Christopher Street Day in Hamburg: Auf einer Welle der Solidarität
Sieben Tage nach dem tödlichen Anschlag auf dem CSD in Berlin ziehen 300.000 Menschen durch Hamburg. So groß wie jetzt war der CSD hier noch nie.
Foto: Markus Scholz/dpa
300.000 Menschen sind am Samstag beim CSD in Hamburg auf der Straße, mehr als erwartet und so viele wie nie. Trucks, Luftballons, Regenbogenfahnen, Seifenblasen und Transparente: „Triggerwarnung: Friedrich Merz“ – weiße Buchstaben auf schwarzem Grund, „Jetzt erst recht“, „Schützt die queere Jugend“, „Wir waren immer hier, wir sind immer hier, wir werden immer hier bleiben“. Der Anfang der Demo, die den Steindamm runter gen Innenstadt zieht, ist schnell nicht mehr zu sehen. Eine Person in goldenem Pailletten-Sakko umarmt einen LKA-Mann, der neben ihr steht, lässt kurz die Hand auf seiner Schulter liegen und sagt: „Hey, danke, dass muss man ja auch mal sagen.“ „Na klar!“, sagt der LKA-Mann. „Wenn was ist, einfach Bescheid geben.“
Der Hamburger CSD findet genau sieben Tage nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin statt, bei dem eine Mutter aus Warschau gestorben ist. Sie war mit ihrer Tochter da, die bei der Attacke schwer verletzt wurde. 30 weitere Menschen wurden verletzt, weil ein 21-Jähriger in unmittelbarer Nähe zum CSD absichtlich Menschen angefahren hat. Er wurde einen Tag später bei einem Polizeieinsatz erschossen, war als islamistischer Gefährder eingestuft und wurde überwacht – allerdings nicht rund um die Uhr.
Bis zuletzt lagen laut den Sicherheitsbehörden für den Hamburger CSD keine konkreten Gefährdungshinweise vor. Angepasst hat die Polizei ihr Sicherheitskonzept dennoch. Betonpoller und Lkw stehen an der Strecke, Hubschrauber und Drohnen sind im Einsatz, einige Einheiten aus anderen Bundesländern sind hinzugeholt worden, Kommunikationsteams laufen mit. Es sind doppelt so viele Kräfte im Einsatz, als vor dem CSD-Anschlag in Berlin eingeplant waren. Trotzdem verschwimmt die Polizei in der riesigen bunten Menge.
So viele beim Hamburger CSD wie nie zuvor
Es ist der größte CSD, den Hamburg bisher gesehen hat. Das teilen Polizei und Veranstalter am Nachmittag übereinstimmend mit. Beide loben den sehr friedlichen Verlauf der Großveranstaltung mit dem Motto „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst“. Fast 150 Gruppen nehmen teil, die meisten sind zu Fuß unterwegs, dazu die Zehntausenden an der Strecke. Knapp 60 Trucks fahren mit, auch einer von Berlin Pride ist dabei.
Thomas Hoffmann, Mitglied des Vorstands von Berlin Pride
„Es sind Tränen geflossen hier auf unserem Truck, und gleichzeitig sagen alle, es sei gut so, dass wir hier sind, dass wir sichtbar und fröhlich sind – und, dass wir tanzen. Das macht den CSD aus“, sagt Thomas Hoffmann, Vorstandsmitglied von Berlin Pride. „Wir dürfen jetzt keine Angst haben, denn dann hätte die Seite gewonnen, die gegen uns ist und nicht will, dass wir ein freies Leben führen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Mehrheitsgesellschaft auch erkennt, dass hier die Freiheit für alle bedroht ist.“
Da sei die rechtsextreme Bedrohung – die alltäglichere, die auch an den Wahlergebnissen der AfD zu sehen sei. „Gleichzeitig dürfen wir nicht verkennen, dass der islamistische Terror, der jetzt in Berlin einen konkreten Anschlag als Resultat hatte, eine Gefahr für die queere Community ist.“ Beides existiere gleichzeitig und müsse auch gleichzeitig adressiert werden.
Schweigeminute für die Opfer in Berlin
„Berlin, wir stehen stabil an eurer Seite“, hatte Christoph Kaymann, Co-Vorsitzender von Hamburg Pride, schon am Abend zuvor bei der Eröffnung des dreitägigen Pride-Straßenfestes gesagt. Mit einer Schweigeminute wurde vor dem Hamburger Rathaus den Opfern von Berlin gedacht. Eine Regenbogenflagge mit Trauerflor hängt dort. Kaymann rief dazu auf, die unterschiedlichen Gemütszustände zu respektieren, mit denen die Teilnehmenden in diesem Jahr dabei sind: „Unsere Botschaft ist klar: Ihr seid nicht allein.“
Stefan Mielchen, früherer Vorsitzender von Hamburg Pride
Auch der CSD beginnt mit einer Botschaft in Richtung Bundespolitik. „Wir fühlen uns nicht gehört“, sagt der frühere Vorsitzende von Hamburg Pride, Stefan Mielchen. Er steht an einem kleinen Redepult vor den ersten Trucks, kurz bevor sie sich in Bewegung setzen. „Es ist niemand aus der Bundesregierung nach Hamburg gekommen, da ist also kein Signal der Regierung an die queere Community, das zeigt: Wir stehen an eurer Seite.“ Es brauche nicht immer mehr folgenlose Ankündigungen, stattdessen müsse endlich ein Verbot von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität im Grundgesetz verankert werden.
„Wir stellen niemanden unter Generalverdacht“, sagt Mielchen noch unter Applaus. „Und deswegen ist es richtig und gut, dass wir gleich über den Steindamm ziehen.“ Der Hamburger Steindamm ist eine muslimisch geprägte Straße unweit des Hauptbahnhofs. „Dort ist die Vielfalt unserer Stadt besonders sichtbar, und wir können zeigen, dass wir uns in unserer Unterschiedlichkeit sehen und achten.“ Islamisten, so Mielchen, stünden außerhalb unserer Gesellschaft, die sie in Wahrheit bekämpften.
„Ich finde es schade, dass heute niemand von der Bundesregierung hier ist, denn das steht ja symbolisch für eine Politik, die queere Sichtbarkeit bekämpft“, kritisiert auch die ehemalige Grünen-Parteichefin Ricarda Lang, die sich unter die Teilnehmenden gemischt hat. „Manche Worte der Anteilnahme, die wir in der letzten Woche gehört haben, wirken ein bisschen heuchlerisch. Wenn man für queere Rechte einsteht, dann macht man das 365 Tage im Jahr und nicht nur nach solchen schlimmen Anschlägen.“
Fast fünf Stunden kriecht der CSD durch die Stadt, bis er an der Binnenalster endet, die die Menge nach der Abschlusskundgebung umfließt. Das Straßenfest geht noch bis Sonntag. Manuel Opitz von Hamburg Pride fasst den Tag am Ende zusammen: „Uns hat heute eine Welle der Solidarität der Stadtgesellschaft getragen.“
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