piwik no script img

Termine beim HausarztDie Diagnose lautet Überlastung

Weniger Geld und bald möglicherweise mehr Arbeit: Die Gesundheitsreformen setzen Deutschlands Hausarztpraxen unter Druck. Es drohen längere Wartezeiten.

Schon vor der Öffnung um 9.00 Uhr füllt sich die Treppe zur Gemeinschaftspraxis. Rund 20 Patientinnen und Patienten warten, die meisten mit dem Blick auf ihre Smartphones. Als die Tür aufgeht, reißt die Schlange am Tresen stundenlang kaum ab. Das Praxisteam hat gut zu tun, zumal auch das Telefon klingelt und E-Mails mit akuten Terminwünschen reinkommen.

Diese oft stressigen Situationen prägen den Arbeitsalltag der beiden Hausärztinnen, ihres Arztkollegen und der sieben weiteren Beschäftigten in dieser Berliner Gemeinschaftspraxis. Wird sich die Situation demnächst mal entspannen, oder ist eher mit einer Verschärfung zu rechnen?

Im Augenblick stecken die Ärztinnen und Ärzte zwischen den Folgen der Krankenkassenreform, die der Bundestag kürzlich beschloss, und dem nächsten großen Vorhaben: Bald sollen die Praxen zur obligatorisch ersten Anlaufstelle für die meisten Gesundheitsprobleme werden. „Primärversorgungssystem“ wird das genannt. Hinzu kommen die geplanten Änderungen bei der Krankschreibung: Beschäftigte sollen grundsätzlich wieder ab dem ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen müssen, was den Praxen zusätzliche Arbeit bescheren dürfte. Ein echter Aufreger – und eine Aufgabe für den neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU), der jetzt auf Vorgängerin Nina Warken folgt.

Die jüngsten Beschlüsse bewirken das genaue Gegenteil von schnelleren Terminen

Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Im bundesweiten Durchschnitt betreut jeder Hausarzt heute etwa 15 Behandlungsfälle pro Tag. Die tatsächliche Zahl der Patientenkontakte kann jedoch deutlich höher liegen, weil viele Menschen eine Praxis mehrmals im Quartal aufsuchen. Und es existieren große Unterschiede – zwischen Dörfern und Großstädten, von Winter zu Sommer. So behandelt die Berliner Praxis über 100 Leute an einem normalen Wochentag. Anders als bei Fachärztinnen und Fachärzten bekommen die Kranken relativ schnell Termine. „Nur 25 Prozent der Patientinnen und Patienten warten aktuell länger als drei Tage“, heißt es beim Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Ein Viertel der Patienten suche die Hausarztpraxen ohne Termin direkt auf.

Sparmaßnahmen könnten Situation verschärfen

Ist durch die jüngste Reform, die die Kosten der Krankenkassen verringern soll, nun eine Verbesserung oder Verschlechterung zu erwarten? „Die Regierung unternimmt momentan alles, um die Wartezeiten für Patientinnen und Patienten in die Höhe zu treiben“, sagt Markus Blumenthal-Beier, der Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht es ähnlich. „Die jüngsten Beschlüsse bewirken das genaue Gegenteil von schnelleren Terminen“, erklärt Pressesprecher Roland Stahl, denn „das Gesetz sieht erhebliche Einsparungen in der ambulanten Versorgung vor: 2,7 Milliarden Euro sollen im nächsten Jahr gekürzt werden“.

Ex-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat in ihren Gesetzentwurf aufgenommen, dass die Krankenkassen den Praxen für manche Leistungen bald weniger Geld zahlen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung betrifft das „zum Beispiel ambulante Operationen, Untersuchungen zur Früherkennung und Impfungen“. Während die Praxen heute die kompletten Kosten einer Grippeimpfung von 10,80 Euro erstattet bekämen, erhielten sie künftig weniger. Sie blieben damit auf einem Teil der Kosten sitzen, sagen die Ärztevertretungen.

Und dies werde dazu führen, dass die Medizinerinnen und Mediziner auch bei ihrem Personal sparten. Frei werdende Stellen von Sprechstundenhilfen und Ärztinnen würden nicht neu besetzt. Mancher ältere Praxisinhaber werde wohl auch die Konsequenz ziehen und seine Tätigkeit früher als beabsichtigt aufgeben. Junge Doktorinnen und Doktoren halte die Reform außerdem davon ab, eine Praxis zu übernehmen oder zu eröffnen. „Letztlich bedeutet das Spargesetz weniger Termine und weniger Leistungen für die Patientinnen und Patienten“, erklärt Stahl.

Die Begründung der ehemaligen Ministerin sah so aus: „Alleine im Vorjahr sind die Ausgaben für ambulante ärztliche Behandlungen um 7,6 Prozent gestiegen.“ Das sei deutlich mehr als die Entwicklung der Kasseneinnahmen. Beides solle also wieder zusammengebracht werden, sprich: Die Kosten müssten runter. Fragt man das Ministerium, ob wirklich mit weniger Terminen in den Praxen zu rechnen sei, lautet die Antwort, diese seien verpflichtet, das notwendige medizinische Angebot aufrechtzuerhalten.

Erstberatung möglichst digital

Und nach der Reform ist vor der Reform. Im Spätsommer oder Frühherbst 2026 soll der Gesetzentwurf für das Primärversorgungssystem vorliegen. Geplant ist, gesetzlich Versicherte künftig zu verpflichten, bei Infekten, Krankheiten oder Schmerzen zuerst die Hausärztin aufzusuchen. Bei Grippe, hartnäckigem Husten oder leichten Verletzungen tun das viele ohnehin, doch bisher steht es jedem frei, direkt eine Fachpraxis zu wählen. Das führt oft zu unnötigen oder doppelten Behandlungen – und treibt die Kosten im Gesundheitssystem in die Höhe.

Künftig sollen die Hausärzte dagegen als obligatorische Lotsen fungieren, die den Weg zu den richtigen Fachpraxen weisen, falls sie die Behandlung nicht selbst leisten können. Damit sie mit der Mehrarbeit zurechtkommen, soll die Erstberatung möglichst digital stattfinden, etwa mit Videosprechstunden, die nicht unbedingt die Doktorinnen, sondern auch andere Praxisbeschäftigte abhalten.

Ansätze dieser Verfahren existieren in Gestalt der sogenannten hausarztzentrierten Versorgung schon heute auf freiwilliger Basis. Sie genießen einen guten Ruf. „Ein gut umgesetztes Primärversorgungssystem erleichtert die Versorgung der Patientinnen und Patienten, weil unnötige Doppeluntersuchungen oder Rückfragen zu Behandlungen und Krankheitsgeschichte wegfallen“, sagt Hausärzte-Vertreter Blumenthal-Beier. Allerdings fügt er hinzu: „Die Vergütung“ der Praxen „muss diese Versorgungsstruktur gerecht und fair abbilden“.

Einerseits Kürzung der Praxenhonorare plus Gefahr eines Terminstaus, andererseits Mehrarbeit durch das Primärversorgungssystem? Dieser Widerspruch scheint momentan schwer aufzulösen zu sein. Und durch die geplante Krankschreibung ab dem ersten Tag muss Minister-Novize Linnemann ein Problem bewältigen, dass den Konflikt noch verschärft. „Nach unseren Berechnungen würde das 36 Millionen zusätzliche Praxisbesuche pro Jahr bedeuten, vor allem bei den Hausärzten“, warnt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Vereinigung.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare