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Krieg in der UkraineZwischen Luftalarm und Machtpolitik

In Odessa versucht man die russischen Luftangriffe so gut es geht zu ignorieren. Während wieder eine russische Raffinerie in Flammen steht, bildet die Ukraine die Regierung um. 

Aus Odessa

Marco Zschieck

Die Autos an der Kreuzung vor der Fußgängerzone im Zentrum Odessas fangen am Sonntagmittag an zu hupen. Eines der Elektromobile für Stadtrundfahrten versperrt den Weg, als es eine Gruppe Schulkinder einlädt. Nebenan schlendern Einheimische und Touristen zu Cafés und Geschäften. Eine leichte Brise vom Schwarzen Meer macht die Sommersonne erträglich.

Die scheinbar entspannte Atmosphäre steht im Widerspruch zum tatsächlichen Geschehen: Das ganze Wochenende heult in Odessa immer wieder die Sirene und warnt vor russischen Luftangriffen. Russische Drohnen fliegen von der russisch besetzten Krim an. Dazu kommen Flugzeuge, die aus Osten kommen und außerhalb der Reichweite der ukrainischen Flugabwehr ihre Luft-Boden-Raketen abfeuern.

In den einschlägigen Telegramkanälen werden sehr genaue Informationen über Position und Richtung mitgeteilt. Wer will, kann also versuchen sein Verhalten daran auszurichten. Allerdings sind zumindest die Raketen so schnell, dass man es auch nicht mehr zu einem Schutzraum schaffen würde. Viele Menschen nehmen es deshalb fatalistisch und hoffen, dass die Luftverteidigung die meisten Angriffe abwehrt. Auch Angriffe mit ballistischen Raketen richten sich gegen die Stadt.

Am Samstagvormittag wird vor solch einem Angriff gewarnt. Keine zwei Minuten später erschüttert eine heftige Detonation die Innenstadt. Die Druckwelle aus Richtung des nahegelegenen Hafens lässt die Fensterscheiben wackeln. Später heißt es, ein Objekt der Infrastruktur sei getroffen worden. Zwei Todesopfer seien zu beklagen. In der Nacht habe Russland die Ukraine mit 115 Langstreckendrohnen und neun von Flugzeugen abgefeuerten Lenkraketen sowie mit vier Anti-Radar-Rakten angegriffen. Zwei Raketen und 19 Drohnen hätten zwölf Orte getroffen.

Der Alltag geht weiter

Mindestens vier Menschen wurden in den Regionen Dnipropetrowsk und Cherson getötet. Großangriffe wie jüngst auf Kyjiw erlebt Odessa derzeit nicht. Stattdessen ist es eher eine stete Folge wiederkehrender Attacken. „Im Winter und im Frühjahr ging das über Wochen so“, erinnert sich Katya, die südlich der Innenstadt entfernt vom Hafen lebt. Sie sei erschöpft. Aber sie wolle sich auch nicht ihren Alltag von Russland diktieren lassen. Wie berichtet sind der Ukraine die Flugkörper für das Flugabwehrsystem Patriot ausgegangen. Ohne sie fehlen die Mittel, um ballistische Raketen abzufangen. Vergangenen Mittwoch hatte US-Präsident Donald Trump angekündigt, der Ukraine die Erlaubnis zu erteilen, US-Patriot-Systeme in Lizenz selbst herzustellen. Doch das dürfte viele Monate dauern. Bis dahin muss das angegriffene Land hoffen, das andere Länder aus eigenen Beständen überbrücken.

Auch die ukrainischen Streitkräfte sind in der Nacht nicht untätig. Offenbar haben sie erneut eine Raffinerie in Russland erfolgreich mit Langstreckendrohnen angegriffen. Die Raffinerie in Syzran an der Wolga in der Region Samara gehört zu den größeren in Russland. Fotos von Bränden und aufsteigenden Rauchwolken machen in sozialen Netzwerken die Runde. Die Anlage soll bereits im April und Mai getroffen und für mehrere Wochen stillgelegt worden sein. Seit mehreren Monaten führt die Ukraine systematisch Angriffe gegen die erdölverarbeitende Industrie in Russland aus.

Inzwischen sollen alle Raffinerien im europäischen Teil Russlands getroffen worden sein. Sogar eine Raffinerie im westsibirischen Omsk rund 2.500 Kilometer von der Ukraine entfernt. Anscheinend sorgen die Schäden für Versorgungsengpässe bei Benzin und Diesel in Russland, die sogar Machthaber Wladimir Putin jüngst einräumen musste. Der Export ist eingestellt. An Tankstellen bilden sich lange Schlangen. In vielen Regionen wurden Mengenbeschränkungen verhängt.

Angriffe auf russische Schiffe

Die Ukraine hat nach eigenen Angaben in der Nacht zu Sonntag 14 russische Schiffe angegriffen, darunter zehn Tanker. Vier der Ziele seien Fähren gewesen, teilte der Kommandeur der Drohnenstreitkräfte, Robert Brovdi, auf Telegram mit. ‌In den vergangenen sieben Tagen seien insgesamt 90 russische Schiffe getroffen worden. Ob das auch heißt, dass die Schiffe fahruntüchtig sind, wurde nicht klar.

In der ukrainischen Regierung bahnen sich unterdessen Veränderungen an. Ministerpräsidentin Yulia Swyrydenko soll gehen, obwohl sie das Amt der Regierungschefin erst vor einem Jahr übernommen hatte. Auf der Plattform X teilt Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Dankbarkeit für ihre Arbeit mit. Er habe ihr eine neue Aufgabe bei den Beziehungen ‌zu einem wichtigen Partner angeboten, schreibt er. Offenbar steht eine Kabinettsumbildung an, doch eine Nachfolge wurde am Sonntagnachmittag noch nicht bekannt. Erste Anzeichen deuten auf den Chef des staatlichen Gaskonzerns Naftohas, Serhiy Korezkiy. Fotos von Selenskyj im Gespräch mit ihm sowie mit mehreren amtierenden Ministern kursieren im Netz.

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