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Droge Monkey DustVon einem High zum nächsten jagen

Monkey Dust heißt eine neue Droge, die den Markt erobert. Sie ist billig und macht sehr schnell abhängig. Wie gefährlich sie ist, zeigen die Geschichten von Adele und Yiğit.

Sophie Fichtner

Aus Berlin

Sophie Fichtner

E s ist kurz nach 12 Uhr mittags und Adele hat noch nicht geschlafen. Sie sitzt aufrecht auf einer Bank im Bülow-Eck in Berlin-Schöneberg, ihre Augen sind hinter einer schmalen Sonnenbrille versteckt. Gerade hat sie noch versucht, das High mit Weißwein einzudämmen. Um sie herum löffeln Menschen Cornflakes, andere rollen sich auf den Sofas zusammen und schlafen direkt ein.

Das Kontaktcafé des Drogennotdienstes ist eine erste Anlaufstelle für Menschen aus der offenen Drogenszene in Berlin. Die meisten von ihnen sind obdach- oder wohnungslos. Das Bülow-Eck, ein großer Eckladen mit Küchentresen, Sofas und Tischen, gibt es seit vier Jahren. Seitdem werden Menschen hier beraten, bekommen saubere Spritzen, Pfeifen, Klamotten, eine Dusche und ein warmes Mittagessen.

Aber im vergangenen Jahr habe sich etwas verändert, sagt Julian Diederich. Der Sozialarbeiter, ein junger Mann mit Schnauzer und Tattoos, leitet die Einrichtung. Anfang 2025 hätten sie zum ersten Mal von Monkey Dust gehört, einer neuen Droge, die sich in der Gegend ausgebreitet habe. Im Spätsommer 2025 merkten sie, dass mehr Leute nach Metallpfeifen fragten, mit denen Monkey Dust geraucht wird. Nicht mehr nach Glaspfeifen für Crack. Seitdem „geht es richtig ab“, sagt Diederich. Die Metallpfeifen sind an diesem Tag Ende Mai aus.

Man könnte sagen, dass ist die nächste Droge, die die Szene flutet. So wie Crack vor ein paar Jahren. Man könnte von einem Trend sprechen oder hoffen, dass es vorübergeht. Aber hört man Sozialarbeitenden, Konsumierenden und Wissenschaftler:innen zu, bekommt man den Eindruck, Monkey Dust ist von allem das Extrem: Es ist billiger als Heroin oder Crystal Meth. Es wirkt nach Sekunden. Dann ist das High erst wolkenkratzerhoch. Man will schnell nachlegen, mehr konsumieren, wieder fliegen, von einem High zum nächsten jagen. Aber noch während des Rauschs, spätestens wenn er nachlässt, kommen die Wahnvorstellungen.

Julian Diederich sagt, der körperliche Verfall seiner Klienten sei auffällig. Weil alle Grundbedürfnisse im Rausch ignoriert würden – essen, trinken, schlafen. Viele seien durch Monkey Dust drei, vier Tage lang wach.

Adele, die selbst nicht schlafen kann, sagt, auf der Straße geht es nur noch um drei Ps: „Puff, Polizei und Paranoia.“ Puff, so nennt man den nächsten Zug Monkey Dust. Danach vermutet man überall die Polizei. Die Paranoia breitet sich aus.

Ein junger Mann, der in einem Zelt vor einem Biosupermarkt wohnt, sagt: „Boah, nee, geh mir weg mit der Scheiße.“ Crack sei ja schon so eine Sache, aber Monkey Dust, das sei selbst ihm zu krass. Und der Rauch, der rieche wie altes Sperma, „echt ranzig“.

Was ist also Monkey Dust? Und was macht es mit den Menschen, die es konsumieren?

