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Drogenschmuggel in ZentralafrikaTerror im Tramadol-Rausch

Ein Schmerzmittel, exzessiv konsumiert, befeuert Milizengewalt in der Zentralafrikanischen Republik. Es wird aus Asien über die DR Kongo eingeschmuggelt.

Simone Schlindwein

Aus Kampala

Simone Schlindwein

„Krikri“ nannten die jungen Milizionäre das schwarzbraune Puder, das sie in einem metallenen Behälter an Ketten um ihren Hals trugen. Darin: getrocknete, gemahlene Kokablätter vermengt mit Schwarzpulver – ein Höllengemisch, das sich die jungen Kämpfer wie Schnupftabak durch die Nase zogen.

„Wenn du das nimmst, dann hast du keinen Hunger und fühlst dich unverwundbar“, hatten die jungen Kämpfer in der Zentralafrikanischen Republik damals gegenüber der taz erklärt.

Zu jener Zeit, im Frühjahr 2014, kontrollierten die sogenannten Anti-Balaka-Milizen im Drogenrausch die Straßen der Hauptstadt Bangui. Sie stolzierten mit Macheten und Spitzhacken in der Hand herum, die Augen feuerrot, ihr Blick irr, ihre Gemüter erhitzt und aggressiv. Sie erlebten offenbar auf dieser Droge eine Art Blutrausch, der sich in exzessiver Gewalt entlud.

Mittlerweile wurde das „Krikri“-Puder durch eine Pille ersetzt, die offenbar denselben Effekt hat – nur noch viel stärker. Dies geht aus einem im Juni veröffentlichten Bericht der Global Initiative against Transnational Organized Crime (GI-TOC) hervor. Als „Kete Ndongo“ wird diese Tablette bezeichnet – „kleine rote Chilischote“.

Die heftigste Chilischote der Welt

Tramadol – ursprünglich angewandt als synthetisches Opioid zur Behandlung starker und chronischer Schmerzen – hemmt im Zentralnervensystem die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und wirkt gleichzeitig stimulierend, denn dadurch wird Serotonin ausgeschüttet. In Deutschland ist dieses Schmerzmittel verschreibungspflichtig, auf dem Beipackzettel wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Verkehrstüchtigkeit stark beeinträchtigt sein kann. Eine Dosierung von 50 bis 100 Milligramm soll nicht überschritten werden, so empfiehlt es die deutsche Medikamentendatenbank Gelbe Liste.

In der Zentralafrikanischen Republik sind diese Pillen auch verschreibungspflichtig, aber in jedem Straßenkiosk und in jeder Apotheke rezeptfrei erhältlich, mitunter in hohen Dosen von 200 Milligramm pro Tablette. Hauptumschlagsplatz ist der Zentralmarkt im Stadtviertel PK5, wo die Moschee von Bangui liegt, im Krieg Banguis Muslime belagert wurden und auch das „KriKri“ gehandelt wurde. Markt­ver­käu­fe­r*in­nen berichten den GI-TOC-Researchern, dass vor allem junge Männer diese Pillen schlucken: Sie helfen ihnen, in den dunklen engen Schächten der Goldminen zu graben und dabei keine Furcht und Hunger zu verspüren.

Die Pillen würden besonders nachgefragt unter den unzähligen Kämpfern der zahlreichen Milizen, die einen Großteil des Landes kontrollieren. Einige Konsumenten würden pro Tag zwischen sechs und zehn dieser Pillen zu sich nehmen und mit rund 2.000 Milligramm im Blut in einen regelrechten Rausch versetzt. „Der Mangel an Furchtlosigkeit, die es den Menschen verleiht, sowie die Anzeichen von Verrücktheit, mit welcher diese Konsumenten herumlaufen, erzielt besonders bei Militäroperationen einen zusätzlichen Wert“, so Ruben de Koning, einer der Autoren des GI-TOC-Berichts.

Die Zentralafrikanische Republik steckt seit dem Bürgerkrieg ab 2013, als die muslimische Rebellenallianz Séléka die Hauptstadt einnahm und den damaligen Langzeitdiktator François Bozizé stürzte, in einer Gewaltspirale fest. Bozizé hatte vom Exil aus damals die sogenannte Anti-Balaka-Miliz ins Leben gerufen, die mit extremer Gewalt Ende 2013 die Séléka wieder vertrieb, Pogrome an der muslimischen Minderheit beging und durch Wahlen 2016 den heutigen Präsidenten Faustin-rchange Touadéra an die Macht hievte.

