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Schwulenverband der Union zum Fall Spahn„Die Debatte ist nicht nur schwarz und weiß“

Sönke Siegmann, der Vorsitzende des Verbands der Lesben und Schwulen in der Union, fordert eine Diskussion über altruistische Leihmutterschaft.

Cem-Odos Güler

Interview von

Cem-Odos Güler

taz: Jens Spahn ist als Unionsfraktionsvorsitzender zurückgetreten, weil er über eine Leihmutterschaft Vater geworden ist. War dieser Schritt notwendig?

Sönke Siegmann: Ja, letztlich war es konsequent. Er war politisch gegen Leihmutterschaften, hat sich privat aber anders entschieden. Das kann ich menschlich verstehen, politisch ist es falsch.

Im Interview: Sönke Siegmann

Jahrgang 1977, Vorsitzender des Verbands der Lesben und Schwulen in der Union. Er vertritt die CDU im Kreistag von Osnabrück und arbeitet als kaufmännischer Angestellter.

taz: Was hätte er anders machen müssen?

Siegmann: Ich hätte erwartet, dass er spätestens dann, als die CDU im Februar auf ihrem Bundesparteitag über Leihmutterschaft diskutiert hat, aufgestanden wäre und seine geänderte Meinung eingebracht hätte. Er hätte sagen können, dass es zu diesem Thema unterschiedliche Sichtweisen geben kann und dass sich bei ihm da etwas verändert hat. Das hat er nicht getan.

taz: Spahn hat seinen Rücktritt vor allem so dargestellt, als ginge es ihm um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und nicht um Doppelstandards. Finden Sie es richtig, dass er sein Bundestagsmandat behält?

Siegmann: Einen Rücktritt muss jeder mit sich selber vereinbaren. Es gibt keine perfekten Menschen, perfekte Politiker damit auch nicht. Das ist seine Entscheidung. Mir steht es nicht zu, das zu beurteilen.

taz: Wie stehen Sie zur Liberalisierung der Leihmutterschaft?

Siegmann: Die kommerzielle Leihmutterschaft ist für mich und die LSU insgesamt ausgeschlossen, das steht so auch in unserem Grundsatzprogramm. Daran ist erst einmal nicht zu rütteln. Aber wir müssen einen Weg finden, uns mit allen Lebensrealitäten zu beschäftigen.

taz: Was meinen Sie damit?

Siegmann: Wenn ein Paar, egal ob gleichgeschlechtlich oder nicht, eine Freundin hat, die sagt: Ich habe euch lieb und ich freue mich, wenn ihr ein Kind bekommt, und würde es für euch austragen, warum dann das nicht auch ermöglichen.

taz: Sie befürworten also eine enge Form der sogenannten altruistischen Leihmutterschaft, also das Austragen fremder Kinder ohne eine Aufwandsentschädigung?

Siegmann: Ja. Die Debatte ist nicht nur schwarz und weiß. Über alle Möglichkeiten kann und muss diskutiert werden können – unabhängig vom persönlichen Standpunkt. Das betrifft auch Familienmodelle mit mehreren Eltern.

taz:also etwa, wenn schwule Paare mit einer gemeinsamen Freundin oder einem befreundeten lesbischen Paar Eltern werden wollen …

Siegmann: Genau. Wenn wir politisch erreichen wollen, dass mehr gleichgeschlechtliche Paare Kinder haben, ist auch noch über das Adoptionsrecht zu sprechen. Manche werden mit 70 Bundeskanzler und andere sind mit 36 zu alt für eine Adoption, da muss man auch dringend wieder über die Sache reden.

taz: Wie haben Sie die Debatte über Leihmutterschaft damals auf dem CDU-Bundesparteitag wahrgenommen?

Siegmann: Der Parteitag hat ja nur noch mal bestätigt, was ohnehin schon der Stand war. Ich würde mir dennoch immer wünschen, dass wir solche Themen weiterhin sachlich diskutieren. Es geht ja nicht nur um Leihmutterschaft; wenn ein lesbisches Paar ein Kind bekommt, muss die nicht gebärende Partnerin immer adoptieren. Ich finde das falsch.

taz: Was schlagen Sie vor?

Siegmann: Das Abstammungsrecht ändern. Eltern sind Eltern, unabhängig davon, welches Geschlecht sie haben und ob Sie verheiratet sind. Ich würde mir wünschen, dass wir darüber diskutieren und die Emotionen etwas herausnehmen. Hier geht es darum, ohne Schaum vor dem Mund über die Sachthemen zu sprechen.

taz: Würden Sie sagen, dass die Vehemenz, mit der die Vorwürfe gegen Jens Spahn vorgetragen wurden, auch etwas mit Homophobie zu tun hatten?

Siegmann: Ich bin mir sicher, dass es noch immer Menschen gibt, die sich da auch von Homophobie treiben lassen. Die grundlegende Kritik hat aber damit nichts zu tun, sondern mit dem politischen Sachverhalt. Man kann nicht das eine sagen, sich selbst dann aber anders verhalten. Man ist dann einfach nicht mehr glaubwürdig, und Glaubwürdigkeit ist das Fundament der politischen Arbeit.

taz: Sie denken, wenn eine Heterofrau so gehandelt hätte wie Jens Spahn, wäre der Aufschrei innerhalb der Union ähnlich groß gewesen?

Siegmann: Wenn sie in gleicher Position gestanden hätte, ja.

taz: Ihr Verband bekennt sich zum christlichen Menschenbild und auch zur Bewahrung der Schöpfung. Steht das nicht im Widerspruch zu Leihmutterschaft und Ihrem Aktivismus insgesamt?

Siegmann: Nein. Die Mehrheit dieses Verbandes, den ich repräsentiere, spricht sich deutlich gegen kommerzielle Leihmutterschaften aus. Aber mir geht es darum, das Thema in allen Facetten ehrlich zu diskutieren. Da, wo Menschen zusammenleben, sich lieben und in gemeinsamer Verantwortung handeln, können Entscheidungen nicht gegen das christliche Menschenbild sein. So sehe ich das.

taz: Gibt es in der Union noch Vorbehalte gegen Schwule, Lesben, trans und intersexuelle Menschen?

Siegmann: Selbstverständlich. Vorbehalte gibt es doch in allen Teilen der Gesellschaft. Nur Aufklärung ist die Lösung – unter anderem darum gibt es ja regelmäßig CSDs im Land. Denn da geht man doch nicht hin, weil es so nett ist oder weil man da Party machen kann. Wir gehen dahin, damit wir sichtbar sind, unsere politischen Forderungen hörbar werden und wir weiter diese Vorbehalte abbauen.

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3 Kommentare

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  • "Ich habe euch lieb und ich freue mich, wenn ihr ein Kind bekommt, und würde es für euch austragen ... "



    Einverstanden, aber nur, wenn diese Frau auch zu diesem Kind steht, d.h. zur Mutterschaft. Ansonsten stellt sie doch nur wieder ihre Gebärmutter zur Verfügung.

    • @Il_Leopardo:

      Lnd wie will man dann ausschließen, daß diese vermeintlich altruistische Luebe nicht mit monetären Zuwendungen gefördert wurde?

      • @Don Geraldo:

        "Zur Mutterschaft stehen" heißt für mich, dass sie sich die Elternschaft mit dem Mann, den Männern teilt. Und dafür müssen ihr selbstverständlich Geldmittel zur Verfügung gestellt werden - wie jeder Mutter.