Monkey Dust gehört zu den synthetischen Cathinonen, die auch als „Badesalz“ oder neue psychoaktive Stoffe bekannt sind. Sie werden komplett künstlich im Labor hergestellt, aber ihre Struktur bildet den natürlichen Wirkstoff der Khatpflanze nach, das Cathinon. Monkey Dust wirkt stark euphorisierend, es putscht auf, ähnlich wie Kokain oder Amphetamine. Und es fördert die sexuelle Lust. Deshalb ist die Substanz in der Chemsexszene verbreitet, was für Sex unter Drogeneinfluss steht.

Eine gut gefüllte Pfeife "Monkey" (so die Kurzform) kostet auf der Straße 10 Euro. Weil der feine Staub – Dust – in der Regel geraucht wird, wirkt die Substanz sofort nach dem Inhalieren. Zwanzig, dreißig Minuten hält das erste High. Dann wird man „affig“, wie Kosument:innen sagen. Sie meinen damit den wilden, unberechenbaren Zustand, in den die Droge sie versetzt. Aber auch die Entzugserscheinungen, die schnell einsetzen und einen dazu bringen, noch eine Pfeife zu rauchen.

Wenn Adele vom Monkey-Rausch erzählt, werden ihre Augen groß vor Begeisterung, „das High ist sooo gut“, sagt sie auf Englisch. Neben ihr sitzt Yiğit, der an einem Becher Krümeltee nippt. Beide kennen sich mit Monkey aus, aber wollen bei diesem Thema nur mit ihrem Vornamen in der Zeitung stehen – wie die anderen Menschen, die in diesem Text über ihren Konsum sprechen.

Die beiden wohnen in einer Unterkunft des Drogennotdienstes und hängen häufig im Bülow-Eck rum. Adele sagt, sie könne niemals nüchtern bleiben. Zu sehr genießt sie den Rausch. Yiğit nickt, er kann nachvollziehen, was sie beschreibt; er kam über die Chemsexszene zur Droge. Aber Yiğit ist seit sieben Monaten clean, weil er nach wenigen Wochen Monkey-Konsum am Ende war.

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Yiğit ist 37, ein kleinerer Mann mit viel Bart und Nasenring, Typ Hipster. Seine Stimme ist sanft, aber er springt schnell von einem Ereignis zum nächsten, wenn er von den vergangenen Jahren erzählt. Yiğit ist schwul. Für seinen Mann zieht er 2018 nach Berlin und beginnt gerne feiern zu gehen. „Die Schwulenszene und Drogen liegen nicht weit auseinander“, sagt Yiğit. Man treffe sich auf Partys, Substanzen wie GBL, Crystal Meth oder Monkey Dust würden angeboten wie anderswo Zigaretten. Im Rausch hat man dann Sex. Aber viel enthemmter und länger als im nüchternen Zustand.

Acht Jahre lang konsumiert Yiğit Crystal Meth, bei einem Date reicht ihm dann jemand eine Pfeife mit Monkey Dust. Er habe davon schon mal gehört gehabt, sagt er. Was Monkey genau ist, weiß er damals aber nicht. Drogenkonsum sei in der Szene so natürlich, dass man nicht hinterfrage, ob und was man nimmt, sagt Yiğit. Sex und Drogen gehörten einfach zusammen. Also zieht Yiğit an der Pfeife.

Antonia Bendau ist Psychologin und leitet die Arbeitsgruppe Partydrogen an der Berliner Charité. Mit ihrer Kollegin Twyla Michnevich hat sie dieses Jahr die weltweit erste systematische Befragung von Menschen, die Monkey Dust konsumieren, veröffentlicht.

„Wenn eine Person sagt, sie konsumiert Monkey Dust, ist relativ unklar, was genau sie eigentlich konsumiert“, sagt Bendau und zählt verschiedene Substanzen auf, die alle als Monkey Dust verkauft werden: MDPV, MDPHP, Alpha PHP, Alpha PIHP, Alpha PVP. Die Liste könnte meterlang sein. „Stand jetzt gibt es über 200 verschiedene synthetische Cathinone“, sagt Bendau, „und es werden immer weitere hergestellt.“

Ein großes Risiko liege darin, dass es über diese Substanzgruppe kaum Wissen gebe. Anders ist das zum Beispiel bei Alkohol oder Kokain. Diese Stoffe werden seit Langem konsumiert – und erforscht. „Wir wissen, was passiert, wenn Menschen diese Substanzen über einen längeren Zeitraum konsumieren“, sagt Bendau.

