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Ehemalige Klimaministerin Eveline Lemke„Eine Ölheizung ist keine Option“

Eveline Lemke war Klimaministerin von Rheinland-Pfalz und half beim Wiederaufbau, nun berät sie im Ahrtal Firmen zur Kreislaufwirtschaft. Wie steht es um die Region?

Interview von

Theresa Leisgang

taz: Frau Lemke, Sie leben seit Jahrzehnten in der Eifel im und nahe des Ahrtals, waren von 2011 bis 2016 Klimaministerin von Rheinland-Pfalz, engagierten sich nach dem katastrophalen Hochwasser 2021 im Wiederaufbau. Wie blicken Sie heute auf Ihre Region?

Eveline Lemke: Es ist viel passiert, aber es muss auch noch viel passieren. Mehr als 3,7 Milliarden Euro an Aufbauhilfen wurden bislang bewilligt, viele Menschen warten aber wegen bürokratischer Hürden immer noch auf das Geld. Ein positiver Aspekt: Viele sind zum Helfen gekommen und bei uns im Ahrtal geblieben. Ich sehe überall, wie die Menschen um ihre Heimat ringen und sich wieder eine Zukunft aufbauen.

Im Interview: Eveline Lemke

ist 62 Jahre alt und war von 2011 bis 2016 grüne Ministerin für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung sowie stellvertretende Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Heute legt sie als Unternehmensberaterin mit Sitz im Ahrtal ihren Schwerpunkt auf Konzepte der Kreislaufwirtschaft.

taz: Mehr als 180 Menschen haben in der Flut ihr Leben verloren, für Wochen war Ausnahmezustand. Mit Schäden von rund 40 Milliarden Euro war die Katastrophe das teuerste Extremwetterereignis in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Lemke: Man muss sich vorstellen: Die Rathäuser im Hochwassergebiet waren auf den Worst Case vorbereitet – nur war dieses Szenario viel zu niedrig angesetzt. Deshalb hat die Flut Pläne von Gas-, Strom- und Abwasserleitungen vernichtet, viele Behörden mussten evakuiert werden. Das hatte verheerende Konsequenzen für die Bergungsarbeiten, denn es war unklar, wo Gefahr bestand, wenn Bagger Schuttberge bewegten.

taz: Wie geht man mit so einer Extremsituation um?

Lemke: Oft hat es sich schizophren angefühlt. Wie schafft man es, emotional zu sein, mitfühlen zu können, trauern zu können und auf der anderen Seite anpacken zu können? Du brauchst in so einer Ausnahmesituation eigentlich beide Fähigkeiten. Ich weiß, was es bedeutet, in einem Extremwetter ein Zuhause zu verlieren. Mein Haus ist 2007 im Sturmtief „Kyrill“ zerstört worden. Es war eine traumatische Nacht, zurück nach Hause zu meinen Kindern zu gelangen. Als ich nach der Flut ins Ahrtal kam, war sofort der Flashback da. Da habe ich beschlossen: Ich werde mich nicht nur meinen Tränen hingeben, das hilft ja nichts. Wir müssen etwas tun.

taz: Ihre Beratungsfirma für Kreislaufwirtschaft sitzt in Niederzissen im Landkreis Ahrweiler. Zwar liegt die Gemeinde nicht direkt an der Ahr, war aber indirekt stark betroffen. Das Ahrtal versank im Schutt und die gigantischen Müllberge wurden zur Kreisentsorgungsanlage nach Niederzissen transportiert. Wie erinnern Sie sich an diese Tage?

Lemke: Viele sind ganz anders und viel intensiver zusammengewachsen, das ist das, was wir mitnehmen. Persönliche Beziehungen zueinander, die bleiben stehen, egal was kommt. In unserem Garten haben wir Pfadfinder ihre Jurten aufschlagen lassen und sie versorgt, damit sie im Tal helfen konnten. Die sind jeden Abend mit tollen Berichten und Erlebnissen zurückgekommen. Allen war klar: Die Dringlichkeit ist so groß, da gibt’s kein Vertun. Handeln, zack ran, pragmatisch – und nicht gleich jedes Mal die Frage stellen: Kommt das Geld auch wieder rein?

taz: Viele Unternehmen haben auf eigene Faust in Maschinen, Know-how, Materialien in die Region gebracht, bevor staatliche Hilfsleistungen eintrafen.

Lemke: Ohne diese Hilfe wäre es nicht gegangen. Der örtliche Abfallwirtschaftsbetrieb hat schon nach wenigen Stunden an die höheren Behörden den Katastrophenfall gemeldet – dadurch kamen schnell Laster aus anderen Gemeinden und private Unternehmen zur Hilfe. 1,25 Millionen Tonnen ölverseuchten Sperrmüll, Elektroschrott, Bauschutt hätten sie nicht alleine bewegen können. Für Betriebe im Tal war natürlich auch die Frage relevant: Wie viel Zeit kannst du dir erlauben, den regulären Betrieb zu stoppen? Wann musst du deine Leute zurückholen? Wie erreichst du die überhaupt? Es war ja nicht klar, dass deine Mitarbeiter einen trockenen Schlafplatz hatten. Es gab ja keinen Strom, kein Internet, nichts.

taz: Sie haben gerade den Bildband „Mit Sicherheit Ahrtal“ herausgegeben. Darin schreiben Sie: „Am Rande des Chaos entsteht ein Raum für Innovation.“ Wo haben Sie das erlebt?

