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Jugend auf dem LandViel Platz für Frust

Unter Jugendlichen in Sachsen-Anhalt steht neben den Linken auch die AfD hoch im Kurs. Viele So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen setzen erst mal aufs Zuhören.

Albrecht Kaiser

Aus Gommern, Burg und Merseburg

Albrecht Kaiser

E ine Billardkugel kullert so laut über den Fußboden, dass ihr Klackern sogar den Lärm der sich unterhaltenden Teenager übertönt. Aber keiner der etwa zehn Jugendlichen dreht sich um. Sie haben sich längst daran gewöhnt, dass der Billardtisch keine Taschen mehr unter den Löchern hat und die Kugeln nach jedem Treffer auf dem Boden landen.

Ronja Muth steht nebenan in der Küche des Jugendklubs in Gommern und sortiert die Zutaten für Spaghetti mit Tomatensoße, während sie Aufgaben an mehrere Kids delegiert. Mit ihrer streng-fürsorglichen Art hat sich die 37-Jährige bei ihren Schützlingen den Spitznamen „Mutter Ronja“ eingehandelt. Eigentlich ist sie Streetworkerin, doch bei über 30 Grad trifft sie keine Jugendlichen auf der Straße. Die Sonne hat sie von ihren üblichen Plätzen vertrieben, viele bevorzugen den schattigen Jugendklub der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.

Was sich aber auch im Haus nicht ändert: Die Sozialarbeitsform Streetwork geht aktiv auf ihre Zielgruppe zu, in diesem Fall Jugendliche von 14 bis 27 Jahren. Im Gegensatz etwa zur Schulsozialarbeit gehen die Mitarbeitenden an jene Orte, an denen sich ihre Zielgruppe selbstbestimmt aufhält: ob Parks, Bushaltestellen oder Fußballplätze.

Das Ziel der Street­wor­ke­r:in­nen ist es, all jene Jugendlichen zu erreichen, welche andere Hilfsangebote nicht abholen – und das möglichst niedrigschwellig. Hilfe bei schweren Problemlagen wie Drogensucht, Armut oder Integration gehört genauso zum Angebot der Street­wor­ke­r:in­nen wie die Unterstützung im Alltag, bei Wohnungssuche, Schulproblemen oder manchmal auch Liebeskummer.

Solange die Jugendlichen sich benehmen, schicke ich niemanden weg

Ronja Muth, Streetworkerin in Gommern

Die Angebote gelten unabhängig von sozialer Schicht oder politischer Gesinnung. „Ich treffe Kinder, die im Durchgangszimmer schlafen müssen, und welche, die im Ralph-Lauren-Polohemd herkommen“, erzählt Muth. „Solange die Jugendlichen sich benehmen, schicke ich niemanden weg. Da wäre ich ja wieder jemand, der sie ausschließt, weil sie nicht funktionieren.“ Es geht vor allem darum, zuzuhören und Fragen zu stellen.

Gelegentlich trifft dieser Anspruch in der Realität auf Grenzen: Die Streetworkerin musste etwa schon durchgreifen, um zu verhindern, dass rechte Jugendgruppen den Jugendtreff übernehmen.

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Politik ist zurzeit ein zentrales Thema: In Sachsen-Anhalt steht im September die Landtagswahl an. Gerade die Linke und die AfD können junge Wählergruppen für sich gewinnen. Bei der letzten Bundestagswahl wählte die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen in Sachsen-Anhalt hauptsächlich AfD (38,8 Prozent), zweitstärkste Kraft wurde die Linke (27 Prozent). SPD, CDU, Grüne und FDP kamen zusammengerechnet auf knapp 20 Prozent.

Rechte und Linke. Und die Unpolitischen

Auch bei Muths Schützlingen spielt Politik eine große Rolle. Vier der Teenager erzählen von ihrem Alltag: „Bei uns in der Schule gibt es eigentlich nur drei Gruppen: Rechte, Linke und die Unpolitischen“, sagt ein energischer Junge mit blonden Haaren. Er selbst sei ja links und würde gern eine Diversity-Woche an seiner Schule einführen, und ja, politische Inhalte sieht er häufig auf Tiktok.

Seine Nachbarin ist schweigsamer. Bis vor drei Wochen sei sie noch rechts gewesen, aber dann habe sie gemerkt, dass sie dadurch Freunde verliert. Dann sei sie in das Lager der Unpolitischen gewechselt. Doch dem Algorithmus zu entkommen, ist nicht leicht. Noch immer werden ihr rechte In­flu­en­ce­r:in­nen in den Tiktok-Feed gespült.