Was sich im Körper verändert etwa oder wie sich die Stoffe auf die Psyche auswirken. Bei synthetischen Cathinonen gebe es dagegen vor allem Fragezeichen. Und: Die über 200 unterschiedlichen Stoffe gehören zwar zur gleichen Substanzgruppe, unterscheiden sich aber teilweise deutlich in ihren Wirkungen und Risiken.

Wie Monkey Dust im Gehirn genau wirkt, wurde bisher nicht erforscht. „Aber erste Befunde aus Zellstudien weisen darauf hin, dass die Effekte auf das Dopaminsystem 50- bis 100-mal stärker sein können als bei Kokain“, sagt die Psychologin. „Das trägt wahrscheinlich auch zum hohen Abhängigkeitsrisiko von Monkey Dust bei.“ Es werde sehr schnell ein Craving nach mehr ausgelöst. Hirn und Körper teilen einem mit: Das will ich noch mal.

Gegen Ende der Nullerjahre tauchte Monkey Dust schon einmal in Großbritannien auf – blieb aber sehr nischig. Während der Coronapandemie verbreitete sich die Substanz dann spürbar. 2023 stiegen zum Beispiel die Suchanfragen zu Monkey Dust bei Google sichtbar an, erzählt Bendau.

Durch die Pandemie konnten Drogen schwieriger um die Welt geschifft werden und Substanzen, die in Südamerika oder Asien produziert werden, wurden in Europa knapp. Diese Engpässe wurden vermutlich von synthetischen Cathinonen bedient, weil sich die chemischen Substanzen in Laboren in Europa herstellen lassen.

Außerdem seien die neuen Substanzen in Nachbarländern teilweise noch nicht verboten gewesen, sagt Antonia Bendau. Die Hersteller nutzten einen Trick. Synthetische Cathinone haben zahlreiche chemische Varianten. Wurde eine Substanz gesetzlich verboten, veränderten die Hersteller in den Laboren eine Molekülstruktur und die neu entstandene Substanz war legal. Auch dieser Faktor begünstigte die Verbreitung von Monkey Dust.

Deutschland reagierte auf dieses Problem schon 2016 mit dem Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz. Dadurch können nicht nur einzelne Substanzen verboten werden, sondern gleich ganze Wirkstoffgruppen – auch wenn die Molekülstruktur also verändert wird, bleibt die Substanz illegal.

Die Pandemie markiert auch für Yiğit einen Wendepunkt. Bis dahin hat er ein gewöhnliches Leben: Er wächst in der Türkei auf, studiert Dolmetschen – Türkisch–Englisch, Englisch–Türkisch. Nebenbei arbeitet er als Flugbegleiter und verdient gutes Geld. Er entscheidet sich, lieber mehr zu arbeiten, als zu studieren. Acht Jahre lang fliegt er, wird zum jüngsten Kabinenchef seiner Airline. Bis er mit 27 auf einem Wochenendtrip einen Mann kennenlernt. Einen Deutschen. Yiğit zieht für ihn nach Berlin, die beiden heiraten.

Drei Jahre nach der Hochzeit geht die Beziehung kaputt. Zeitgleich zur Coronapandemie. Yiğit, der bis dahin ab und zu Drogen konsumiert hat, hat mit einem Schlag keinen Partner mehr, keinen Alltag, die Menschen schotten sich ab. Er sitzt alleine in seiner Wohnung. Um Geld zu verdienen, sittet er Hunde und Katzen. Der Spätibesitzer, bei dem er Tabak kauft, ist der einzige Mensch, den er sieht. Yiğit verkriecht sich im Drogenrausch. Er geht auf Sexdates und nimmt Crystal Meth. Eigentlich hatte er sich versprochen, Crystal niemals zu injizieren. Bald macht er es doch, dann immer häufiger. Er habe keine gute Impulskontrolle, sagt Yiğit.

