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Wehrplicht in Deutschland Zwangsdienst ist nie gut, auch nicht für eine gute Sache

Pascal Beucker

Kommentar von

Pascal Beucker

Junge Leute erhalten nach dem 18. Geburtstag einen Fragebogen von der Bundeswehr. Das ist noch nicht zu schlimm – aber wie lange bleibt das so?

E igentlich sollte man Karin Prien danken. Wenn die christdemokratische Familienministerin jetzt verkündet, dass sich ihr Ressort intensiv mit der Reaktivierung des Zivildienstes beschäftigt, ist das zunächst erfreulich. Nein, das gilt nicht für den Vorgang an sich. Menschen – in diesem Fall junge Männer – brauchen keine Zwangsdienste, auch nicht für eine gute Sache. Aber es ist gut, dass Prien diejenigen, die davon betroffen sein könnten, daran erinnert, dass die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht noch nicht zu den Akten gelegt ist.

Es herrscht eine trügerische Ruhe

Seit das Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes am 1. Januar 2026 in Kraft trat, herrscht eine trügerische Ruhe. Denn es hätte ja schlimmer kommen können. Dass junge Leute nun nach dem 18. Geburtstag einen Fragebogen von der Bundeswehr zugeschickt bekommen, ist noch nichts, was auf die Barrikaden treibt. Aber wie lange bleibt das so?

Die schwarz-rote Regierung plant, die Zahl der aktiven Sol­da­t:in­nen bis 2035 von derzeit rund 185.200 schrittweise auf bis zu 270.000 anzuheben. Hinzukommen sollen mindestens 200.000 Reservist:innen. Nach monatelangem Streit hatten Union und SPD im Herbst 2025 beschlossen, dass diese Personalsteigerung zunächst durch Freiwilligkeit und höhere Anreize realisiert werden soll. Gelinge das nicht, solle eine „Bedarfswehrpflicht“ her. So steht es im Gesetz – und das ist der Knackpunkt.

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Schieben bis zur nächsten Legislaturperiode

Von den angeschriebenen Jungs haben laut Bundeswehr bisher rund 96 Prozent geantwortet – kein Wunder, denn sonst drohen 250 Euro Bußgeld. Bei den jungen Frauen, denen kein Bußgeld droht, liegt der Rücklauf bei 4 Prozent. In beiden Gruppen haben etwa 20 Prozent Interesse an einem Wehrdienst. Die Gefahr, dass das Comeback der Wehrpflicht nur in die nächste Legislaturperiode verschoben worden ist, ist groß.

Sowohl die Union als auch relevante Teile der SPD gehen davon aus, dass das Thema dann wieder oben auf der Tagesordnung steht. Wer aber wieder einen verpflichtenden Militärdienst einführen will, muss auch den Zivildienst reaktivieren – zur Abschreckung, damit nicht zu viele auf dumme Gedanken kommen. Das ist der unerfreuliche Hintergrund von Priens Plänen.

Als eine Lehre aus der militaristischen deutschen Vergangenheit bekam das Recht auf Kriegsdienstverweigerung 1949 einen zentralen Platz im Grundgesetz. Doch dieses Jahr feiert die Bundesrepublik ein zweifelhaftes Jubiläum: Im Juli 1956 verabschiedete der Bundestag – gegen die Stimmen der SPD – die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer. Damit wurde gleichzeitig das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zu einem Ausnahmerecht herabgestuft, das beantragt werden muss, an die Ableistung eines „Ersatzdienstes“ gekoppelt ist und auch von staatlichen Stellen abgelehnt werden kann. Diese Kopplung an die Wehrpflicht ist der grundsätzliche Konstruktionsfehler des Zivildienstes.

Als mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 auch der Zivildienst seine Existenzberechtigung verlor, wurde er durch den auch für Frauen offenen Bundesfreiwilligendienst ersetzt. Das war keine schlechte Idee – wenn sie denn bloß ernst gemeint gewesen wäre. Die Regierung wollte so demonstrieren, dass sie weiterhin das Engagement in sozialen, kulturellen, ökologischen oder anderen gemeinwohlorientierten Einrichtungen unterstützt.

Freiwilligendienst für alle, die es sich leisten können

Nur kosten sollte es nicht zu viel. Daher gibt es viel zu wenige Plätze. Nur ein Bruchteil der Interessierten bekommt überhaupt einen Platz. Dabei gibt es dafür nur ein „Taschengeld“ von maximal 676 Euro monatlich. Das dürfte ein Grund sein, warum er vor allem jungen Menschen aus finanziell besser ausgestatteten Elternhäusern attraktiv erscheint.

