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Rechte Verlage im Literaturbetrieb„Es geht um die kulturelle Stabilisierung eines Milieus“

Rechte Verlage und Autoren haben es im Literaturbetrieb schwer – noch. Literaturwissenschaftlerin Mareike Gronich über die Anschlussfähigkeit rechter Positionen.

Interview von

Clemens Böckmann

taz: Mareike Gronich, Sie forschen zu neurechten Ästhetiken in der Literatur. Was ist darunter zu verstehen?

Mareike Gronich: In erster Linie forsche ich zu Literatur- und Kulturpolitik der sogenannten Neuen Rechten. Die Frage nach neurechten Ästhetiken ist ein Teilbereich, aber es geht mir aktuell vor allem darum herauszufinden, welche strategische Funktion Kunst und insbesondere Literatur unter Rechtsintellektuellen zukommt. Den Begriff „Neue Rechte“ versuche ich zu vermeiden, da es sich ursprünglich um eine Selbstbezeichnung der extremen Rechten handelt, die geprägt wurde, um sich von An­hän­ge­r*in­nen des Nationalsozialismus abzusetzen. Präziser müsste man von einer diskursorientierten extremen Rechten sprechen.

Im Interview: Mareike Gronich

ist Literaturwissen­schaftlerin im Bereich ­Germanistik an der Universität Bielefeld. Zuletzt erschien das von ihr, David Begrich, Jeannie Moser und Hans-­Joachim Schott heraus­gegebene Buch „Literatur- und Kultur­politik der ‚Neuen Rechten‘. Lektüren, Schauplätze, ­Vokabular“. transcript-Verlag, Bielefeld 2026. 168 Seiten, 35 Euro (kostenlos als PDF verfügbar)

taz: Lange Zeit war der Literaturbereich vermeintlich verschont geblieben von rechter Raumnahme. In den letzten Jahren sind aber auch hier Publizisten, Verleger und Autoren aus dem rechten bis rechtsradikalen Umfeld aktiver geworden. Was ist ihre Strategie?

Gronich: Das Schlüsselwort lautet hier „Hegemoniepolitik“, oder wie es in der Selbstbeschreibung der extremen Rechten heißt: Metapolitik. Es geht darum, auf dem Feld der Kultur Hegemonie zu erringen, wobei Kultur hier nicht nur die schönen Künste meint, sondern auch Gedenkstätten, Bildungseinrichtungen oder Vereine. Interventionsfelder der Metapolitik sind alle gesellschaftlichen Bereiche, die sich eignen, um Mentalität, Normvorstellungen und Weltanschauungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Versuche rechtsextremer Raumnahme im Kultur- und Literaturbetrieb gibt es schon länger, zunächst verpufften diese Versuche, aber spätestens seit dem bewusst inszenierten Skandal auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2017 um die Präsenz rechter Verlage verfangen solche Versuche mehr und mehr. Interessant an diesem „Skandal“ war weniger der Skandal selbst als dessen Nachspiel, wo es dem rechtsintellektuellen Milieu gelang, sich als Opfer einer vermeintlichen Meinungsdiktatur und als Kämp­fe­r*in­nen für Meinungsfreiheit zu inszenieren. Schon hier spielte übrigens Susanne Dagen, die Organisatorin der rechten Buchmesse in Halle, mit der von ihr initiierten Charta 2017 eine entscheidende Rolle.

taz: Die Buchbranche steckt in der Krise. Wie finanzieren sich neurechte Verlage?

Gronich: Extrem rechte Verlage und Zeitschriften haben eine Kernleserschaft, in der sich ihre Publikationen auf einem gewissen Niveau immer absetzen lassen, damit generieren sie einen Teil ihres Umsatzes. Aber der ökonomische Erfolg ist nicht das Hauptmotiv dieser Verlage. Es geht in erster Linie um die kulturelle Stabilisierung eines Milieus. Einige der Akteur*innen, wie Benedikt Kaiser und Erik Lehnert, arbeiten für AfD-Bundestags- bzw. eine Landtagsfraktion, verfügen also über Gehälter, die es ihnen erlauben, unentgeltlich oder für geringe Honorare Bücher zu schreiben oder sich für ein Verlags- oder Zeitschriftenprojekt zu engagieren. Insgesamt ist über die Geldflüsse in dem Milieu aber wenig bekannt.

taz: Bisher veröffentlichen Autoren, die auch sich selbst eindeutig im rechten Spektrum verorten, in entsprechend gelabelten Verlagen. Wäre es nicht eher in ihrem Sinne, die eigenen Texte bei Verlagen unterzubringen, die nicht gleich erkennbar eine Verbindung in die rechte bis rechtsradikale Szene haben?

