Umstrittener Straßenname in Franken: SA-Mann ist raus
Wie kann man eine Straße nach einem SA-Mitglied benennen? Vier Jahre brauchte der Gemeinderat in Allersberg, um eine Fehlentscheidung zu revidieren.
Foto: Daniel Karmann/dpa
So manche in Allersberg hatten es schon nicht mehr für möglich gehalten, dass eine höchst umstrittene Entscheidung des Gemeinderats aus dem Jahr 2021 doch noch rückgängig gemacht würde. Zu stur schien die Mehrheit des Gremiums zu sein, zu beharrlich hielt sie in den vergangenen Jahren an der Benennung einer Straße nach dem SA-Mann Wilhelm Burkhardt fest. Doch nun kam es in der Stadtratssitzung am Montagabend zu einer überraschenden Wendung: Die Straße in der mittelfränkischen Marktgemeinde wird umbenannt.
Der Sitzungssaal war voll wie selten, über 50 Zuhörer hatten sich eingefunden. Zwei Lokalzeitungen berichteten sogar via Live-Ticker von der Sitzung. Rund drei Stunden widmete sich der Stadtrat dem Tagesordnungspunkt 5, in dem es um den Umgang mit der Wilhelm-Burkhardt-Straße im Allersberger Neubaugebiet Im Keinzel II ging.
Zum Hintergrund: Die Debatte um die Straßenbenennung hatte in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt, die Empörung ging weit über die 9.000-Einwohner-Gemeinde südlich von Nürnberg hinaus. Das Besondere, was diesen Fall von sehr vielen fragwürdigen Straßennamen unterschied, über die in der ganzen Republik diskutiert wird, war: Die Benennung stammte nicht aus längst vergangenen Zeiten, sondern aus diesem Jahrzehnt. Es war 2021, als Burkhardt zu der Ehre kam, ein kurzzeitiger Nachkriegsbürgermeister von Allersberg, der eben auch in der SA war.
Historikerin für Umbenennung
Offenbar hatte man die Entscheidung recht spontan getroffen, ohne sich die Vita des Mannes näher anzusehen. Als 2022 die unrühmliche Vergangenheit des Mannes ans Licht kam, wollte die Stadtratsmehrheit von Freien Wählern und dem lokalen Allersberger Bürgerforum (ABF) jedoch nicht mehr so einfach von ihrer Entscheidung abrücken. Stattdessen wurde das Thema auf die lange Bank geschoben. Obwohl die Vorwürfe gegen Burkhardt unstrittig waren, verwies der parteilose Bürgermeister Daniel Horndasch darauf, man wolle zunächst eine umfassende Untersuchung eines externen Historikers abwarten.
In der Sitzung vom Montag nun kamen die Historiker Roxanne Narz und Markus Urban vom Nürnberger Verein Geschichte Für Alle zu Wort, die in einem „Werkstattbericht“ über ihre Forschungen zu Allersberg im Nationalsozialismus und speziell die Person Burkhardt referierten. Der sei 1934 in Nürnberg der SA beigetreten und als Scharführer mehr als ein einfaches SA-Mitglied gewesen. Es gebe zwar keine Hinweise darauf, dass sich Burkhardt direkt an Gewalttaten beteiligt habe, der Charakter der SA als Terrororganisation sei in der Nürnberger Stadtgesellschaft allerdings hinlänglich bekannt gewesen. Der damalige Kleinunternehmer habe auch mehrfach Anzeigen im Stürmer, dem antisemitischen Hetzblatt der Nazis, geschaltet.
Als ein Gemeinderat der SPD Narz fragte, wie sie über eine Umbenennung entscheiden würde, sagte die Historikerin, sie fände sowohl eine Beibehaltung des Namens mit einer Kommentierung durch Zusatzschilder nachvollziehbar als auch eine Umbenennung. Sie selbst würde sich für Letzteres entscheiden.
Anwohner plädiert für „negative Erinnerungskultur“
Für Thomas Brenner erschien das ohnehin als einzig gangbarer Weg. Was man in dem Vortrag gehört habe, lasse einem das Blut in den Adern gefrieren, sagte der Grünen-Gemeinderat, wie ein Zuhörer der taz erzählte. Das Verhalten Burkhardts widerspreche den Grundsätzen der demokratischen Grundordnung, er sei jemand gewesen, der seinen persönlichen Vorteil über die Werte gestellt habe. Mit seiner Haltung vertrat Brenner am Ende aber offenbar nicht mehr nur die Meinung der Oppositionsparteien Grüne, CSU und SPD. So sprach sich auch Christian Lauber vom ABF in seinem Schlussplädoyer für eine Umbenennung aus. Zu dieser Ansicht sei er infolge des Vortrags der Historiker gelangt.
Dezidiert gegen eine Umbenennung der Straße war am Ende nur die Vertreterin der AfD – und die Mehrheit der Anwohner der Straße. Einer von ihnen meldete sich in der Sitzung ebenfalls zu Wort. Von 18 Anwohnern seien 15 gegen eine Umbenennung, sagte er und plädierte für erklärende Zusatztafeln im Sinne einer „negativen Erinnerungskultur“.
Im Verlauf der nicht ganz übersichtlichen Debatte hatten die Gemeinderäte schließlich über eine Vielzahl von Anträgen aus den Reihen von Koalition und Opposition abzustimmen, es wurde um Formulierungen gerungen. Am Ende stimmte eine Mehrheit von 16 gegen 4 für die Umbenennung mit der Begründung, dass „auf Basis der Handreichungen des Deutschen Städtetags nach Meinung des Gemeinderats die sachlichen Gründe oder eine Notwendigkeit (Erfüllen der dafür notwendigen Kriterien für eine Straßenumbenennung, siehe gesonderte Erläuterung) gegeben ist“.
Gegen 23.30 Uhr war die Sitzung beendet. Einen neuen Namen hat die Straße freilich noch nicht.
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