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Tödliche Folgen von Verkehrspolitik Im Zweifel für das Auto

Marie Frank

Kommentar von

Marie Frank

Die Zahl der verletzten und getöteten Kinder im Straßenverkehr steigt. Kein Wunder bei der vorherrschenden menschenverachtenden Auto-Ideologie.

D ie Prioritäten der CDU sind klar gesetzt: im Zweifel für das Auto. Zur Not werden dafür nicht nur Menschenleben, sondern gleich die ganze Zukunft von Mensch und Natur aufs Spiel gesetzt. Das zeigt sich sowohl bei der Frage Menschenleben versus Wirtschaftsverkehr als auch bei jener nach Klimaschutz versus Wirtschaftsverkehr.

So ist laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Kinder unter 15 Jahren, die im Straßenverkehr getötet oder verletzt wurden, im vergangenen Jahr um 7 Prozent auf 29.270 gestiegen. Ein Großteil der Kinder war mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem E-Scooter unterwegs, meist auf dem Schulweg.

Im Schnitt dreimal pro Stunde wird also auf Deutschlands Straßen ein Kind getötet oder verletzt, mehrheitlich durch Autos. Obwohl nachgewiesen ist, dass die Einführung von Tempo 30 innerorts die Zahl der Verkehrstoten und Unfallverletzten um bis zu 30 bis 40 Prozent verringern kann, weigert sich die CDU strikt, diese einfache lebensrettende Maßnahme umzusetzen.

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Warum? Weil fließender Wirtschaftsverkehr wichtig, Auto gleich Freiheit und lebensrettendes Tempolimit gleich „Ideologie“ ist. Was für eine menschenverachtende Ideologie dahintersteckt, dass man ungehindert dahinbretternde (Verbrenner-)Autos wichtiger findet als Menschenleben, sei mal dahingestellt.

Dabei zeigen Studien, dass Tempo 30 neben dem Lärmschutz, der Luftreinhaltung und der Verkehrssicherheit noch einen weiteren Vorteil bietet: einen flüssigeren Verkehrsfluss als beim abrupten Wechselspiel aus Tempo 50 und Abgebremse. Doch derlei Argumente interessieren die CDU wenig, es geht ihr um Kapitalinteressen und nicht um Solidarität. Und Autos verkaufen sich nun einmal besser mit einem Freiheits- als mit einem Ökologieversprechen.

Kapital statt Klima

Dass kurzfristige Kapitalinteressen wichtiger sind als Klimaschutz, zeigt sich auch im Zuge des Niedrigwassers und der damit einhergehenden eingeschränkten Binnenschifffahrt. Statt die Güter auf die Schiene zu bringen und die Schieneninfrastruktur zu stärken, um Engpässe künftig besser aufzufangen, sprach sich der neue CDU-Verkehrsminister Steffen Bilger dafür aus, die Lkw-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen auszusetzen. Was die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und das Saarland auch prompt taten.

Dass man damit „Feuer mit Benzin“ bekämpft, wie Linke-Chef Luigi Pantisano zu Recht kritisiert – geschenkt. Dass die CDU mit ihrer – nicht vorhandenen – Klimapolitik und ihrem Verbrenner-Fetisch selbst dazu beigetragen hat, dass die Flüsse infolge der Klimakrise überhaupt so niedrig sind – egal. Statt die Prioritäten zu verschieben und die Verkehrswende voranzutreiben, werden künftig einfach noch ein paar Flussbetten ausgebaggert, was soll schon passieren. Spoiler: nichts Gutes.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Marie Frank

Marie Frank Redakteurin

Redakteurin bei der taz mit Schwerpunkt soziale Bewegungen, Migration, Klassenkampf und soziale Gerechtigkeit. Hat politische Theorie studiert, ist aber mehr an der Praxis interessiert.
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10 Kommentare

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  • Eugen-Emilio

    Getötet oder verletzt. Eine sehr breite Kategorie, in der die absolute Katastrophe wie ein verstauchtes Knie nebeneinander stehen.

    74 Tote unter 15 Jahren steht in der verlinkten Quelle.

  • Okay

    Es ist die Liebe zum Auto, besonders bei Männern.



    Seit der Frauenbewegung der 1970er-Jahre hat sich tatsächlich einiges auch bei Männern verändert – leider aber nicht ausreichend, was Autos und allerlei laute Hobbygeräte betrifft. Statt mit dem Besen zu kehren, wird eben mal der laute „Bläser“ eingesetzt, der wie ein Lkw kracht.



    Das brauchen Männer, warum auch immer: als eine Art „Penisverlängerung“, um sich stark zu fühlen usw.



    Das Auto ist für viele Männer mehr als ein Spielzeug. Dahinter steckt auch eine mächtige Industrie, an die sich die Politik offenbar kaum herantraut. Die Geschichte mit den zehn Expertinnen in der taz am Wochenende zeigte ebenfalls die weitgehende Einigkeit darüber, dass die Demokratie sich selbst zerlegt, weil kapitalstarke Unternehmen vor allem höhere Dividenden wollen – und nicht unbedingt den Wohlstand der Bevölkerung.



    Also sind wir auf dem Weg, demokratisch in den Spätfaschismus?