Yiğit wird immer depressiver, er liegt tagelang im Bett, öffnet keine Briefe, zahlt keine Rechnungen. So bemerkt er die Mahnungen nicht, die sich in seinem Briefkasten häufen. Im Sommer 2024 steht plötzlich ein Räumungsteam vor seiner Tür. Er hat 30 Minuten, um seine Sachen zu packen, erzählt er. Dann verliert Yiğit seine Wohnung.

Zwischenzeitlich kommt er bei seinem Ex-Mann unter oder zieht durch die Notunterkünfte der Stadt. Mehrmals die Woche konsumiert er mittlerweile Crystal, bis er Suizidgedanken bekommt. Er rettet sich in eine Klinik und nimmt für ein halbes Jahr keine Drogen. Dann geht er auf das Date, bei dem ihm eine Pfeife mit Monkey Dust gereicht wird.

Im Bülow-Eck erzählen einem die Klienten immer wieder, dass sie früher Heroin, Crack oder Crystal konsumiert haben, aber jetzt Monkey Dust rauchen. Da ist zum Beispiel Tomasz, er wartet draußen in der Sonne, bis er duschen kann. Er lebt auf der Straße, die Haut in seiner Armbeuge hat Dellen vom früheren Spritzen. Sechs Jahre lang habe er Heroin genommen, sagt Tomasz. Jetzt rauche er Monkey. Er müsse wach bleiben, brauche die Energie, sagt er. Monkey Dust sei billiger, deshalb nehme er es.

An einem Tag im Juni packen die Streetworker:innen in der Vorratskammer ihre Rucksäcke für die Kiezrunde. Feuchttücher (sehr beliebt), Feuerzeugbenzin (fast noch beliebter), frische Spritzen, Pfeifen, ein paar T-Shirts, Desinfektionsmittel, Verbandszeug, Wasser, Kekse (nicht so beliebt). Die drei laufen los, um auch Leute zu erreichen, die nicht zu ihnen ins Bülow-Eck kommen.

Im Bülowkiez kommt Monkey Dust besonders gut an. Es gibt die Gayszene, die eng mit der Chemsexszene verknüpft ist. Und hier liegt die Kurfürstenstraße, Berlins ältester Straßenstrich. Monkey Dust mache die Arbeit für viele der Frauen hier erträglicher, sagt einer der Streetworker. Weil die Substanz eben nicht nur euphorisch mache, sondern auch horny.

Nach wenigen Häuserblöcken ruft den Streetworker:innen eine Frau hinterher, sie hat sie schon aus der Ferne gesehen. Mit einer Decke um die Hüfte gewickelt und mehreren Tüten in den Händen kommt Victoria angelaufen, eine kleine, dünne Frau, ihr Alter ist unschätzbar, vielleicht 35, vielleicht ist sie aber auch Ende 40. Sie brauche eine Hose, sagt sie, aber eine lange wegen des offenen Beins. Victoria lässt sich auf eine Stufe vor einem leeren Laden fallen und beginnt eilig, ihre Feuerzeugsammlung aufzufüllen.

Das Gas zischt beim Umfüllen. Sie öffnet ihre Lippen, sodass man die Kugel Heroin sieht, die zwischen ihren Eckzähnen steckt. „Falls die Polizei kommt, dann schlucke ich es runter“, sagt sie und grinst. Den Stoff hat sie gerade gekauft, so wie den kleinen Papierumschlag, den sie mit ihrer Hand umschlossen hält. Wie ein Häufchen hellbraune Kreide sieht das Monkey darin aus. „Früher habe ich fünf Kugeln Heroin am Tag genommen“, sagt Victoria, „jetzt nur noch eine.“ Stattdessen raucht sie nun Monkey.