Gordon Bothur ist ebenfalls Streetworker, im rund 30 Autominuten entfernten Burg. Mit seinen gelockten blonden Haaren, breitem Grinsen und nackten Füßen macht er einen sehr offenen Eindruck. „Mir ist egal, ob einer der Teenager links oder rechts ist“, erzählt er: „Mir geht es um das Bedürfnis dahinter.“ Das heiße nicht, dass er extreme Gesinnungen unterstütze, doch direktes Gegenargumentieren würde wenig dazu beitragen, die Jugendlichen zu erreichen. Effektiver sei es, den Menschen, seine Wünsche und seine Ängste erst einmal kennenzulernen, um später gegebenenfalls radikales Gedankengut zu hinterfragen. Momentan wünscht sich die Jugend in Burg vor allem eins: Orte, an denen sie sich unkompliziert aufhalten kann.

Neben Bothur spielen mehrere Jugendliche über ein von ihm gespanntes Netz Volleyball. Bei einer Pause erzählt ein vom Sport verschwitzter Jugendlicher, dass egal wo er mit seinen Freunden chillt, sie immer irgendwie stören würden, ob in Parks oder auf Marktplätzen.

Fußballplätze sind ein Thema, oder das Freibad. Dort könnten sie sich zwar aufhalten, aber eben nur im Rahmen der Öffnungszeiten. Es ist nicht so, dass es gar keine Plätze gäbe: Die Jugendlichen hatten zum Beispiel mal einen guten Fußballplatz, aber weil die Bälle so laut gegen den Zaun knallten, ließen die Anwohnenden die Umzäunung entfernen. Jetzt ist es für die Anwesenden ruhiger, aber der Ball landet regelmäßig in den Dornenbüschen, die das Spielfeld umgeben. Im Park könnten sie keine Tore aufstellen, das würde die Parkverordnung verhindern.

Wenig hier, womit man sich identifizieren kann

Der Fußball treibt die Jugendlichen um, andere haben noch eine grundsätzlichere Perspektive: „Die Kinder haben hier kaum etwas, mit dem sie sich identifizieren können“, sagt etwa Merseburgs Oberbürgermeister Sebastian Müller-Bahr, „viele Lebensgeschichten sind geprägt von dem Frust, nicht gesehen zu werden.“ In der 35.000-Seelen-Stadt südlich von Halle (Saale) und westlich von Leipzig engagierte sich der gelernte Kaufmann viele Jahre als Jugendseelsorger.

„Genau bei diesem Frust setzt die AfD an. Sie bietet einfache Identifikationsmodelle.“ Dafür reicht ein Blick ins Wahlprogramm des rechtsextremen Landesverbands der Partei: „Der Osten ist kein schlechteres, er ist das bessere Deutschland.“

Auch sozial setzt die AfD auf einfache Lösungen: „Funktionierende Familien machen Schulsozialarbeiter überflüssig.“ Eine utopische Vorstellung, meint Müller-Bahr. Was definiere eine funktionierende Familie eigentlich? Abgesehen davon lassen sich Familienkonstrukte kaum politisch beeinflussen. Genau deshalb bräuchte es die Sozialarbeit: „Unsere aktuelle Gesellschaft ist das Resultat fehlender Jugendarbeit. In der Sozialarbeit wollen wir den jungen Menschen Perspektiven und Halt geben.“ Das funktioniere jedoch nur, wenn genau diese jungen Menschen ernst genommen würden und ihnen zugehört würde.

Viele Po­li­ti­ke­r:in­nen würden sich genau damit schwertun. Müller-Bahr berichtet von dem Besuch eines Politikers, der sich die Sorgen und Nöte der jungen Generation anhören wollte. „Nachdem er 45 Minuten selbst geredet hat, musste ich ihn unterbrechen, damit die Jugendlichen auch Zeit zum Reden bekommen.“

Das Problem mit dem Geld

Ein weiteres Problem ist die Finanzierung, denn an Jugendsozialarbeit wird häufig gespart. Bothur und Muth gehen fast immer allein raus, es gibt keine zweite Stelle. Laut dem Sicherheitskonzept für Street­wor­ke­r:in­nen sollten sie eigentlich immer zu zweit unterwegs sein. „Was wir machen, gefällt nicht allen. Wenn man abends unbekannte Gruppen anspricht, ist das nicht ungefährlich. Ganz abgesehen davon: Wenn Jugendliche mich aus irgendeinem Grund nicht mögen, habe ich direkt verloren“, erzählt Bothur. Überstunden, Druck und die unregelmäßigen Arbeitszeiten würden seine Arbeit zusätzlich erschweren. Er wird bald Vater. Sollten sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern, wird er seinen Job wechseln. Das bereitet ihm sichtlich Unwohlsein – Bothur kann sich vorstellen, wie das Leben der Kids ohne ihn und ohne Streetworker aussehen würde. Ob die Stelle schnell nachbesetzt werden könnte, ist fraglich. Bothur und Muth haben jeweils ein Budget von 1.500 Euro pro Jahr, im Juni war dies schon fast vollständig aufgebraucht. „Ich muss mir immer genau überlegen, was ich mit dem Geld mache: Erneuere ich den über 20 Jahre alten Backofen, der kaum über 150 Grad schafft, oder kaufe ich für mehrere gemeinsame Abendbrote ein?“, sagt Muth resigniert.

