Neue Anklage gegen Telegram-Gründer: Pawel Durow zeigt Russland den Stinkefinger
Der Telegram-Gründer wird wegen Beihilfe zu Anschlägen angeklagt – während russische Dienste selbst mit „Wegwerfagenten“ arbeiten.
Pawel Durow sitzt an einem Tisch mit einer Obstschale und Getränken, dreht sich um – und zeigt einen Stinkefinger in die Kamera. Gepostet auf dem von ihm gegründeten Messengerdienst Telegram. Es ist die Antwort des 41-Jährigen auf Beschuldigungen des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB und des Ermittlungskomitee SKR, Russlands oberster Strafverfolgungsbehörde.
Sie hatten den 1984 im damaligen Leningrad, auch Wladimir Putins Heimatstadt und heute St. Petersburg, Geborenen angeklagt, gegen § 205.1 Abs. 1.1 verstoßen zu haben – Beihilfe zu terroristischen Handlungen. Der FSB erklärte, dass „zahlreiche Fälle festgestellt und dokumentiert wurden, in denen die ukrainischen Geheimdienste den unter Jugendlichen beliebten Chatbot des Messengers Telegram ‚Dajvinchik/Leo – Kennenlernen, Chatten und neue Freunde‘ – dazu nutzten, Personen in kriminelle Aktivitäten zu verwickeln“. Telegram habe diese Kanäle trotz russischer Aufforderungen nicht gelöscht. Die Ukraine soll demnach über Telegram Menschen angeworben haben für angeblich 153.000 Anschläge gegen russische Ziele.
Durow steht zudem seit Donnerstag auf Rosfinmonitorings Liste der Terroristen und Extremisten – sein Vermögen muss eingefroren werden, Finanztransaktionen sind praktisch unmöglich, allerdings nur in Russland und befreundeten Staaten.
Seit 2018 versucht Russland Telegram zu streichen
Seit 2018 versucht Russland, Telegram im Riesenreich zu sperren. Denn Durow weigerte sich, dem FSB Aufzeichnungen und Zugang zur Entschlüsselung der Korrespondenz zur Verfügung zu stellen. Derzeit ist Telegram in Russland nur noch über VPNs zu erreichen, die anonymisierten Internetzugang ermöglichen. Der Kreml will seinem Land den vollständig von ihm überwachten staatlichen Messenger Max aufzwingen.
Denn in Russland kann der FSB Durow, der in Abwesenheit angeklagt wurde, nicht greifen: Er lebt seit langem im Ausland, angeblich zumeist in Dubai. Er hat auf seinem Telegramkanal 11,4 Millionen Follower und die Staatsbürgerschaften der Vereinigten Arabischen Emirate, Frankreichs und des karibischen Staates St. Kitts und Nevis.
Ein Gipfel der Doppelmoral: Westliche Ermittler haben in mehreren Fällen ein System „Wegwerfagenten“ nachgewiesen, über das russische Geheimdienstler angeblich Menschen für Brandanschläge in Polen oder Paketbomben in Leipzig anwarben – während die russische Botschaft in Washington ausgerechnet auf ihrem eigenen Telegramkanal und am Tag von Durows internationalem Haftbefehl die neuen US-Sanktionen als „Bärendienst“ für die USA bezeichnete.
2006 schloss Durow „Englische Philologie und Übersetzung“ mit Auszeichnung ab und gewann Olympiaden in Informatik, Linguistik und Design. Noch als Student gründete er ein digitales Forum, aus dem 2006 „VKontakte“ wurde – bis heute eines der führenden sozialen Netzwerke Russlands. 2013 folgte der verschlüsselte Messenger Telegram, der mittlerweile über eine Milliarde Nutzer hat.
Gegen ihn laufen in Frankreich Vorermittlungen wegen mangelnder Moderation von Telegraminhalten: Kriminelle Aktivitäten könnten auf der Plattform ungehindert aufgenommen und fortgesetzt werden.
Das US-Magazin Forbes taxiert sein Vermögen auf 6,6 Milliarden Dollar. Der umstrittene Unternehmer sagt selbst, er habe „nie reich werden“ wollen, sondern frei. Er habe mehrere Hundert Millionen Dollar auf seinen Konten, doch mache nichts damit. Seine Ausreise aus Moskau 2014 erklärte er damit, dass „Russland mit Internetgeschäften unvereinbar“ sei. Wie der Besitzer des Konkurrenten X, Elon Musk, sagt auch der unverheiratete Durow von sich, er sei als Samenspender Vater von über 100 Kindern in mehr als einem Dutzend Ländern.
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