzelne U-Boot, weil Ressourcen knapper werden und die Preise steigen. Die Investition war aber offenbar notwendig. Kanada sah sich genötigt, nachzuholen, was es jahrzehntelang versäumt hat, nämlich seine eigenen Fähigkeiten im U-Boot-Bereich wieder aufzubauen. Gleichzeitig gibt Kanada aber auch dem Druck nach, den Trump auf die Alliierten ausübt.

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