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Menschliches MiteinanderDie Soft-Skill-Krise

Chatten mit KI statt mit Menschen, Soziophobie ist in. Zum Glück retten uns Menschen mit sozialen Kompetenzen im Lebenslauf.

I ch stehe an einer vollen Straßenkreuzung in Frankfurt am Main. Die Ampel springt auf Rot. Ein dumpfer Knall. Ein Kurierfahrer liegt neben seinem E-Bike auf dem Asphalt. Seine Tasche ist aufgeplatzt: Tomatensoße spritzt gegen die Glasfassade eines Bankgebäudes. Zwei Männer in Anzügen machen einen Ausfallschritt. Sie weichen der Szene aus wie einem Softwarefehler.

Einer tippt auf sein Headset, als käme genau jetzt ein lebenswichtiger Anruf. Die Menge fließt um den Fahrer herum wie Wasser um einen Poller. Irgendwann ruft eine Frau einen Krankenwagen. Die Ampel springt auf Grün. Autos hupen, als läge da niemand auf der Straße.

Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue in den 27. Stock des Bankgebäudes. Am Fenster steht eine Person. Schaut sie uns zu? Vielleicht sucht sie jemand mit Soft Skills. Ein Essay im Harper's Magazine handelte kürzlich von der sogenannten Soft-Skill-Krise in der Arbeitswelt. Soziale Kompetenzen seien rar geworden. Ich nickte beim Lesen die ganze Zeit. Kein gutes Zeichen, wenn schlaue Thesen zufällig zur eigenen Wahrnehmung passen und sie dann mit der Wirklichkeit verwechselt werden.

Aber ich sehe schon länger eine Welt, die Empathie nicht voraussetzt, sondern zertifiziert. In meinem Hausflur, beim Arzt, sogar im Club: Soziophobie ist in. Lieber den Unfall von außen betrachten als sich zuständig fühlen. Dafür gibt es schließlich Leute mit Soft Skills im Lebenslauf.

Ausgerechnet Empathie soll Menschen von Maschinen unterscheiden. Ständig sitzen Ex­per­t*in­nen in Polit-Sendungen, um KI die Fähigkeit zur Empathie abzusprechen. Meistens lächeln sie dabei wie Politiker*innen, die ihre menschenfeindliche Sozialpolitik rechtfertigen: leicht gequält, als würden sie sich selbst nicht glauben, und irgendwie erleichtert, als hätten sie die Grenze zwischen Mensch und Maschine gerade noch geschlossen.

Nörgeln statt reden

Hm, erst heute Mittag fiel mir auf, dass ich den ganzen Morgen mit keinem Menschen gesprochen hatte. Nur mit ChatGPT. Warum hypen alle die KI-Frage? Weil sie so die Menschenfrage umgehen können?

Onkel Jürgen würde sagen: „Früher haben die Leute noch miteinander geredet.“ Ja, habt ihr. Um an uns herumzunörgeln. An Grillabenden habt ihr Unmengen Bier getrunken und euch gegenseitig auf die Schulter geklopft für die Kreativität eurer Beleidigungen. Wegen unserer Frisuren, unserer Wünsche, unserer Vorstellungen eines anderen Lebens.

Ihr hattet Eigenheime, Autos und Urlaube, die ihr euch nur leisten konntet, weil Löhne stabil und Kredite billig waren – nicht, weil ihr so fleißig wart. Empathischer war diese Welt nicht. Aber stand Empathie bereits in Stellenanzeigen?

Ein Leben ohne Mitgefühl

Womöglich ist es wie beim Straßenbau. Erst wird das Land so umgebaut, dass ohne Auto nichts mehr geht. Danach gilt das Auto als Lösung. Heute ist das Leben so organisiert, als käme es ohne Mitgefühl aus. Danach wird es als Kompetenz verkauft.

Fuck, ich klinge wie Onkel Jürgen.

Der Kurierfahrer wird auf die Trage gehoben. Doch was ist mit dem Mann, der mit dem Rollator an jeder Bordsteinkante nicht weiterkommt? Mit der Mutter, die nicht weiß, ob ihre Kinder in Gaza noch leben? Mit der Person, die keine Arbeit findet und deshalb depressiv ist? Mit der Person, die Arbeit hat und deshalb depressiv ist?

Der Krankenwagen fährt davon. Die Person im 27. Stock steht noch am Fenster. Ich winke ihr. Hoffentlich sieht sie mich nicht.

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Philipp Rhensius

Philipp Rhensius Autor

Philipp Rhensius ist Autor, Journalist, Musiker und Editor von Norient. Seine Texte kreisen um die Mikropolitik des Alltags sowie um Affekt und Klasse – getrieben von der Idee, dass das Fühlen der Ketten der erste Schritt zur Emanzipation ist. Er liest und performt international sowie auf Berlins Poetry-Bühnen. Sein 2025 erschienenes Buch "Home Is Where the Heart Strives" versammelt Essays, Gedichte und Artikel von 85 Stimmen – unter anderem von McKenzie Wark, Gisela Swaragita und Sally Garama – aus 38 Ländern zu Migration, Zugehörigkeit und Musik. Als Alienationist verbindet er Spoken Word mit tiefen Bässen, Live-Percussion und melancholischem Futurismus.
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