piwik no script img

Tödliche Polizeigewalt in Italien Bitter notwendiger Protest

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Nach dem Tod eines Migranten bei einer Festnahme in Bologna legitimiert die Rechte die Gewalt – nicht zum ersten Mal. Doch Italiens Zivilgesellschaft lebt.

Z u Tausenden strömten am Montagabend die Bür­ge­r*in­nen in Bologna zusammen, um eines Polizeiopfers zu gedenken. Der 43-jährige Abderrahim Fakir hatte am Vortag seine Festnahme durch zwei Polizisten nicht überlebt. Bologna und andere Städte reagierten mit Entsetzen, Anteilnahme und Solidarität für die Familie, die Aufklärung fordert.

Dies zeigt: Italiens Zivilgesellschaft lebt, auch unter der Regierung der Postfaschistin Giorgia Meloni. Zugleich zeigen die Reaktionen aus dem politischen Raum, wie bitter notwendig dieser Protest ist. Kaum machte die Meldung vom Tod Fakirs die Runde, schon dekretierte Galeazzo Bignami, Fraktionsvorsitzender der Meloni-Partei Fratelli d’Italia im Abgeordnetenhaus, der Polizeieinsatz sei „völlig professionell“ abgelaufen.

Bignami forderte dann auch gleich noch den Rücktritt des linken Bürgermeisters von Bologna, weil der zu der Trauerkundgebung aufgerufen hatte. Und Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini von der Lega schmähte den Protest von Bologna als „anti-italienisch“.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Ein zweiter Fall, der in diesen Tagen Italien bewegt, zeigt, dass die Rechten Gewalt immer dann legitimieren, wenn sie in ihren Augen die „Richtigen“ trifft. Am vergangenen Freitag musste ein Juwelier die Haft antreten, verurteilt zu 14 Jahren wegen Totschlags, weil er zwei Raubtäter erschossen hatte, nicht in Notwehr, sondern als Exekution, als sie schon flohen. Doch Italiens gesamtes Regierungslager schreit auf, erklärt den Juwelier zum Opfer, fordert seine sofortige Begnadigung durch den Staatspräsidenten.

Beide Fälle eint die Gleichgültigkeit gegen Recht und Gesetz, beide Male maßt sich die (rechte) Politik an, Freisprüche im Schnellverfahren zu formulieren, für die Polizisten von Bologna genauso wie für den Juwelier. Mitleid gebührt in dieser Logik den Polizisten, dem Juwelier – nicht den Toten, auch wenn Abderrahim Fakirs einzige Schuld darin bestand, sich in einem psychischen Ausnahmezustand zu befinden. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen in Bologna mit ihrem Protest so deutlich reagieren.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Michael Braun

Michael Braun Auslandskorrespondent Italien

Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!