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Italienischer Chefredakteur über KI„Künstliche Intelligenz ist wie ein Scharfschütze“

Die italienische Tageszeitung „Il Foglio“ veröffentlicht seit 2025 KI-generierte Texte in der gedruckten Ausgabe. Der Chefredakteur erklärt, warum.

Ambros Waibel

Interview von

Ambros Waibel

taz: Herr Cerasa, Ihre Zeitung „Il Foglio“ hat vom 18. März 2025 an eine vierseitige, komplett von KI erzeugte Beilage produziert, einen Monat lang. Aktuell gibt es jeden Dienstag einen solchen Teil. Wie kam es zu diesem Projekt?

Claudio Cerasa: Wir haben dieses Experiment durchgeführt, weil Italien ein Land ist, das sich künstlicher Intelligenz mit enormen Vorurteilen und zahlreichen Tabus genähert hat – so sehr, dass die italienische Datenschutzbehörde gegen die Nutzung von ChatGPT vorgegangen ist, wenn auch letztlich erfolglos. Wir wollten uns also zuerst mit den Skeptikern auseinandersetzen. Der zweite Grund war, dass wir dachten: Das größte Risiko, das wir im Umgang mit künstlicher Intelligenz eingehen können, besteht darin, nichts zu tun. Und so haben wir beschlossen, eines der traditionellsten Informationsmittel, nämlich die auf Papier gedruckte Zeitung, mit einem der fortschrittlichsten Informationsinstrumente zusammenzubringen: der künstlichen Intelligenz.

Wir haben beides mit unserer mehr oder weniger natürlichen Intelligenz vermischt, und dabei ist ein bemerkenswertes Produkt entstanden, das uns gezeigt hat, wozu sie tatsächlich fähig ist: Die künstliche Intelligenz, die ironisch sein kann, die überraschen kann, die sehr gut schreiben kann, macht niemals Tippfehler, sie verwendet nur ein paar Semikolons zu viel. Gleichzeitig hat sie uns geholfen, besser zu verstehen, was sie nicht kann. Und dieses Wissen treibt uns dazu an, uns mehr auf die Dinge zu spezialisieren, die nur wir können.

Im Interview: Claudio Cerasa

geboren 1982 in Palermo, ist seit 2015 Chefredakteur der italienischen Tageszeitung Il Foglio. Redaktionssitz der Zeitung ist in Rom.

taz: Zum Beispiel?

Cerasa: Künstliche Intelligenz hat keinen interessanten Blickwinkel auf die Welt, sie führt keine Telefonate, sie schwitzt nicht, sie geht nicht spazieren, sie kritisiert dich nicht, sie geht keinen dialektischen Austausch mit dir ein. Die künstliche Intelligenz ist in jedem Beruf von grundlegender Bedeutung, um Effizienz und Produktivität zu steigern. Aber vor allem gibt sie dir die Möglichkeit, kreativer zu sein.

taz: Gab es innerhalb der Redaktion jemanden, der gesagt hat: „Ihr nehmt uns den Job weg, wir werden alle arbeitslos sein?“

Cerasa: Nein. Alle, die bei uns arbeiten, sind sich ihres Talents sehr bewusst. Wenn man künstliche Intelligenz einsetzt, muss man sich aber natürlich auch aus ethischer Sicht dazu verpflichten, sie als Mittel zur Verbesserung der eigenen Arbeit zu nutzen – und nicht, um etwas zu ersetzen. Man muss verstehen, wie man Ressourcen freisetzen kann, wie man neue Spezialisierungen schaffen kann, anstatt jemanden zu entlassen. Unser Experiment hat dazu geführt, dass wir neue Mitarbeiter eingestellt haben.

Wie dieses Interview entstand

Das Interview mit Claudio Cerasa wurde auf Italienisch am 7. Juli geführt. Da der Video-Link nach kurzer Zeit zusammenbrach, wurde das anschließende Telefongespräch aufgezeichnet, mit einer KI-Anwendung verschriftlicht, mit einer weiteren KI-Anwendung, mit der der Autor die besten Erfahrungen gemacht hat, ins Deutsche übersetzt, anschließend redaktionell bearbeitet und stark gekürzt.

taz: Wie sieht der Alltag eines Redakteurs aus, der mit künstlicher Intelligenz arbeitet?

