Neue Regierung in Großbritannien: Am Kabinettstisch in London wird es nordenglischer
Labour-Premierminister Andy Burnham platziert enge Vertraute in der Regierung. Bei den wichtigsten Ministern gibt es Überraschungen.
Foto: Jack Taylor/reuters
Nach seinem Amtsantritt am Montag hat der neue britische Premierminister Andy Burnham mit der Aufstellung seines Kabinetts begonnen. Es zog sich bis spät in die Nacht und hat zahlreiche Überraschungen gebracht.
Die größte Überraschung ist der neue Finanzminister, mächtigstes Regierungsmitglied nach dem Premierminister. John Healey hatte niemand auf dem Schirm. Er war bis Mitte Juni Verteidigungsminister unter Keir Starmer gewesen und trat zurück, weil Starmer und die damalige Finanzministerin Rachel Reeves seiner Meinung nach den Verteidigungsetat nicht ausreichend finanzieren wollten. Nun sitzt Healey selbst am Hebel und muss dafür sorgen, dass er die von ihm verlangte 3-Prozent-Marke des BIP erreichen kann.
In Finanzen unerfahren ist Healey nicht, denn er war bereits unter Tony Blair parlamentarischer Sekretär des damaligen Finanzministers Gordon Brown. Healey bestätigte nach seiner Berufung, dass er die Verteidigungsausgaben erhöhen werde, betonte jedoch gleichzeitig, dass finanzielle Glaubwürdigkeit das Fundament wirtschaftlicher Stabilität und nationaler Sicherheit darstelle.
Gerüchte, Burnham habe im Gegenzug Rachel Reeves das Verteidigungsministerium angeboten und sie habe abgelehnt, blieben am Dienstag unbestätigt. Die bisherige Finanzministerin, bis zuletzt Keir Starmer treu, darf sich ab jetzt auf den Hinterbänken ausruhen. Ihre Schwester Ellie Reeves wird derweil neue Generalstaatsanwältin.
Verteidigungsminister ohne Militärerfahrung
Neuer Verteidigungsminister wird Wes Streeting – der allererste Starmer-Herausforderer, der sich nach den verlorenen Kommunalwahlen von Anfang Mai aus der Deckung wagte und als Gesundheitsminister zurücktrat. Streeting war potenzieller Kandidat für die Nachfolge Starmers, stellte seine Ambitionen jedoch im Interesse Burnhams zurück. Nun wird er Verteidigungsminister, obwohl er keinerlei Erfahrung in Sachen Militär und Verteidigung besitzt.
Zwei in den Medien als Favoriten für das Amt des Finanzministers gehandelte Schwergewichte erhielten überraschend andere Aufgaben. Innenministerin Shabana Mahmood, die unter Starmer einen harten Kurs gegen illegale Einwanderung einschlug, bleibt im Amt. Damit bestätigt sich, dass es Burnham ernst meinte, als er in seinem Wahlkampf für den Wahlkreis Makerfield im Juni angegeben hatte, er wolle die Einwanderung noch weiter senken.
Der zweite Favorit, Klima- und Energieminister Ed Miliband, wird jetzt Außenminister. Miliband gab nach seiner Ernennung zu verstehen, dass er sein Amt zu Ehren seiner Eltern annehme, die als jüdische Flüchtlinge nach Großbritannien gekommen waren. Milibands Vater war der berühmte Denker und marxistische Soziologe Ralph Miliband, aus einer polnisch-jüdischen Familie, die 1922 nach Belgien ausgewandert war und 1940 vor den Deutschen fliehen musste.
Die bisherige Außenministerin Yvette Cooper, ebenso wie Burnham ein Überbleibsel aus der Ära Tony Blair und Gordon Brown, bekommt den in Großbritannien sehr wichtigen Posten der Gesundheitsministerin, zuständig für das staatliche Gesundheitswesen NHS. Sie bekleidete schon früher Aufgaben im Gesundheitsministerium und gilt als seriös, erfahren und solide. Sie will sich für Verbesserungen in der Pflege und der Schwangeren- und Geburtenfürsorge einsetzen. Eine weitere Labour-Veteranin, Angela Eagle, wird Ministerin für Landwirtschaft.
Pat McFadden, der einstige Wahlstratege Starmers und zwischen 2002 und 2005 – der Zeit des Irakkrieges – politischer Sekretär von Tony Blair, bleibt in seinem Amt als Arbeitsminister. Jonathan Reynolds, der bereits unter Starmer ein Jahr lang Wirtschaftsminister war und dann Labour-Fraktionschef wurde, kehrt auf dieses Ministeramt zurück.
Gewerkschaftlerin als Fraktionschefin
Neue Labour-Fraktionschefin im Unterhaus wird Anneliese Midgley, die den nordenglischen Wahlkreis Knowsley unweit von Burnhams eigenem in Merseyside vertritt und eher als Politneuling gilt – sie sitzt erst seit 2024 im Parlament und führte bisher die Arbeitsgruppe der Gewerkschafter in der Fraktion.
Die enge Burnham-Vertraute Louise Haigh, die als Verkehrsministerin unter Starmer wegen einer Falschaussage vor Gericht zurücktreten musste, kehrt in die Regierung auf einem zentralen organisatorischen Posten zurück: Sie wird Leiterin der parlamentarischen Regierungsgeschäfte im Unterhaus. Eine andere Burnham-Vertraute, die stellvertretende Parteichefin Lucy Powell, erhält das Bildungsministerium. Ihr Ministerium wird aufgeteilt, den Teil für Frauen und Gleichberechtigung behält die bisherige Ministerin Bridget Phillipson, jetzt mit Kabinettsrang.
Angela Rayner, ehemalige stellvertretende Premierministerin und Parteichefin, die 2025 wegen Steuerhinterziehung zum Rücktritt gezwungen worden war und seitdem Front gegen Starmer machte, kehrt auf ihren alten Posten als Wohnungsministerin zurück. Ihre Steuerprobleme hat sie mittlerweile geregelt. Ein massives Sozialwohnungsbauprogramm gehört zu Burnhams Vorhaben.
Passend zu Andy Burnhams Betonung, er wolle Macht weg von London dezentralisieren, gehen die meisten wichtigen Ministerposten an Abgeordnete für nord- und mittelenglische Wahlkreise. Politisch ist das Kabinett eine Mischung aus dem gemäßigt linken Flügel der Partei, dem Burnham zugerechnet wird, und dem zentristischen rechten Flügel, der seine Machtübernahme förderte.
Enge Starmer-Verbündete werden alle auf die Hinterbänke verbannt. Neben der bisherigen Finanzministerin Rachel Reeves sind das etwa der bisherige Justiz- und vorherige Außenminister David Lammy und der bisherige Generalstaatsanwalt Richard Hermer.
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