In dem ländlich geprägten Jerichower Land sind die beiden auf ihre Autos angewiesen, zum Beispiel, um Jugendliche bei Amtsbesuchen zu begleiten. Sprit könnten sie nicht abrechnen. Beide wünschten sich, dass es bei ihnen so wie in Merseburg laufen würde.

Dort gibt es zwei Vollzeitstellen für Streetworker:innen, es gibt ein eigenes Dienstfahrzeug und ein gut ausgestattetes Kontaktcafé inklusive Küche und Dusche, in dem die Street­wor­ke­r:in­nen in Ruhe mit Jugendlichen sprechen oder gemeinsame Veranstaltungen planen können. Das sei auch Müller-Bahrs Einsatz für die Street­wor­ke­r:in­nen zu verdanken.

Beim Betreten des Kontaktcafés könnte ein Besuchender den Eindruck eines US-amerikanischen Start-up-Büros bekommen: zwei Arbeitsplätze mit großen Bildschirmen, eine Dartscheibe und ein Boxsack in der Ecke. Doch die automatisierte Ansage einer deutschen Service-Hotline zerstört den Eindruck. Zwei Gestalten beugen sich über ein Handy, welches im Lautsprechermodus den Unwillen einer großen Wohnungsgesellschaft preisgibt, Mensch-zu-Mensch-Kommunikation ohne große Barrieren zuzulassen. Die Jugendliche braucht eine Wohnungsgeberbescheinigung. Maximilian Wozny hilft ihr. Nach einer Flut an automatisierten Ansagen finden die beiden die Möglichkeit, einen menschlichen Rückruf zu buchen.

Max, wie ihn alle Kids nennen, wirkt ausgesprochen lässig und vermittelt die Gewissheit, dass mit seiner Hilfe kein Problem unlösbar ist. Nach einigen Minuten erfolgt der Rückruf, in wenigen Sekunden ist die Bescheinigung per E-Mail da, nicht der erste Erfolg des Streetworkers bei der Jugendlichen.

„Nur wegen Max habe ich überhaupt die Wohnung“, erzählt die Jugendliche. Viele Ver­mie­te­r:in­nen würden Wohnungssuchende, die durch das Amt finanziert werden, benachteiligen, erzählt Wozny. Der Wohnungsmarkt in Merseburg ist umkämpft. Als die zwei endlich eine Wohnung für sie fanden, war die Miete 50 Cent teurer, als die Richtlinie des Amts vorsah. Pech, da sei nichts zu machen. Nach Verhandlungen mit der Vermietungsfirma ging diese mit der Miete runter.

Max dreht seine Runde durch Merseburg, das Thermometer zeigt 36 Grad. Die historische Stadt hat eine Universität mit circa 3.000 Student:innen. Max hat hier ebenfalls studiert. Doch seit Corona hat sich etwas verändert: Die meisten Studis würden aus Halle (Saale) und Leipzig pendeln, es gebe faktisch kein studentisches Leben mehr in Merseburg. Er läuft durch die ausschweifenden Parkanlagen Merseburgs, der Skatepark ist verlassen. Max zeigt auf eine Halfpipe: „Die Stadt wollte Geld für junge Menschen investieren und hat die Halfpipe gekauft. Doch die Jugendlichen haben mir erklärt, warum die dort gar keinen Sinn für Skater ergibt. Das hätte verhindert werden können, hätte die Stadt sie einfach gefragt, was sie für sinnvoll halten.“

Auf einem Marktplatz trifft Max auf einen jungen Mann Anfang 20. Der erzählt von Migranten, die vom Staat Geld zugeschoben bekämen, es müsse mehr abgeschoben werden. Statt das Gespräch an der Stelle zu beenden, fragt Max nach. Der junge Mann erzählt von seinen Freunden, von denen die meisten woanders hingegangen sind. Von seiner Arbeit in der Landwirtschaft, für die er täglich früh aufsteht und sich trotzdem immer weniger leisten kann. Von seinem Vater, der das Haus der Familie verkauft hat, um am Aktienmarkt zu spekulieren, und alles verlor. Und von dem Gefühl, dass er an manchen Orten nicht mehr erwünscht sei, weil er das Falsche sagt oder denkt. Am Ende geben sie sich die Hand und der junge Mann bedankt sich: „Mit vielen Leuten kann man heutzutage ja gar nicht mehr reden. Die meisten hören nicht zu.“

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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