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SPD in der KoalitionPartei für Lobbyinteressen

Die SPD trägt die Kürzungen beim Sozialen und bei demokratischen Rechten mit. Bezeichnend ist, dass es aus der Partei keinen Widerstand gibt.

Z u den Lieblingswörtern von Lars Klingbeil gehört neuerdings „pragmatisch“. Wohl kaum einen anderen Begriff hat der SPD-Vorsitzende in den Interviews der vergangenen Tage öfter benutzt. Diese Rhetorik hat eine konkrete Funktion: Sie soll verschleiern, dass die Sozialdemokratische Partei Deutschlands endgültig den Anspruch aufgegeben hat, eine Partei für die arbeitende Bevölkerung zu sein. Eine Partei für Menschen, die angestellt arbeiten, die in Mietwohnungen leben, die keine Vermögen haben und die auf einen funktionierenden Staat angewiesen sind, der nicht Korruption, sondern Transparenz fördert. Die SPD von heute ist, man kann es nicht anders sagen, in großen Teilen eine Partei für Vermögende, Unternehmen und Lobbyinteressen.

So hat die SPD gemeinsam mit CDU und CSU angekündigt, das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) zu „reformieren“ – ein Euphemismus dafür, dass die Koalition dieses Gesetz faktisch abschafft. Durch die neuen Hürden wird es in der Praxis wertlos sein. Machtkontrolle und Transparenz sind eine unbedingte Voraussetzung für jeden demokratischen Staat – in einem Machtapparat, der nicht kontrolliert wird, werden Korruption und Machtmissbrauch zwangsläufig systemisch. Darunter leidet in erster Linie die Bevölkerung; man kennt es aus jedem autoritären Staat: Einzel- und Lobbyinteressen werden strukturell über die Interessen der Gesellschaft gestellt.

Journalist:innen, Zivilgesellschaft und Individuen haben dank des Gesetzes das Recht auf Einblick in staatliche Dokumente. Mithilfe von IFG-Anfragen konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Korruptionsaffären wie der Maskenskandal von Jens Spahn aufgedeckt werden. Das soll in Zukunft nicht mehr möglich sein. So weit ist bisher nicht einmal Trumps Regierung gegangen. Wer in der SPD in Zukunft noch davon sprechen möchte, auf der Seite der Demokratie oder gar der Bevölkerung zu stehen, sollte davon besser Abstand nehmen.

Ein weiteres Beispiel ist das Vorhaben der Koalition, dass Ar­beit­neh­me­r:in­nen in Zukunft – insofern es keine anderen unternehmensinternen Regeln gibt – bereits ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzeigen müssen. Auch die telefonische Krankschreibung, die mit der Coronapandemie eingeführt wurde, soll nicht mehr möglich sein.

Die Prämisse dieser Beschlüsse, dass Deutsche besonders häufig krank seien oder die telefonische Krankschreibung missbraucht werde, ist haltlos. Oder anders: eine Lüge. Die Barmer Krankenkasse erklärt in einem ausgiebigen Faktencheck, dass die durchschnittlichen Krankheitstage in Deutschland im internationalen Vergleich weder besonders hoch sind, noch dass die telefonische Krankschreibung etwas mit dem Krankheitsstand zu tun hat. Sie macht nämlich nur 0,8 bis 1,2 Prozent der Krankschreibungen aus.

Das Signal, das die Koalition mit ihrem Beschluss senden will, ist ein anderes: Wir stärken Unternehmen, indem wir Angestellten Rechte entziehen. Die Behauptung von SPD-Vertreter:innen wie Lars Klingbeil, man habe damit nur größere Härten für Angestellte abgewendet, ist ein offensichtliches Ablenkungsmanöver.

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Ein weiterer Beschluss: das geplante Verbot der Vergesellschaftung von Wohnungen großer Immobilienkonzerne. Dieses Gesetz kann als eine Lex Berlin verstanden werden: Dort haben 2021 fast 60 Prozent der Wäh­le­r:in­nen in einem Volksentscheid für eine solche Vergesellschaftung gestimmt. Die schwarz-rote Landesregierung hat dieses Votum schlicht ignoriert, nun übernimmt der Bund. Lobbyvereinigungen der Immobilienbranche warnen vor einer Vergesellschaftung, weil sie den Neubau behindern würde.

Auch SPD, CDU und CSU führen das als Begründung für das Verbot an. Dabei ist es ein Mythos, dass Neubau zu niedrigeren Mieten führen würde. Aber genau darauf zielen Vergesellschaftungspläne ab: Mieten für die allgemeine Bevölkerung bezahlbar zu machen. Selbst wenn die SPD der Vergesellschaftung kritisch gegenüber steht – Kritik wäre auch möglich, ohne sich komplett an den Interessen der Immobilienlobby zu orientieren.