Cerasa: Auch hier sind wir eine etwas verrückte Zeitung, daher unterscheidet sich der Arbeitsalltag ein wenig von dem, was man sich darunter vorstellt. Seit der ersten Ausgabe im März 2025 stammen ausnahmslos alle Prompts – also die Fragen an die KI für die Artikel – vom Chefredakteur, also von mir. Es gibt keinen einzigen Artikel, der nicht von einem meiner Prompts ausgeht, die natürlich auch in der Redaktionssitzung entstanden sein können. Und wenn die künstliche Intelligenz gebeten wird, auch eine Überschrift, eine Zusammenfassung oder einen Teaser zu erstellen, gibt es einen Journalisten, der die Artikel liest und mich gegebenenfalls darauf hinweist, wenn es kritische Punkte gibt.

Der Artikel kann überarbeitet, durch einen anderen ersetzt oder korrigiert werden. Bei offensichtlichen Fehlern lassen wir diese jedoch stehen, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, künstliche Intelligenz auch anhand ihrer Schwächen zu studieren. Wir haben den Lesern eine E-Mail-Adresse zur Verfügung gestellt, an die sie Hinweise senden können, um die häufigsten Fehler der künstlichen Intelligenz zu identifizieren.

taz: Und welche sind das?

Cerasa: Die Fehler hängen im Wesentlichen davon ab, wie man den Prompt formuliert. Zu Beginn unserer Versuche haben wir festgestellt, dass die künstliche Intelligenz in einigen Fällen dazu neigte, sich Dinge auszudenken, wenn der Prompt zu weit gefasst oder zu vage war. Und wir haben gelernt, dass, wenn wir zu bestimmten Themen keine klare redaktionelle Linie vorgaben, die KI dazu neigte, zu reproduzieren, was scheinbar Common Sense ist. Wenn wir also etwas zum Nahen Osten wollten, neigte sie dazu, sich gegenüber Israel skeptisch zu zeigen; wenn wir über Globalisierung sprachen, neigte sie dazu, globalisierungskritisch zu sein. Mit der Zeit haben wir verstanden, dass man präzise Vorgaben machen muss.

taz: Sie haben geschrieben, dass der künstlichen Intelligenz der „Geruch der Redaktion“ fehlt. Wir wissen alle, was der „Geruch der Redaktion“ im physischen Sinne ist, aber was genau fehlt da eigentlich?

Cerasa: Die gemeinsame Arbeit führt zu Interaktionen und einem Austausch, der nicht nur zu Beginn des Tages stattfindet, wenn man noch frisch ist, sondern auch am Ende des Tages, wenn man schon etwas verschwitzt ist. Und diese Interaktionen, die auch auf der Grundlage unterschiedlicher Standpunkte oder Ideen stattfinden, führen dazu, dass man etwas tut, was zu Beginn nicht vorgesehen war. Das heißt, wenn ich einen Artikel zum Thema A schreiben möchte und mein Redakteur sagt: „Nein, lass uns diesen Artikel mit dem Ansatz B schreiben“, dann entsteht durch diese Abweichung ein Inhalt, der das Ergebnis der Interaktion zwischen uns ist.

Er trägt den Schweiß der natürlichen Intelligenz in sich, der niemals das Ergebnis einer Interaktion mit künstlicher Intelligenz sein könnte, denn künstliche Intelligenz verhält sich in kreativen Berufen wie ein Scharfschütze: Wenn man ihr die Aufgabe gibt, etwas zu treffen, trifft sie es sehr gut, aber eben auch nur das.

taz: Die „FAZ“ hat einen Gastbeitrag von Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen, depubliziert, ihrem Grundsatz folgend: „Wir veröffentlichen heute und auch künftig keine Originalbeiträge mit von KI generiertem Text.“ Was halten Sie davon?

Cerasa: Das scheint mir eine falsche Entscheidung zu sein. Warum? Weil Politiker in der Regel entweder selbst gut schreiben können oder sich in sehr vielen Fällen auf einen Ghostwriter verlassen. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz zum Verfassen eines Textes erscheint mir nicht so relevant. Wir sprechen hier schließlich von Politikern, von Personen aus den Institutionen. Was zählt, ist die Unterschrift unter ihrem Artikel und das, was sie damit sagen wollen.

Es erscheint mir völlig irrelevant, ob ein Artikel von einem Politiker mithilfe künstlicher Intelligenz verfasst wurde. Wichtig ist, dass man die Verantwortung für das übernimmt, was man geschrieben hat.

taz: Sie scheinen mir ziemlich optimistisch zu sein, dass es in fünf oder zehn Jahren immer noch Zeitungen und Redaktionen geben wird, oder?

Cerasa: Ich bin nicht nur in dieser Hinsicht optimistisch, sondern glaube auch, dass die künstliche Intelligenz uns alle dazu zwingen wird, ein bisschen talentierter zu sein. Sie ist ein Wettbewerbsfaktor, und um sie zu meistern, muss man besser sein.

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