Dass synthetische Cathinone wieder verschwinden, ist unwahrscheinlich

Antonia Bendau, Charité-Forscherin

Christiane, enges weißes T-Shirt, rot gefärbte Haare, eine der alteingesessenen Sexarbeiter:innen hier, sitzt neben Victoria auf der Stufe und wartet auf den nächsten Freier. Aus ihrer Handtasche zieht sie eine Unterhose hervor. „Die ist ganz neu“, sie drückt sie Victoria in die Hand. Christiane selbst nimmt keine Drogen, „zum Glück“, sagt sie, aber viele der Frauen hier würden Monkey konsumieren. Bei manchen sei der Suchtdruck so groß, dass sie ihre Dienstleistungen sehr billig anbieten würden.

In anderen Stadtteilen Berlins scheint Monkey Dust bislang weniger verbreitet zu sein. In Göttingen gibt es seit einigen Jahren eine Flexszene, wie die Substanz dort genannt wird. Vermutlich verbreitete sich die Droge dort, weil andere Substanzen kurzfristig nicht verfügbar waren, sagt Antonia Bendau, die Forscherin von der Charité.

Ob das anderen Städten auch bevorsteht? Prognosen seien immer schwierig, sagt Bendau, aber „dass synthetische Cathinone wieder ganz verschwinden, ist unwahrscheinlich“. Manchmal kommen Menschen auch ungewollt mit starken synthetischen Cathinonen in Berührung. Im Drugchecking – dem Drogentest, den Beratungsstellen inzwischen anbieten – wird aktuell immer wieder NEP gefunden, ein weiteres starkes synthetisches Cathinon, das der Partydroge Mephedron beigemischt wird.

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Wilder, animalischer Sex

In Chatgruppen auf Signal und Telegram, in denen Substanzen verkauft werden, wird mittlerweile neben sämtlichen Partydrogen auch Monkey Dust angeboten. Jeden Tag wird das Angebot geteilt. An erster Stelle der Liste steht Monkey Dust, daneben ein Affen-Emoji. Drei Gramm kosten 75 Euro. Darunter werden Mephedron, Ketamin, Kokain, MDMA und verschiedene Sorten Gras angeboten.

Auf den Stufen vor dem leeren Laden bröselt Victoria ein paar Krümel in ihre Pfeife und zündet sie an. „Bäääähh, Natron“, Victoria springt auf, „das ist gestreckt, scheiße.“ Sie läuft los, um die Ecke, die eben gekaufte Ware reklamieren. Ihre Tüten lässt sie bei Christiane stehen.

Ein paar Straßen südlich liegt die Tageswerkstatt des Drogennotdienstes auf einem kleinen Industriegelände. Die Luft an diesem Sommertag ist drückend, im Essensraum hängt der Geruch von Käse-Lauch-Suppe mit Hack. Zum Nachtisch gibt es Kuchen mit Johannisbeeren aus dem Garten der Einrichtung. Yiğit isst schnell, heute Vormittag war er mit einer Gruppe in der Gegend Müll sammeln.

Suchtkranke Menschen können in der Tageswerkstatt aus verschiedenen Angeboten auswählen, werken oder nähen, Körbe flechten oder eben im Kiez kehren und so einen Tagesrhythmus entwickeln, der nichts mit Drogen zu tun hat. Im Flur hängt eine Anmeldeliste für das nächste Spiel-Event. Fast alle Zeilen sind noch frei, aber Yiğit hat sich schon eingetragen.

Nach dem Mittagessen setzt sich Yiğit vors Haus in den Schatten und dreht sich eine Zigarette. Ab dem Sexdate im vergangenen Winter rauchte er 25 Tage lang Monkey Dust, erinnert er sich genau. Vorher war er ein halbes Jahr clean, hatte kein Crystal mehr konsumiert, das Monkey hat ihn dann aber sofort im Griff. Seit der Räumung hat Yiğit keine eigene Wohnung mehr, er zieht von einer Notunterkunft zur anderen. Und er geht auf viele Dates, ist ständig high, hat wilden, animalischen Sex. Um körperliche Nähe geht es dabei nicht.