Für einen Zivildienst würde es das Geld nicht aus karitativen, sondern aus militärischen Gründen geben. Da gäbe es dann wieder einen Sold, also mehr als ein Taschengeld. Aber der Weg ist trotzdem falsch. Wie die Rückkehr zur Wehrpflicht wäre auch ein damit verbundener verpflichtender Zivildienst ein nicht ausreichend begründeter erheblicher Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung junger Menschen. Die Regierung sollte lieber gesellschaftliches Engagement wesentlich stärker fördern. Dazu würde ein massiver Ausbau des Bundesfreiwilligendienstes gehören – und mehr Geld für diejenigen, die sich dafür entscheiden.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Pascal Beucker

Pascal Beucker Inlandsredakteur

Jahrgang 1966. Arbeitet seit 2014 als Redakteur im Inlandsressort und gehört dem Parlamentsbüro der taz an. Zuvor fünfzehn Jahre taz-Korrespondent in Nordrhein-Westfalen. Seit 2018 im Vorstand der taz-Genossenschaft. Sein neues Buch "Pazifismus - ein Irrweg?" ist Mitte vergangenen Jahres im Kohlhammer Verlag erschienen.
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11 Kommentare

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  • Kommen Tier

    Es gibt ja auch den "gewaltlosen Widerstand" als Alternative zur Armee: Wenn eine andere Armee einmarschieren will, setzen sich alle auf die Straße und singen "Give Peace a Chance."

  • Jeff

    Wenn ich schon "Zwangsdienst" höre geht mir der Hut hoch. Was geändert werden sollte, ist, dass ein Zivil- oder Wehrdienst einfach per Kreuzchen ausgewählt werden kann. Kein Verweigern, einfach eine Wahl.



    Klar, muss man an tiefer liegende Gesetze dran, aber in anderen Ländern gibt es das auch.



    Ich kenne tatsächlich keinen Ex-Zivi oder Ex-FSJlerin, die die Zeit nicht insgesamt für eine gute Erfahrung hielten. Die einzigen, die immer über ihre Zeit mecker waren Bundis.



    Ich werde meinen Kindern Zivi/FSJ empfehlen. Pflicht, oder nicht. Und der Gesellschaft hilfts auch.



    Sucherlich gibt es auch Ausnahmen, und manches ist auch vom Aufgabenbereich zu heftig, aber daran kann man ja arbeiten.



    1 Jahr für die Gesellschaft Sozial oder Militär. Einfach ankreuzen.

  • TheDigit

    Wenn ich micht richtig erinnere, war der Zivi-Sold Mitte der 1990er Jahre 13,70 DM am Tag, mehr als ein Taschengeld war das auch nicht...

  • Bluewater

    Der Wehrsold in der Grundausbildung Mitte der 90iger lag bei 405 Mark. Danach bei 450 Mark. Inflationsbereinigt circa 350 € heute. Verpflegung, Unterkunft, Heilfürsorge umsonst. Dafür sehr feste Arbeitszeiten, kaum Einfluss auf die Verwendung, Kasernierung. Befehl und Gehorsam, Druck, Drall, Geschwindigkeit. Verglichen damit ist ein Taschengeld von 676 €, plus mögliche Zuschüsse (max. 345 € Verpflegung und 285 € Unterkunft, Sozialversicherung über die Einsatzstelle) schon nicht wenig. Im Ehrenamt gibbet nichts, man bringt eher noch Geld mit. Zum Beispiel das eigene Benzin um überhaupt zur Unterkunft zu kommen und nebenbei weitere Helfer einzusammeln. Von den Behörden bekommt man nix, außer einen Tritt in den Hintern, wenn man nach einer Ersatzbeschaffung für den 30 Jahre alten Mannschaftstransporter oder die 40 Jahre alte Feldküche fragt. KatSchutz in Deutschland läuft weitgehend über ehrenamtliche Helfer, die in Einheiten dienen, die sich selbst finanzieren, die Ausrüstung und Ausbildung selber bezahlen und eigene Fahrzeuge und Material mitbringen. Aber hey, die Buftis sind unterbezahlt. Gottkaiser Merz, eile er zur Hilfe!

  • Wolfgang Knura

    ...stimme voll und ganz mit einer Ausnahe zu: "...dann gibt es wenigstens einen Sold und kein Taschengeld": Ist lange her aber 1988 waren es 13 DM Sold am Tag + maximal 10 DM Essensgeld, bei Vollverpflegung gab es nix. Wenn das in ähnlichem Niveau kommen sollte, dann wird der Zivildienst so attraktiv, dass man zu einer Vollweigerung raten müsste.

  • Astrid Sehnefeld

    "Zwangsdienst ist nie gut, auch nicht für eine gute Sache"



    Gilt das auch für Gasheizungen, die perspektivisch verboten werden sollen?



    Gilt das auch für Verbrenner, die in naher Zukunft verboten werden sollen?



    Gilt das auch für Inlandsflüge? Gilt das auch für ein Tempolimit? Gilt das auch für höhere Fleischpreise für mehr Tierwohl? Gilt das auch für...



