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Festival zu antifaschistischer LiteraturAuf der Suche nach radikaler Sprache

Was heißt antifaschistische Literatur und was lernen wir aus ihr? Im Berliner Brecht-Haus wurde eine Woche lang über Literatur und Widerstand diskutiert.

Wenn im Brecht-Haus die Vorhänge geöffnet sind, muss man sich gut konzentrieren. Draußen vor den Fenstern des Veranstaltungssaals zieht die Nacht in die Berliner Chausseestraße ein. Es ist windig, Schauer wechseln sich mit den letzten Strahlen der Abendsonne ab. Haare wehen, Straßenbahnen ruckeln vorbei, ein Herr mit schwarz-rot-goldenem Schirm guckt herein. Nach und nach verdunkelt sich das Gesamtbild.

„Sie haben das neue Deutschland nicht begriffen“, liest Ronya Othmann auf dem Podium ein Zitat der „Tant Adelheid“ vor. Es ist der zweite Abend des „Lesefestivals antifaschistischer Literatur“, das das Literaturforum im Brecht-Haus mit Mitteln des Landes Berlin ausrichtet. Die beiden Schrift­stel­le­r:in­nen Ronya Othmann und Domenico Müllensiefen wurden gebeten, ein Lesetagebuch zur Lektüre eines antifaschistischen Buches zu schreiben.

„Nach Mitternacht“ lautet der Titel von Irmgard Keun, den Othmann („Die Sommer“) dafür ausgewählt hat. Keun schildert darin die Erlebnisse der jungen Sanna, die bei ihrer nationalsozialistischen Tante und Fanatikerin eines „neuen Deutschlands“ unterkommt. Der 1937 erschienene Roman ist eines der Bücher, die das Literaturforum in einer antifaschistischen Leseliste anlässlich des Festivals vorstellt.

Othmann beschreibt in ihrem Lesetagebuch, wie Keuns Figuren und ihr „in Naivität gekleideter Scharfsinn“ sie berührt haben. Der Abend gilt einer Rückschau auf Geschichten wie die von Irmgard Keun. Die Gegenwart bleibt dabei vorerst draußen vor den Fenstern – wie es um den heutigen Antifaschismus steht und was die Aufgabe der Literatur darin ist, das wird nur am Rande gestreift.

Was heißt antifaschistischer Widerstand heute?

Für sie sei das eine bewusste Entscheidung, sagt Othmann. Es sei ihr so vorgekommen, als würde sie den Erfahrungen von Irmgard Keun etwas überstülpen, wenn sie zum Beispiel ihre Gedanken zur Lage in Syrien im Tagebuch festgehalten hätte, auch wenn die sie beim Lesen immer wieder beschäftigt hätten.

Es sind Fragen, die sich das antifaschistische Lesefestival insgesamt stellen will: Was bringt uns der Blick in die Bücher über den Faschismus? Liest man sie als einen Bericht aus der Vergangenheit, den man anschließend als mahnendes „Nie wieder!“ hinaus in die Straßen der Stadt trägt? Oder geht es darum, das Wissen um den historischen Faschismus mit dem Heute zu verbinden und zu erneuern?

Ein Panel zu NS-Satire, ein Friedhofsrundgang – das Lesefestival konzentriert sich auch an den anderen Tagen klar auf den historischen deutschen Faschismus. Wer dort auf ein Treffen von aktuellen Wi­der­stands­künst­le­r:in­nen gehofft hat, wird zunächst enttäuscht. In die Gegenwart geht es erst in der zweiten Wochenhälfte. Tanasgol Sabbagh und Fabian Saul („Die Trauer der Tangente“) versammeln in ihrer Performance am Donnerstag Au­to­r:in­nen verschiedenster Strömungen, Sprachen und Themen unter der Frage: Was heißt antifaschistischer Widerstand heute?

Der Veranstaltungsraum ist an diesem Tag abgedunkelt, die Vorhänge sind geschlossen, die Stadt vor den Fenstern ist nur hin und wieder durch die Vibrationen der vorbeirollenden Straßenbahnen zu spüren. Im Wechsel lesen die beiden aus den Werken von Antonio Gramsci und Hélène Cixous, aber auch Ge­gen­warts­au­to­r:in­nen wie Maryam Aras oder Olivier David. Dazu spielen sie Tonmitschnitte aus Interviews mit James Baldwin oder Ingeborg Bachmann ein, immer wieder auch Aufnahmen aus Sauls und Sabbaghs 2025 beim Deutschlandfunk veröffentlichtem Hörspiel zu Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“.

Die Aufgabe von Literatur im Widerstand

Den Gegenwartsbezug erhält die Performance zum einen durch Verweise auf die Lage in Gaza und die Aufrüstungspolitik in Deutschland. Dabei lotsen die Au­to­r:in­nen das Publikum für einen Moment gedanklich hinaus auf die Straßen: Auf einer Leinwand im Hintergrund erscheint ein Aufruf zum Protest gegen die geplante Rheinmetall-Produktionsstätte in Berlin.

Antifaschistischer Widerstand meint für Sabbagh und Saul anscheinend auch Widerstand gegen Imperialismus, gegen Rassismus, Kolonialismus und gegen den Kapitalismus. Während der gesamten etwa einstündigen Performance läuft auf einem kleineren Bildschirm im Hintergrund ein infinite scroll, eine Dauerschleife von verschwommenen Tiktok-Videos.

Lässt man sich auf die Vielstimmigkeit ein, entwickelt die Performance einen Sog und damit eine eigene Ästhetik. Die klaren, bühnengeschulten Stimmen der beiden Au­to­r:in­nen komplementiert eine Mischung aus raunender Musik, eingespielten Stadtgeräuschen und den Originalaufnahmen von Baldwin, Bachmann, Brasch.

Bachmann ist es auch, die einen beim Zuhören an die Literatur erinnert, an ihre Aufgabe im Widerstand, um die es bei dem Festival gehen soll. Mehrfach wird ihr berühmtes Zitat eingespielt, man könne nicht die ganze Gesellschaft beschreiben, aber man müsse eine radikale Sprache für sie finden. Die Performance zeigt, wie antifaschistische Kunst sich durch eine solche radikale Gegen-Sprache auszeichnet, egal, wann und wogegen sie Widerstand leistet. Dass sie nicht nur die Literaturwelt betrifft, sondern die konkrete Gegenwart der Stadt, daran muss man sich kurz erinnern, als die Lichter angehen und die Tür sich zur langsam dämmernden Straße öffnet.

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