Fast zeitgleich mit dem Monkey-High setzt bei Yiğit die Paranoia ein. Er hört Stimmen, eine jüngere und eine ältere Frau, die über ihn reden, ihn runtermachen. Sie sind da, sobald er aufwacht. Sie folgen ihm den ganzen Tag. Einmal versucht er sie loszuwerden. Als sich die S-Bahn-Türen schließen, springt er im letzten Moment auf den Bahnsteig, damit die Frauen es nicht rechtzeitig raus schaffen und im Zug bleiben. Aber sie verfolgen ihn weiter.

Antonia Bendau von der Charité bestätigt, was Yiğit erlebt hat. Erste Forschungsergebnisse legen nahe, dass Monkey Dust ein relativ hohes Psychoserisiko habe. „Auffällig viele Menschen haben schnell Paranoia, Angstzustände, Panikattacken oder Wahnerleben“, sagt Bendau. Auf Yiğit trifft alles davon zu.

Zuckungen und Muskelkrämpfe

Nach wenigen Tagen, an denen er Monkey Dust konsumiert hat, traut er sich nicht mehr unter Menschen. Wenn er einkaufen muss, geht er um drei Uhr nachts in einen Supermarkt, der immer offen hat, damit er möglichst wenig Leuten begegnet.

Im Bülow-Eck erschwert der Monkey-Dust-Konsum den Alltag der Sozialarbeiter:innen. „Wir kommen nicht so leicht an die Menschen ran“, sagt Julian Diederich, „viele lassen sich nicht ansprechen.“ Die Aggressivität der Klient:innen untereinander habe zugenommen und es gebe mehr Gewalt. Zuletzt seien immer wieder Fensterscheiben vom Bülow-Eck eingeschlagen worden. Das Glas neben der Eingangstür ist noch mit Tape geklebt.

Als die Streetworker:innen von ihrer Runde zurückkommen, ist es seltsam ruhig in dem Eckladen, dabei sind zwanzig Menschen gekommen, die maximale Anzahl. Vor der Tür warten weitere, aber drinnen wird geschlafen. Mit dem Kopf auf dem Tisch, dem Kopf auf den angewinkelten Knien. Vielleicht ist es die totale Erschöpfung nach Tagen ohne Schlaf.

Diederich musste zuletzt öfter den Rettungswagen rufen als sonst, erzählt er, weil manche Menschen sich gar nicht mehr wecken lassen. Sie wollen dann den Laden schließen, aber kriegen die Leute nicht raus. „Man sieht, dass sie atmen, aber auch wenn man an ihnen rüttelt, wachen sie nicht auf", sagt Diederich.

Ein anderes Extrem sind die fliegenden Arme, die Zuckungen und Muskelkrämpfe. Neulich habe ein Klient fünfzehn Minuten lang gekrampft – ungewöhnlich lange, normalerweise seien es nur zwei, drei Minuten. Erst als die Sanitäter:innen eintrafen und ihm intravenös einen Krampflöser gaben, habe er sich entspannt.

Die Einflüsse von Monkey Dust auf den Körper sind zahlreich: erhöhter Puls und Blutdruck oder eine hohe Körpertemperatur, zählt Antonia Bendau von der Charité auf. Bei schweren Überdosierungen seien Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen möglich, der Körper könne überhitzen oder eben krampfen.

Aber viele Nebenwirkungen kämen vermutlich nicht direkt von der Substanz, sondern vom Konsummuster. „Tagelang wach, kaum Essen und Trinken – das allein zehrt den Körper aus und kann Krampfanfälle begünstigen“, sagt Bendau. In ihrer Studie nahmen die Konsument:innen Monkey Dust im Schnitt über einen Zeitraum von 20 Stunden.

Es ist kurz vor Weihnachten 2025, als Yiğit eine schlechte Erfahrung während eines Sexdates macht, wie er erzählt: Nach dem Sex fühlt er sich extrem unwohl, er verlässt die Wohnung direkt. Es ist mitten in der Nacht, er weiß nicht wohin mit sich, er hat kein Zuhause.