Lemke: Vielerorts! Kommen wir zurück zur Situation mit den verlorenen Bauplänen der Kommunen. Es war das totale Chaos. Aber eine Gruppe von Ingenieuren hatte noch Daten auf eigenen Servern liegen, weil sie früher öffentliche Infrastruktur geplant hatten. Zusammen haben sie spontan die Genossenschaft Inframeta gegründet. Sie haben einen Wissenspool aufgebaut, der gleichzeitig mehr Chancen für kleine Ingenieurbüros bei der Vergabe von Aufträgen bietet. Es ist ihnen ein Anliegen, zur Verfügung zu stellen, was der Steuerzahler schon einmal bezahlt hat. Das ist doch fantastisch – und nur ein Beispiel von vielen.

taz: Die Wiedereröffnung der Ahrtal-Bahnstrecke ist ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Katastrophe zu einer positiven Entwicklung führen kann. Die Bahn fährt jetzt vollelektrisch und – anders als vor der Flut – im 20-Minuten-Takt.

Lemke: Ja, das ist wirklich ein großer Schritt für die Mobilitätswende und auch für den Tourismus, der sich erneuert. Die Pläne lagen natürlich längst bereit, aber in meiner Zeit als Wirtschaftsministerin für die Grünen konnte ich da nicht viel bewegen, das muss man auch zugeben. Die Entscheidung, die alte Bahn abzureißen und 590 Millionen für eine klimafreundliche Strecke auszugeben, wäre niemals durchgegangen.

taz: Studien zeigen, dass auch Menschen in den betroffenen Kommunen heute nicht unbedingt für eine ambitioniertere Klimapolitik stimmen – wie erleben Sie das vor Ort?

Lemke: Das Ahrtal ist natürlich eine tief konservative Region geblieben. Aber wir haben ein Erlebnis geteilt, das keiner vergisst. Es sind eine Million Liter Heizöl aus den vorwiegend privaten Heizöltanks ausgelaufen. Das heißt, direkt nach dem Hochwasser hing ein Geruch wie von einem Chemiewerk über dem Tal, es stank tagelang nach Öl und Gas.

taz: … was die Einstellung zu fossilen Brennstoffen verändert hat?

Lemke: Wenn ich jetzt frage, was die Menschen wollen, dann sagen sie dir: Wenn das Wasser wiederkommt, will ich nicht, dass mein Haus wieder von Ölschlamm verseucht wird. Es ist allen hier klar: Eine Ölheizung ist keine Option. Viele Haushalte haben Wärmepumpen eingebaut oder sich an unsere neuen Nahwärmenetze angeschlossen. Das ist einzigartig in Deutschland.Wir haben keine dogmatische Debatte an der Stelle, sondern alle haben das in der Flut einfach kapiert.

Sie engagieren sich im neuen Kahr-Forschungsnetzwerk, das Ex­per­t:in­nen aus den Bereichen Klimaanpassung, Hydrologie, Ingenieurwesen und Sozialwissenschaften zusammenbringt. Was würden Sie sagen: Wie gut sind wir auf die nächste Katastrophe vorbereitet?

Lemke: Die Leute kennen sich noch, die Netzwerke sitzen noch zusammen, ein nächstes Mal wäre viel schneller vorbereitet. Es gibt auch bessere Einsatzpläne, aktualisierte Überflutungskarten, die Aufmerksamkeit aller Akteure im System ist immer noch scharfgeschaltet. Aber der Elefant im Raum ist ganz klar: Wann wird die Region wieder von einem Hochwasser der Dimension aus dem Jahr 2021 getroffen? Aktuell wären wir für eine solche Flut nicht gewappnet.

taz: Wie sieht der Weg nach vorne aus?

Lemke: Die Idee eines sogenannten überörtlichen Hochwasserschutzes, ein System mit insgesamt 18 neuen Dämmen, liegt als Skizze vor. Der politische Wille, Klimaanpassung umzusetzen und die Finanzierung für solche Maßnahmen zu beschließen, fehlt aber.

taz: Was sollten wir also tun?

Lemke: Die Erinnerung an die Katastrophe wachzuhalten, ist das direkteste Mittel der Wahl – auf unterschiedlichsten Kanälen. Ich führe viele Gruppen durch das Tal, Schulklassen, Politik, Betroffene aus anderen Hochwasserregionen. Aus der Katastrophenforschung wissen wir, dass kollektive Erinnerung die Resilienz einer Gesellschaft stärkt. Wer sich mit den aktuellen Katastrophen beschäftigt, kann sich besser vorbereiten, im Ernstfall schneller Entscheidungen treffen. Und wir müssen unsere Prioritäten anpassen. Es braucht mehr Klimaschutz. Sonst wird das zur ständigen Disziplin. Leben retten – aufbauen. Leben retten – aufbauen.

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