Gustave-Courbet-Schau im Folkwang Essen: Auf seinen Bildern sind ihre Füße staubig
Das Museum Folkwang in Essen zeigt jetzt in einer großen Retrospektive Gustave Courbet als wandlungsfähigen Künstler aus dem Frankreich Napoleons III.
Foto: Hervé Lewandowski/Grand Palais Rmn|Hervé Lewandowski/bpk
Nur Rembrandt hat sich häufiger selbst gemalt als Gustave Courbet. Doch während der Niederländer sich in seinen Selbstporträts im Laufe seines Lebens immer schonungsloser betrachtete, sind Courbets Selbstbildnisse ein virtuoses, verwirrendes Maskenspiel, in dem er sich immer wieder neu inszenierte. Im Museum Folkwang bildet eine Auswahl dieser aufregenden Selbstporträts den Auftakt der in neun Kapiteln arrangierten Retrospektive. Sie zeigt unter dem Titel „Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“ 100 Werke aus allen Schaffensphasen des Franzosen, darunter 85 Gemälde.
Zwar fehlt das berühmteste seiner Selbstporträts – „Der Verzweifelte“ ist im Besitz der Qatar Museums –, aber „Le Fou de peur“ (Der vor Angst Wahnsinnige) von 1844 ist mindestens ebenso eindringlich: Es zeigt den jugendlichen Maler mit angstgeweitetem Blick, die Linke rauft das Haar, die Rechte greift nach vorne ins Nichts, den halb knienden Körper scheint es in einen Abgrund zu ziehen, doch der Vordergrund wirkt unvollendet, nur grob schraffiert in Weiß, schmutzigem Grau und Braun.
Zwei Jahre zuvor malte er sich in altmeisterlicher Manier mit bravem Scheitel und schwarzem Hund, fünf Jahre später stellte er sich dar als Bohemien mit Pfeife und lässig-überlegenem Gesichtsausdruck, 1866 präsentierte er sich als „L’Homme blessé“ (Der Verwundete), 1867 als Cellist, dessen Fingerhaltung am Instrument verrät, dass er das Instrument gar nicht beherrschte. Höhepunkt dieses provozierenden Spiels mit Identitäten: „Autoportrait sous forme d’une pipe“ – ein Selbstporträt in Gestalt einer Pfeife von 1858, das an einer grob verputzten Wand lediglich eine schwarze Pfeife zeigt, die wiederum an einer roten Schnur baumelt.
„Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“. Folkwang Museum Essen, bis 8. November. Katalog (Buchhandlung Walther König): 39,90 Euro
Sollte das ein Witz sein? Oder den Leuten zeigen: Ihr kriegt mich nicht zu fassen? Rechts unten prangt selbstbewusst in roten, leicht nach links geneigten, sorgfältig wie in Druckschrift gemalten Lettern „Gustave Courbet“, mit extra großem C.
Wer war er, dieser Courbet?
So hat er es bis zuletzt gehalten und seine Bilder stets mit diesen exakten Buchstaben signiert wie mit einem Stempel. Seine Schreibschrift, die man in ausgestellten Briefen sehen kann, neigte sich stark nach rechts und hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner Signatur. Wer war er, dieser Courbet?
Eine der größten Qualitäten der fulminanten Essener Schau, die in Zusammenarbeit mit dem Wiener Leopold Museum entstand, ist, dass sie diese Frage nicht beantwortet. Sondern Courbet als multiple Künstlerpersönlichkeit zeigt, die man sowohl in der Wahl der Sujets als auch stilistisch als enorm wandlungs- und entwicklungsfähig begreifen lernt.
Foto: Frédéric Jaulmes/Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole
Geboren 1819 in Ornans im Franche-Comté, ging Courbet 1839 nach Paris, ab 1844 stellte er im Salon aus und sorgte für Kontroversen, da er sich konsequent akademischen Konventionen widersetzte und sich vom Idealismus und von der Historienmalerei abwandte. Banale Alltagsszenen, für die zuvor bestenfalls kleinere Formate üblich waren, bannte er in XXL. Das galt damals als skandalös, erregte aber zugleich Aufmerksamkeit. Besonders eindrucksvoll das Großformat „L’Après-dînée à Ornans“ (Nach dem Abendessen in Ornans) von 1849, das eine in Brauntönen gehaltene Szene mit schweigenden Männern an einem Tisch zeigt, so unspektakulär und stimmungsvoll, dass man sich dazusetzen möchte.
Er malte soziales Elend, ohne zu moralisieren, aber er hatte auch ein Faible für das Sujet der Jagd, die nun nicht mehr ein feudales Privileg war. Das dramatische Riesenformat „Le Cerf à l’eau ou Le Cerf forcé“ (Der Hirsch am Wasser oder Der getriebene Hirsch) ist eines der Glanzstücke der Schau. Man glaubt den Schrei des todgeweihten Zwölfenders zu hören, der im Sprung ins Wasser den Kopf verzweifelt in den unheilvoll düsteren Himmel streckt.
Ihre Füße sind staubig, müde von langen Wegen
Revolutionär war Courbet auch als Aktmaler, auch sein Skandalbild „L’Origin du monde“ (Der Ursprung der Welt) von 1866, das lange im Besitz des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan war, ist in Essen zu sehen und verblüfft noch immer in seiner ungeschönten Genauigkeit. Hinreißend auch „La Bacchante“ (Die Bacchantin) von 1850, die keine mythologische, idealisierte Figur ist, sondern sinnlich direkt und enorm lebendig wirkt. Auffallend bei Courbets Frauenakten sind die Füße, die er nicht porzellanweiß wie im Klassizismus malt, sondern staubig, müde von langen Wegen.
Foto: Leopold Museum, Wien
Weitere Kapitel der Ausstellung widmen sich Courbets Landschaftsbildern vorzugsweise aus dem heimatlichen Ornans, den großartigen Meerbildern mit brechenden Wellen und den berühmten Felsen von Étretat, den immer pastöser gemalten Bilder von Grotten und Quellen und schließlich dem Spätwerk, das im Schweizer Exil entstand. Sein politisches Engagement während der Kommune hatte ihm eine Verurteilung eingebrockt, vor der er an den Genfer See entkam. In diesem letzten Kapitel wird Melancholie spürbar, der Rastlose malte mit ungebrochener Schaffenskraft betörende Sonnenuntergänge. Bei denen beginnt die Farbe als Vorahnung des Impressionismus zu vibrieren.
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