Brandkatastrophe in Norwegen: „Was wir erlebt haben, ist vollkommen surrealistisch“
Am Freitag verlieren Hunderte ihr Zuhause durch Norwegens schlimmsten Brand der Neuzeit. Warum sich das Feuer so verheerend ausbreiten konnte.
Foto: Thomas Fure/ REUTERS
Am Tag danach piept es aus Brandruinen in Krokstadelva: Rauchmelder, deren Warnsignal niemand mehr braucht. Reporter der Zeitung Dagbladet beschreiben eine apokalyptische Szenerie, man würde so etwas vielleicht im fernen Los Angeles vermuten. Aber es ist tatsächlich in Norwegen passiert: Wo gestern noch Hunderte Menschen lebten, ist heute alles verkohlt. Mindestens einhundert Häuser und Wohnungen wurden am Freitag bei dem Feuer in der ostnorwegischen Kommune Drammen vollkommen zerstört.
Angefangen hatte es mit einem Brand in einem der Reihenhäuser der am Hang gelegenen Siedlung – Holzhäuser, wie in Norwegen üblich. Binnen kürzester Zeit sprangen die Flammen auf Nachbargebäude über und breiteten sich von da aus immer weiter aus, schließlich auch in den nahegelegenen Wald.
„Ich habe alles verloren“, sagte Anwohner Andreas Krog Halvorsen gegenüber Dagbladet. 15 Jahre habe er in seinem Haus gelebt. Am Freitag musste er zusehen, wie das Feuer, angefangen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, irgendwann seine Hecke und Veranda erreichte. Er habe Glas zerspringen gehört und noch beobachtet, wie Teile seines Hauses in Flammen aufgingen. „Ganz ehrlich, dann wollte ich nicht noch mehr sehen.“
Kein Feuer in Friedenszeiten war so zerstörerisch
So wie er verloren mehrere Hundert Menschen über Nacht ihr Zuhause. Für eine vergleichbare Katastrophe – gerechnet in plötzlich Obdachlosen – müsse man wohl mehrere Hundert Jahre in der norwegischen Geschichte zurückgehen, sagte ein Brandforscher dem Sender NRK.
Er erklärte, was bei dieser Katastrophe zusammenkam: Nach mehreren warmen Tagen hätten trockene Verhältnisse geherrscht. Die Kombination aus sehr trockenen Holzhäusern in steilem Terrain und Wind aus südlicher Richtung habe dann zur schnellen Ausbreitung des Brandes geführt.
Die Zivilschutzbehörde DSB sprach in einer Pressemitteilung vom größten Brand der modernen Zeit in Norwegen. Zum Glück gebe es bislang keine Meldungen über Schwerverletzte oder Todesopfer, sagte Direktor Lars Jacob Hiim. Dagblatet zitierte den Historiker Gaute Losnegård, demzufolge seit 1923 in Norwegen kein Feuer in Friedenszeiten so zerstörerisch gewesen war wie dieses.
„Was wir erlebt haben, ist vollkommen surrealistisch“, sagte Drammens Bürgermeister Kjell Arne Hermansen NRK am Samstag. Mehr als 400 Menschen seien aus der Gefahrenzone gebracht worden – darunter solche, deren Häuser am Ende noch standen. Die ersten Evakuierungsanordnungen wurden am Samstagmittag aufgehoben. Die Kommune hatte ein Krisenzentrum eingerichtet und Unterkünfte für Betroffene organisiert, die nicht bei Familie oder Freunden unterkamen. Laut dem örtlichen Rote-Kreuz brauchten mehrere Familien mit Kindern psychosoziale Unterstützung.
„Sein Zuhause zu verlieren, seine Erinnerungen und das Gefühl von Sicherheit, gehört zu dem Schwersten, was ein Mensch erleben kann“, sagte Norwegens Bereitschaftsministerin Astri Aas-Hansen der Nachrichtenagentur NTB.
Debatten, die noch geführt werden müssen
Erleichterung darüber, dass keine Menschen ernsthaft zu Schaden kamen, mischte sich bald mit Geschichten über die große Sorge vieler Betroffener um ihre Haustiere – über nächtliche Suchaktionen, über wiedergefundene oder weiterhin vermisste Katzen. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung vor Ort und der gezeigte Zusammenhalt: Norwegen tröstete sich selbst mit der Beobachtung, wie gut man mit einer Katastrophe umgeht.
Ob und wie diese zu verhindern gewesen wäre, ob sich so etwas wiederholen könnte, je normaler Hitzeperioden auch in Norwegen werden – darüber wird vermutlich noch debattiert werden, wenn die Lage sich beruhigt hat.
Auch am Samstag war das Feuer zunächst noch nicht vollständig unter Kontrolle, man habe aber inzwischen einen guten Überblick, sagte der Einsatzleiter vor Ort laut NRK. Die Gefahr einer weiteren Ausbreitung war gesunken. Um den entstandenen Waldbrand müsse man sich als Nächstes kümmern. Zur Hilfe dürfte den Einsatzkräften nun der Regen kommen, der für Samstag vorhergesagt war.
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