Der Rat der Ärztin

Durch Monkey werde man beim Sex willenlos, sagt Yiğit heute. Man tue Dinge, die man sonst nicht machen würde. Er drückt es noch drastischer aus: „Es ist sehr leicht, jemanden zu missbrauchen, wenn er auf Monkey ist.“

Yiğit läuft kilometerweit durch die Straßen, sieht Schatten, wo keine sind. Er durchquert den Tiergarten, bis er bei einer Unterkunft ankommt, die er kennt. Eigentlich ist die Einrichtung längst geschlossen, aber in der Not klingelt Yiğit trotzdem an der Tür.

Eine Mitarbeiterin macht ihm auf, und er darf sich in die Kleiderkammer legen. Yiğits Herz rast, er hat zu viel konsumiert. Er hat das Gefühl, keine Luft zu bekommen, ist dehydriert. Die Schatten, die Stimmen, alles ist zu viel. „Sollen wir einen Rettungswagen rufen?“, fragt die Sozialarbeiterin.

Das ist 25 Tage, nachdem er zum ersten Mal an einer Pfeife Monkey gezogen hat. Der Rettungswagen bringt ihn direkt in eine Entzugsklinik. Hier fühlt er sich sicherer. Yiğit bekommt ein Bett und schläft. Er schläft und schläft und schläft. 20 Stunden am Tag, erzählt er. Das Essen wird ihm ans Bett gebracht, weil er es nicht schafft, aufzustehen. Er liegt einfach nur da. Es ist wie mit einem Laptop, dessen Akku sich tiefenentladen hat. Um aus dem Standby-Modus zu gelangen, muss er einen gewissen Ladezustand erreichen.

Nach zwei Wochen wacht Yiğit auf und fühlt sich plötzlich energetisch. Zum ersten Mal seit wirklich langer Zeit hat er Energie, ohne zuvor Drogen konsumiert zu haben. Er will unbedingt etwas zu tun haben, fragt die Pflegekräfte auf der Station nach Aufgaben. Im Hof sammelt Yiğit Kippenstummel ein. In der Bibliothek sortiert er die Bücher nach Farben. Er geht zur Ergotherapie, zur Musiktherapie. Die Stimmen der zwei Frauen hört er immer seltener. Manchmal sind sie nur noch abends kurz da.

Auf der Bank vor der Tageswerkstatt sagt Yiğit, er hätte nicht gedacht, dass er es schaffe, von Monkey Dust loszukommen. Die Paranoia, sie sei gewaltig. Man könne sich nicht vorstellen, sie jemals zu überwinden. Aber wenn man diese Wand durchbrochen hat, braucht man keine Substitution – das wusste Yiğit vor seinem Entzug nicht. Seit Januar ist er clean.

Als er nach drei Wochen aus der Klinik entlassen wird, läuft er über die Straße Richtung Bülow-Eck. Er sieht den Supermarkt, in dem er nur nachts eingekauft hat, den U-Bahnhof, aus dem Menschen kommen. Aber diesmal fühlt er keine Scham, er will sich nicht verstecken. Er hat keine Angst, dass er verfolgt wird. Er geht einfach so über die Kreuzung. An diesem Gefühl möchte Yiğit festhalten.

Und er denkt häufig an einen Rat, den ihm seine Ärztin vor der Entlassung gegeben hat. Sie habe nicht gesagt, nimm kein Monkey, das ist schlecht für dich, wie es von Ärzt:innen zu erwarten wäre. „Sie sagte, wenn du ausgehst, wenn du Drogen nehmen musst, wenn du dem Suchtdruck nicht mehr standhalten kannst, dann nimm Crystal. Nimm kein Monkey“, erzählt Yiğit. Das aus dem Mund einer Ärztin zu hören, beeindruckt ihn noch immer.

Irgendwann möchte Yiğit wieder daten. Aber er hatte seit acht Jahre keinen Sex mehr, ohne dabei high zu sein. Bevor er jemanden kennenlernt, will er deshalb eine Sache wieder lernen, sagt er: dass Sex nicht gleich Drogen bedeutet.

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