AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt : Eine verlorene Generation
Die AfD in Sachsen-Anhalt startet ihren Wahlkampf und hat Zustimmungswerte von 40 Prozent. Kein Wunder, die einstigen Neonazis sind nie verschwunden.
Foto: Mark Muehlhaus/Agentur Focus
W o kommen nur die vielen AfD-Fans her? In öffentlichen Debatten entsteht für mich oft der Eindruck, der rechtskonservative Backlash sei ganz plötzlich vom Himmel gefallen. Allein das Wort „Rechtsruck“ suggeriert eine unvorhersehbare Veränderung. Da wählen die sogenannten unbescholtenen Bürger:innen auf einmal eine Partei, die mit rechten und zum Teil menschenverachtenden Parolen auf Bäuerinnen-Fang geht.
So will die AfD in Sachsen-Anhalt, wo sie vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, den Schwangerschaftsabbruch wieder kriminalisieren – ein Straftatbestand, der in der DDR bereits 1972 abgeschafft wurde. Behinderte Kinder sollen zukünftig „normal begabte Kinder“ nicht in Integrationsklassen beim Lernen stören und die Regenbogenfahne soll an Schulen verboten werden. Dafür plädieren sie für das tägliche Hissen der Deutschlandfahne an pädagogischen Einrichtungen und „das gemeinsame Singen der Nationalhymne im Kreise der gesamten Schüler- und Lehrerschaft“ bei Feierlichkeiten.
Außerdem will die AfD die Antifa zur Terrorvereinigung erklären, Gelder für „linksextreme Vereine“ streichen und „pervers-linke Agitation“ beenden. Das Grundrecht auf Asyl wollen sie gleich ganz abschaffen und in Sachsen-Anhalt aus sämtlichen Aufnahmeprogrammen austreten. Und mit genau diesen nationalistischen, frauenfeindlichen, ableistischen und rassistischen Wahlversprechen erhält die Partei Prognosewerte von rund 40 Prozent. Warum finden Wählende diese rückschrittlichen und menschenverachtenden Ziele unterstützenswert?
Auch wenn es gruselig ist, überrascht mich das wenig. Denn ich stamme aus einem beschaulichen Dorf in Sachsen-Anhalt, am Rande des Harzes. Vor über 15 Jahren verließ ich das Landleben für die Großstadt Berlin. Ganz hinter mir lassen kann ich aber weder meine Ostbiografie noch meine Erfahrungen. Trotz meiner queeren und linken Bubble finden sich in meinem erweiterten Bekanntenkreis heute unzählige Leute mit einem Faible für Rechtspopulist:innen.
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.
Keine „unbescholtenen Bürger:innen“
Da ist zum Beispiel eine links denkende Freundin, deren alleinerziehende Mutter einst bei der SPD aktiv war und die in Rente plötzlich die gleichen vorurteilsbeladenen Parolen wie Rechte von sich gibt. Eine andere engagierte Freundin macht sich Sorgen, wo wohl ihre konservativen Brüder mit einer gewissen Nähe zur Bundeswehr ihr Kreuz setzen werden.
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Und dann sind da noch all die alten Klassenkamerad:innen von der Realschule, mit denen ich einst Schulbank und Freundschaften teilte und die irgendwann auf dem Weg ins Erwachsenenleben scharf rechts abbogen. Da wird heute groß „Ostfront“ und Hetze gegen Geflüchtete gepostet, Corona geleugnet und Diskussionen um Tempolimit, Heizungsgesetz und Klimawandel als Beschneidung der eigenen Freiheit empfunden. Die Liste meiner Facebook-Blockaden ist lang.
Für mich steht fest: Ein Großteil der AfD-Anhänger:innen war nie „unbescholten“. Nur haben sie es sich in den vergangenen Jahrzehnten bequem eingerichtet. Ich habe mich rechten Parolen widersetzt und die Gewalt der Baseballschlägerjahre erlebt. In meiner Gegend gab es Dörfer, die konnte und wollte ich nicht betreten, weil dort gewaltbereite Faschos die Mehrheit hatten.
Es gab Dorffeste, da wurden lauthals Nazi-Lieder gesungen, während die Anwohner:innen fröhlich mitschunkelten. Und vor einer Grufti-Disko lauerten regelmäßig Schlägerhorden den Feiernden auf. Was wurde wohl aus den Baseballschläger-Trupps dieser Zeit, die im Übrigen nicht nur aus Männern bestanden?
Die Schlägerbanden sind erwachsen geworden
Damals tat man das als jugendliche Subkultur ab als ein unschönes Problem im Osten. Dabei nutzten rechte Kameradschaften und Parteien den Mauerfall blitzschnell, um ihre Propagandamaterialien an Jugendeinrichtungen und an Schulen zu verteilen. Und die desorientierten Teenager:innen mit ihren arbeitslos gewordenen Eltern fielen darauf rein, während andere Erwachsene wegschauten.
Polizei, Gerichte, Medien, Politik und Eltern begriffen lange nicht das Ausmaß der Gewalt in Ost und West. Man denke nur an NSU und Rostock-Lichtenhagen. Heute sind die gewaltbereiten Neonazis von damals wie ich Ü40. Sie haben sich größtenteils in ihrem kleinbürgerlichen Alltag eingerichtet, Familien gegründet, Ausbildungen gemacht, Berufe ergriffen oder Unternehmen gegründet.
So wird der Webshop für die Kampagnen von Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund von einem ausgewiesenen Rechtsextremisten betrieben. Torsten G. wird vom Verfassungsschutz als einer „der zentralen Akteure der rechtsextremen Szene“ eingeordnet. Er war bei der Jugendorganisation der NPD aktiv und wechselte später zur Identitären Bewegung (IB). Sein Unternehmen betreibt einen bekannten Szeneshop, der rechtsextreme Aufkleber und Bücher vertreibt.
Kein reines Ost-Problem
Und das ist nicht nur im Osten so. Walter Lübcke, Kassler CDU-Politiker, wurde 2019 von einem mehrfach vorbestraften Neonazi ermordet, der viele Jahre unauffällig in seinem Einfamilienhaus mit Frau und Kindern lebte. Aber im Osten wurden die sogenannten Wendejahre und der Biografiebruch vieler Ostdeutscher nie aufgearbeitet.
Gerade für meine Generation – die Kinder und Jugendlichen der 90er Jahre – bedeutete der Mauerfall eine Identitätssuche unter außergewöhnliche Umständen. Wer damals früh intensive Kontakte mit rechter Gehirnwäsche bekam, legt dieses Mindset so schnell nicht wieder ab.
Ganz sicher sind die 40 Prozent Wählerschaft der AfD nicht alles ehemalige Schläger:innen. Aber sie finden hier eine lang ersehnte Heimat für ihr menschenverachtendes Weltbild. Und ist einmal eine kritische Masse erreicht, läuft das Schneeballprinzip unbegrenzt weiter, der gesellschaftliche Rechtsruck ist da keine Ausnahme. Deshalb müssen wir dringend die Zeit der „Baseballschlägerjahre“ aufarbeiten, damit nicht noch eine Generation verloren geht.
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