Interessant ist bei alldem, mit welchem Selbstbewusstsein Lars Klingbeil trotz aller dieser Maßnahmen behauptet, die SPD diene der arbeitenden Bevölkerung. Er betont dabei besonders gern, dass durch die geplante Reform der Einkommensteuer Familien dank der SPD um 600 Euro im Jahr entlastet würden. Selbst wenn diese Entlastungen standhielten und nicht durch andere Belastungen, zum Beispiel steigende Sozialversicherungsbeiträge, aufgefressen würden – 600 Euro im Jahr ändern nichts an den grundlegenden Problemen, die Menschen in diesem Land haben.

Keinerlei Bezug zu den Lebensrealitäten

Weder daran, dass sich Menschen die horrenden Mieten in Städten nicht leisten können, noch daran, dass Eigentumserwerb durch hohe Kaufpreise und hohe Zinsen für die meisten Menschen praktisch unmöglich ist. Sie ändern nichts daran, dass Zehntausende Lehrkräfte fehlen und Schulen baufällig sind, dass Pflege unbezahlbar ist, dass die Lebenshaltungskosten steigen und steigen, dass 30 bis 40 Prozent der Menschen keinerlei Spareinlagen haben. Die Liste ist endlos. Die Chuzpe, 600 Euro – die am Ende vermutlich nicht einmal übrigbleiben – als Entlastung zu bezeichnen, zeigt, dass der SPD-Vorsitzende und seine Partei keinerlei Bezug zum Großteil der Menschen in Deutschland haben.

Auffällig ist außerdem, dass es aus der SPD keinen nennenswerten Widerstand gibt. Bisher hat die Partei zumindest in Teilen noch mit sich gerungen, Verschlechterungen für die arbeitende Bevölkerung mitzumachen. Das ist vorbei. Die jüngsten Beschlüsse der Koalition legen nahe, dass diejenigen, die eine Sozialdemokratie bewahren wollten, den Kampf gegen die Selbstaufgabe der Partei verloren haben.

Für Menschen, die nicht vermögend sind, gibt es kaum noch Gründe, die Sozialdemokratie zu wählen. Und so scheint es, dass der eingeschlagene Weg der Partei in deren Niedergang führen muss. Zumindest bleibt die Hoffnung, dass dadurch Neues entstehen kann.

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Gilda Sahebi

Gilda Sahebi

Ausgebildet als Ärztin und Politikwissenschaftlerin, dann den Weg in den Journalismus gefunden. Beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, Medizin und Wissenschaft, Naher Osten.
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12 Kommentare

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  • Mich wundert eher, das die Lücke, die von der SPD hinterlassen wurde, kaum gefüllt wird. Da ist nur die Linkspartei. Doch die kann vielleicht mal wirklich nur den ganz linken Rand dieser Lücke abdecken.

    Ansonsten stimme ich dem Verfasser des Artikels voll und ganz zu. Die SPD ist meilenweit von dem entfernt, was noch unter Brand und Schmidt vorgelebt wurde. Und ich denke nicht, dass sie eines Tages dorthin zurück finden wird. Für mich persönlich war der Tiefpunkt lange nach Schröder, als Arbeitsministerin Angela Nahles allen Ernstes das Hartz 4 für Alleinerziehende kürzen wollte, weil die Kinder ja hin und wieder beim anderen Elternteil sind und dafür ausgerechnet vom Amtsvorgängerin Ursula von der Leyen (!) massiv kritisiert wurde. Schon da war mir klar, dass diese Partei sehr bald schon in die Bedeutungslosigkeit verschwinden wird.

  • Der Tazbeitrag und alle Kommentare treffen es auf den Punkt.



    Seit Schröder heisst es also wieder:



    Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!!!

  • Welche Partei bedient eigentlich keine Lobbyinteressen? Letztendlich sind Parteien Interessensvertreter auch wenn die Ansprüche andere sind.

  • taz-Foto: *Das SPD-Präsidium vor der Statue von Willy Brandt in der Parteizentrale in Berlin*

    Die soziale SPD von Willy Brandt ist schon lange tot und wird auch nicht mehr auferstehen.

    Die SPD macht seit Gerhard Schröder nur noch neoliberale Politik für die Reichen und Mächtigen. Und jetzt mit Lars Klingbeil hat die SPD die kleinen Bürger endgültig an die Konservativen und Neoliberalen verkauft, anstatt sich endlich mal gemeinsam mit 'Die Linke' und den 'Grünen' diesem kapitalistischen Wahnsinn (der das Klima zerstört und Menschen/Natur ausbeutet) entgegenzustellen.