  • Kohlrabi

    Immer wieder wird ja die Frage gestellt, warum die vermeintliche frühere linke Deutungshoheit einer rechten gewichen ist. Hier ist ein Mosaikbaustein der Antwort. Politischer Diskurs macht sich an Spaltungen, an Brüchen fest ("cleavages"). Verkehr taugte ursprünglich nicht dazu. Verkehrspolitik ist zu solch einem gespaltenen Feld erst durch die jüngere Kampagne GEGEN das Auto geworden. Indem eine Politik gegen das Auto als links wahrgenommen wird, werden ältere Leute, Pendler und Landbewohner sich eher rechts verorten, auch wenn sie das ursprünglich nicht sind.

    Gewiss sollte der ÖPNV ebenso attraktiviert werden wie Logistik jenseits der Straße. Und in dem Maße wie das gelingt, mag dann der Automobilverkehr allmählich an Bedeutung verlieren und die von ihm derzeit beanspruchten Flächen anders genutzt werden. Eine aggressive, spalterische und kulturkämpferische Attitüde in dem Zusammenhang ist m.E. aber völlig falsch und wird nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen, sondern zu gegenteiligen.

    Und wenn wegen akuter zulieferbedingter Versorgungsengpässe im Supermarkt kein Klopapier mehr ist, dann wird auch die fahrradaffine Szene im Prenzlauer Berg wieder Staatsversagen beklagen.

  • Wombat

    Könnte der Anstieg eventuell damit zusammenhängen das hier alle Kids E-Roller fahren die nun mal saugefährlich sind?

  • fly

    Alles richtig. Mehr 30er Zonen sind notwendig. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass trotz CDU Regierungen die Anzahl der verunfallten Kinder seit 2005 stark zurück gegangen ist. Seit 2015 stagniert der Rückgang (mit Ausnahme der Coronajahre). Kinder verunglücken interessanterweise auch deutlich weniger in der dunklen Jahreszeit (und am dritten Freitag im September, warum auch immer). Es kann nicht nur daran liegen, dass sie dann mit dem Auto gebracht werden, denn 2025 sind ein Drittel aller Kinder im Auto verunglückt.

    • Andreas Flaig

      @fly:

      "Aber zur Wahrheit gehört auch, dass trotz CDU Regierungen die Anzahl der verunfallten Kinder seit 2005 stark zurück gegangen ist" -"Kinder verunglücken interessanterweise auch deutlich weniger in der dunklen Jahreszeit (und am dritten Freitag im September, warum auch immer)"

      Der Artikel kann ohne weiteres mit solchen



      fragwürdigen Kommentaren auskommen.



      Das lenkt auch komplett vom Thema ab.



      Hier ging es um die Autoindustrie, die anscheinend über Kinderleichen stolpert und Kapital statt Klima bevorzugt.

  • DiMa

    "Die Zahl der verletzten und getöteten Kinder im Straßenverkehr steigt. Kein Wunder bei der vorherrschenden menschenverachtenden Auto-Ideologie."

    Diese Aussage ist nur bei Auswahl eines sehr kurzfristig Vergleichszeitraumes zutreffend. Insgesamt - mittel- und langfristig betrachtet - gehen die Unfallzahlen deutlich zurück.

    Allerdings ist die Zahl der getöteten E-Rollerfahrer sehr hoch, angesichts der Tatsache, dass diese erst ab 14 Jahren gefahren werden dürfen. Insoweit sollte das Mindestalter auf 18 Jahre erhöht werden.

  • Ignaz Wrobel

    1. E-Autos verursachen nicht weniger Unfälle als Verbrenner. Da sie i. Vgl. zu Verbrennern aktuell überproportional häufiger im SUV-Format herumfahren, sind sie für Kinder theoretisch sogar gefährlicher.



    2. Wenn heute die Transportkapazität der Binnenschifffahrt ausfällt, können diese Güter nicht warten bis in ein paar Jahren genügend Schienenkapazitäten zur Verfügung stehen.



    3. Die autozentrierte Politik haben, neben den Autokonzernen selbst, nicht nur die CDU,, sondern SPD, FDP und die Gewerschaften zu verantworten.

  • elektrozwerg

    Seit nichtmal 2 Jahren koennen die Kommunen ohne Nachweis einer Gefahrenlage Tempo 30 einfuehren. Und zumindest in meinem Umkreis find man kaum noch Nebenstrassen, auf denen kein Tempo 30 ist. Selbst Hauptstrassen haben immer haeufiger Tempo 30 oder 40.

    Demnach muessten die Verkehrsunfaelle eigentlich deutlich zurueckgehen, denn von einem Zulassungsboom in den letzten 2 Jahren kann man nun wirklich nicht reden. Die PKW-Dichte ist in diesem Zeitraum von 588 auf 593 Autos pro 1.000 Einwohner gestiegen.



    Also entweder haben die Tempolimits nicht das gehalten was man sich von ihnen versprochen hat oder die Gruende liegen ganz woanders. Ich tippe auf letzteres.

    Was das gelockerte LKW-Verbot betrifft: Muessen sich erst die Regale im Supermarkt leeren bis manche verstehen, dass Loesungsansaetze die in Jahren oder Jahrzehnten realisiert werden koennen uns aktuell absolut nichts helfen?

  • Flix

    Als ob die Union irgendwas auf wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse geben würde. Im Zweifel wird das genaue Gegenteil umgesetzt, sei es Klimaschutz, Energie-, Verkehrspolitik oder was auch immer. Diese Parteien müssen um der Zukunft der Menschen Willen von der Macht ferngehalten werden.