Gronich: Ich vermute, dass es zumindest aktuell noch schwierig ist, extrem rechte Publikationen bei den großen Publikumsverlagen unterzubringen. Hinzu kommt, dass die Belletristik-Produktion der deutschen extremen Rechten sehr überschaubar ist. Aber wer weiß, wenn es jetzt üblich wird, dass ein Roman aus dem Milieu in großen deutschen Zeitungen rezensiert wird, interessieren sich vielleicht auch die großen Publikumsverlage irgendwann für diese Texte. Viel wichtiger scheint mir aber, dass das im Moment gar nicht unbedingt im strategischen Interesse der Ak­teu­r*in­nen liegt. Ein wesentlicher Aspekt von Hegemoniepolitik ist, dass diese zunächst möglichst unmerklich abläuft. Es geht erst mal gar nicht so sehr darum, die eigenen rechtsextremen Positionen offensiv zu vertreten, sondern sich harmlos zu geben und so Brücken in nicht rechte Milieus zu bauen. Götz Kubitschek, der Leiter des Antaios-Verlags, spricht von einer Strategie der „Selbstverharmlosung“. Literatur ist dafür ein geeignetes Vehikel, weil offenbar immer noch die Idee vorherrscht, dass das Lesen eine linke, pluralistische oder emanzipatorische – zumindest aber keine genuin rechte oder rechtsextreme – kulturelle Praxis sei. Am Beispiel des kinder- und jugendliterarischen Kanons „Vorlesen“ aus dem Antaios-Verlag kann man diese Strategie besonders gut beobachten. Viele der Leseempfehlungen, die darin gegeben werden, gehören zu einem bürgerlich linksliberalen Kanon und sind gänzlich unverdächtig, rechts zu sein. Dazu gehören Au­to­r*in­nen wir Tove Jansson, die Erfinderin der Mumins, aber auch Klaus Kordon oder Gudrun Pausewang.

taz: Auch die Literaturrezeption gerät in den Fokus der Neuen Rechten. Autoren wie Leif Randt oder Christian Kracht finden bei der Diskussion um einen vermeintlichen neurechten Kanon häufig Erwähnung. Dabei geht es um die Re-Lektüre etablierter Texte. Welches Ziel verfolgt die Neue Rechte damit?

Gronich: Hier greift dieselbe Strategie, die ich im Zusammenhang mit „Vorlesen“ schon beschrieben habe: Es geht darum, sich als Li­te­ra­tur­ken­ne­r*in­nen und damit als Teil einer intellektuellen bildungsbürgerlichen Elite auszuweisen und zu zeigen: Au­to­r*in XYZ, die in allen Feuilletons gelobt wurde, finden wir auch gut und eigentlich ist das, was sie schreibt, auch aus rechter Sicht vertretbar. Dafür wird dann gerne der Begriff des Konservativen benutzt, der selbst einerseits der Selbstverharmlosung dient und andererseits eben konservative, nicht rechte Milieus ansprechen soll.

taz: Gibt es eine Möglichkeit für Autor*innen, sich vor rechter Vereinnahmung zu schützen?

Gronich: Ich fürchte nicht, zumindest nicht um den Preis, die eigene Poetik aufgeben zu müssen – und auch das ist keine Garantie. Das hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass ein Charakteristikum von Literatur ihre Deutungsoffenheit ist und diese können sich selbstverständlich auch Rechtsextreme zu eigen machen. Es gibt aber schon Themen, Motive, Topoi und auch ästhetische Verfahren, für die sich das Milieu besonders interessiert: Alles, was beispielsweise mit der Ablehnung von sogenannter Political Correctness, Geschlechtervielfalt oder „Wokeness“ zu tun hat oder so gedeutet werden kann, bietet Anknüpfungspunkte.

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