    Was auf der Welt funktioniert denn ohne Zwang?



    Steuern, Gesetze, Schulpflicht - alles Zwang.



    Zwang ordnet die Welt. Zwang ordnet jede Gesellschaft. Ohne Zwang würde Anarchie herrschen. Anarchie hört sich romantisiert nach der absoluten Freiheit an, der menschliche Egoismus gepaart mit Gier macht sie aber zum Alptraum



    Mir ist vollkommen klar, dass die Wehrpflicht in linken Kreisen ein maximales Triggerthema ist, so wie rechts die ÖRR-Gebühren.



    Der finale Rat im Artikel, "Die Regierung sollte lieber gesellschaftliches Engagement wesentlich stärker fördern" ist aber ein wohlfeiles Argument. Es dürfte auch dem Autor nicht entgangen sein, dass Ehrenamt nicht mehr im Trend liegt. Das ICH dominiert diese Epoche.



    Finden sie heute mal ehrenamtliche Trainer, Kassenwart, etc für Vereine.



    Der Zwang ist nötig, da die Freiwilligkeit nicht ausreicht

    • Il_Leopardo

      @Astrid Sehnefeld:

      Aufklärung und Einsicht wären natürlich besser - aber ich sehe Ihren Punkt. Warum Frauen aber nicht "zwangsverpflichtet" werden, ist nicht nachzuvollziehen. Sie sind ja auch Teil der Gesellschaft - machen die Hälfte aus.



      Sie als Frau sind da aus dem Schneider und können die Moralkeule schwingen.



      Gut, ich habe mich in jungen Jahren auf meine Weise "entzogen". Heute denke ich, dass es besser wäre, wir hätten ein Berufsheer, also gut ausgebildete Freiwillige, die auch entsprechend gut bezahlt werden.



      Was halten Sie davon?

    • Thomas Westhoff

      @Astrid Sehnefeld:

      Vielen Dank für die Desillusionierung! Es sagt sich immer so leicht, was nicht freiwillig geleistet wird ist abzulehnen und die Lebensplanung der jungen Leute dürfe nicht vergessen werden. Wie wäre es, den Dienst an der Gesellschaft einfach in die eigene Lebensplanung mit aufzunehmen? Die meisten, die heute über ihren Dienst in den 80er und 90er Jahren reden, sehen diesen eher als Bereicherung denn als verschwendete Zeit.

  • Grenzgänger

    Meinen ersten Zivildienstsold bekam ich Anfang Oktober 1980 ausbezahlt - es war nicht mehr als ein Taschengeld und es gab dazu nicht einmal eine Abrechnung vom Träger der Einrichtung. Dafür mussten wir erst auf die Barrikaden. Besser wurde der Sold davon allerdings auch nicht.

  • Philippo1000

    Eine Überschrift macht noch keinen Inhalt.



    Pflicht und Zwang sind übrigens zwei verschiedene Dinge.



    Ein Wehrpflicht würde im Übrigen die Möglichkeit des Ersatzdienstes mit sich bringen.



    Also „Zwang“ zu zwei wählbaren Möglichkeiten?



    Die Freiwilligkeit war übrigens Position der SPD, die das gegenüber der Union durchsetzte.



    Wenn nicht genügend Freiwillige zusammenkommen ist der Wehrdienst die zweite Option.



    Es geht dabei nicht um irgendwelche abstrusen Ideen darüber, dass Deutschland Krieg führen wolle.



    Es sieht eher so aus, als käme der Krieg zu uns.



    Hybride Angriffe sind schon seit längerem ein Problem, die gerade gefundene Drohne und das Überfliegen der Patriot Werft sollte aber auch den Letzten aufwecken, dass es hier um Verteidigung geht .



    Gerne wird auch über „Solidarität“ mit den baltischen Staaten gesprochen.



    Im Ernstfall sollen für die Solidarität aber wohl Andere einstehen.



    Viel wurde in der Vergangenheit auch über Rechte in der Bundeswehr berichtet, ein größerer Pool aus der Gesellschaft würde diesen Bestrebungen entgegen wirken.



    Es ist sinnvoll, wenn Menschen zum Beginn ihres Erwachsenen Lebens einen Dienst für die Gesellschaft machen. Sie werden damit tragender Teil.

  • Il_Leopardo

    Der Artikel ist ein wenig ungenau. Wehrpflichtig sind doch nur junge Männer, die alle den Fragebogen automatisch erhalten. Junge Frauen erhalten diesen doch wohl nur, wenn sie ihn anfordern. Umso verwunderlicher ist es also, wenn nur 4% ihn zurücksandten.



    Ich frag' mal etwas boshaft: Wenn der Wehrdienst ein "erheblicher Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung junger Menschen" ist, warum mutet man ihn dann nur der einen Hälfte der Bevölkerung zu?