    Die jetzige (S)PD ist nur noch der Steigbügelhalter von Friedrich-"BlackRock"-Merz und wird in absehbarer Zeit sicherlich keine Rolle in der Politik mehr spielen.

  • Ich teile die Kritik in weiten Teilen, aber: Gegen die Änderungen beim IGF gibt es sehr wohl parteiinternen Widerstand! Auch seitens der Abgeordneten!

  • "Die SPD von heute ist, man kann es nicht anders sagen, in großen Teilen eine Partei für Vermögende, Unternehmen und Lobbyinteressen."

    Das ist nur ein Aspekt.



    Die SPD von heute ist hauptsächlich eine Partei für Funktionäre der Partei und Karrieristen mit Verbindungen zur Partei.



    Die SPD kann immer weniger Wähler überzeugen, aber ihr Einfluß war noch nie so groß. Gescheiterte SPD-Funktionäre sitzen an der Spitze von DGB und Bundesagentur für Arbeit, die meisten Stellen im Bundesverfassungsgericht werden verteilt über SPD-Ticket, und selbst für Frau Esken hat man noch eine Leitungsfunktion beim Bundesrechnungshof gefunden. Das setzt sich auch in der zweiten Reihe fort, Heiko Maas bekommt ein erkleckliches Zubrot im Beirat der staatlich kontrollierten RAG-Stiftung, und so weiter.







    Solange die Partei noch über 5 Prozent kommt, wird sich daran auch nichts ändern.

  • Auf diesen Artikel kann die taz stolz sein. Es beschreibt das Handeln der SPD und die Positionen des Mainstreams innerhalb der SPD richtig.



    Ich habe noch etwas Hoffnung, dass sich ein paar Abgeordnete der SPD finden werden, die bereit sind, das Richtige zu tun. Das Richtige wäre, all die Kürzungen im Sozialen zu lassen, bei der Rente, der Gesundheitssystem, der Pflege, beim Arbeitsrecht etc. etc. und stattdessen Milliardäre und Superreiche stärker zu besteuern. Denn da liegt die eigentliche Ursache für die Probleme, nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen westlichen Demokratien. Die Besteuerung von Milliardären und Superreichen ist seit 40 Jahren immer geringer geworden mit der Folge, dass z.B. diese in Deutschland alleine seit 2024 ihr Vermögen um 400 Mrd. $ gestiegen ist. Nicht durch eigene Leistung, sondern weil seit 2008 über 60.000 Mrd.$ von Staaten und Zentralbanken in die Finanzmärkte gepumpt worden sind. Dadurch sind die Aktien enorm gestiegen und damit die, deren Vermögen vor allem aus Aktien gestiegen, überproportional reicher geworden. Und alle anderen knapsen an den Schulden. Nur 30 SPD-Abgeordnete können das ändern. Ich hoffe, es gibt die 30.

  • Bereitet sich die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Sozialdemokratie auf eine Parteienfusion mit der Union vor?

  • Volle Zustimmung. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Die geplante Streichung der Unterhaltsvorzahlung des Staates für Kinder ab 16 Jahren ist letztlich auch eine Sozialkürzung. Suggeriert wird, dass die meisten Väter nicht zahlen wollen, wenn es eigentlich so ist, dass die meisten nicht zahlen können. Für die betroffenen Alleinerziehenden bleibt am Ende viel weniger Geld. Und diese Gruppe kann sich kaum wehren.

    Neu ist das allerdings nicht. Schon Schröder feierte sich dafür, dass Deutschland danks seiner Agenda 2010 den größten Niedriglohnsektor Europas habe. Schröders Regierung war es auch, die die Ein-Euro-Jobs einführte. Eine perfide Idee, die heute noch viele CDUler begeistert.

  • Tschüss SPD, wer so gegen die eigenen Wähler handelt braucht sich über Wahlergebnisse nicht wundern. Die älteste Partei zeigt wie man sich selbst entfernt. Nicht mehr lang und die SPD ist endgültig Geschichte. Sie haben es ja so gewollt.

  • Diese SPD hat fertig. Als ehemaliger Sozialdemokrat widert mich diese Partei inzwischen an.



    CDU, FDP und AfD gehen gar nicht.



    Bleiben nur noch die Grünen oder die Linke mit grummeln im Bauch.

  • Die SPD reißt sich und das Land mit ihrem Verhalten immer mehr in den Abgrund. Man möchte die Augen vor dem Niedergang einer einstmals so stolzen Volkspartei verschließen. Wie weit sich die SPD gegenüber der Bevölkerung abschirmt, kann man auch daran erkennen, dass noch nicht einmal Philipp Türmer mehr auf Argumente, die ihm in der innerparteilichen Diskussion geholfen hätten, reagiert. Das musste ich aus eigener Erfahrung erleben.