Touadéra lud 2018 die Russen der Gruppe Wagner ein, offiziell um seine marode Armee auszubilden. Seitdem sind rund 1.500 russische Söldner im Land stationiert. Sie schlugen in den vergangenen Jahren immer wieder Aufstände nieder und bekämpfen Rebellengruppen. Der russische Einfluss ist enorm, mittlerweile exportieren russische Firmen aus der Zentralafrikanischen Republik Gold im großen Stil, sind im grenzübergreifenden Handel mit Holz, Benzin und offenbar auch mit synthetischen Drogen wie Tramadol aktiv.

„Schwarze Russen“ und „Haie“

Die Wagner-Einheiten unter dem Kommando von Pavel Prigoshin, Sohn des 2023 verstorbenen Oligarchen Jewgeni Prigoshin, kooperieren im Norden des Landes, wo die meisten Goldminen liegen, mit einer lokalen Miliz, die sich übersetzt „Schwarze Russen“ nennt. Sie setzt sich hauptsächlich aus ehemaligen Anti-Balaka-Kämpfern zusammen und beging in den vergangenen Jahren grausame Gräueltaten gegen Zivilisten. Die Milizionäre werden von den Russen in die Goldminen geschickt, um lokale Schürfer und lokale Selbstverteidigungstruppen zu vertreiben.

In der Hauptstadt Bangui kooperiert Wagner mit einer anderen Miliz, die sich übersetzt „Haie“ nennt. Sie wurde 2019 ins Leben gerufen, um im Auftrag der Regierung außergerichtliche Tötungen durchzuführen und die Armenviertel in Schach zu halten.

Tramadol-Händler in Bangui bestätigten gegenüber den GI-TOC-Researchern, dass die Kämpfer dieser beiden Milizen Tramadol im großen Stil konsumieren – offenbar mit dem gezielten Effekt, sie aggressiv zu machen. Denn seit UN-Ermittler 2021 die brutalen Übergriffe der Wagner-Truppen auf Zivilisten dem UN-Sicherheitsrat gemeldet hatten, seien die Russen „vorsichtig“ geworden, so de Koning im taz-Interview: Die Russen befehlen diesen Milizen, „die Drecksarbeit zu machen und die Zivilbevölkerung zu misshandeln“, bevor Wagner dann vorrückt, um ein Gebiet oder eine Mine einzunehmen. Als Lohn versprechen sie den Milizionären, offiziell in die Armee integriert zu werden.

Drogenbekämpfer im Auto, Drogen im Kofferraum

GI-TOC-Recherchen vor Ort lassen darauf schließen, dass hochrangige Offiziere der zentralafrikanischen Armee gemeinsam mit Regierungsfunktionären Tramadol importieren, meist gemeinsam mit Waffen und Munition. Im November 2025 stoppte die Kriminalpolizei in Bangui einen Konvoi auf dem Weg zum PK5-Markt mit zahlreichen Kartons voller Tramadol im Kofferraum. Mit im Auto saß neben einer kongolesischen Händlerin, die die Kartons aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo eingeführt hatte, auch ein Vertreter des Zentralbüros zur Bekämpfung des Drogenhandels OCLAD. Dieser gab später im Verhör an, sein Vorgesetzter habe ihn angewiesen, die Fracht zu eskortieren, so die lokale Nachrichtenplattform Corbeaunews.

Laut Recherchen der Corbeaunews-Journalisten gilt Gervais Simplice Yarkokpa als Patron des Tramadol-Handels. Er ist ein ehemaliger hochrangiger Kommandant der Anti-Balaka-Miliz, mit Präsident Touadéra verwandt und mittlerweile Chef der Präsidentengarde und damit zuständig für die Zusammenarbeit mit den russischen Wagner-Truppen. Dass die Wagner-Söldner ebenso in den Tramadol-Handel involviert sind, liege nahe, so de Koning, lasse sich jedoch nicht eindeutig beweisen.

Mit Tramadol lässt sich enorm Gewinn machen. Eine 100mg-Pille kostet in Bangui umgerechnet rund 30 Eurocent, in abgelegenen Orten das doppelte. Importiert werden die Tabletten von Händlern in der DR Kongo, die die Waren über den Fluss Ubangi einführen, der die beiden Länder voneinander trennt. Laut GI-TOC-Recherchen importiert die in Dubai ansässige Firma Shalina, die in zahlreichen afrikanischen Ländern tätig ist, Tramadol aus Indien und China in die DR Kongo. Von dort aus gelangt es nach Bangui.

Auf eine E-Mail-Anfrage der taz antwortet Shalina nicht. Und auch die in Kongos Hauptstadt Kinshasa ansässige Pharmafirma Phatkin, die laut GI-TOC Tramadol nach Bangui liefert, erklärt auf taz-Anfrage, man könne dazu keine Angaben am Telefon machen.

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