Repressionen in der Türkei: „Sinem bleibt unsere Bürgermeisterin“
Im Istanbuler Stadtteil Üsküdar protestieren die Menschen für die Freilassung ihrer Bürgermeisterin. Sinem Dedetaş war zuvor am Mittwoch festgenommen worden.
Foto: Tolga Uluturk/Zuma Press/dpa
„Erdogan hau ab, Sinem bleibt unsere Bürgermeisterin.“ Es waren solche Parolen, mit denen sich die rund 5.000 Demonstranten Mut machten, die am Donnerstagabend mehr oder weniger spontan gegen die Verhaftung von Sinem Dedetaş, der Bezirksbürgermeisterin von Üsküdar, auf die Straße gingen. Sie füllten nahezu die gesamte Hauptstraße des historischen Istanbuler Stadtteils auf der asiatischen Seite der Stadt und machten ihrem Unmut lauthals Luft.
Am Mittwoch hatte die Polizei Dedetaş verhaftet, am Donnerstag folgte die Verhaftung von Erdal Beşikcioğlu, einem Bezirksbürgermeister in Ankara. Beide gehören offiziell noch der CHP an. Doch nachdem der ehemalige CHP-Vorsitzende Özgür Özel vor wenigen Tagen mit der Yeni Parti eine neue Partei gegründet hatte, ist von der CHP nichts mehr zu sehen.
Am Donnerstagabend in Üsküdar war jedenfalls eindrücklich festzustellen, dass die alte, unter die Kontrolle der Regierung geratene CHP nichts mehr zu melden hat. Nicht eine CHP-Fahne tauchte bei der Demo auf, stattdessen die ersten Wimpel der Yeni Parti. Inoffiziell war die Demonstration in Üsküdar so etwas wie die erste Manifestation der neuen Partei auf der Straße.
Parteigründung macht Hoffnung
Die erfolgreiche Gründung der Yeni Parti vor wenigen Tagen macht den Leuten wieder Hoffnung, dass man gemeinsam der Repression der Regierung doch noch etwas entgegensetzen kann. Özgür Celik, der frühere CHP-Vorsitzende von Istanbul, sagte auf einer improvisierten Kundgebung vor dem Rathaus von Üsküdar, am Ende „werden wir und die Demokratie siegen. Sie können uns nicht alle ins Gefängnis stecken“.
Seit dem Putschversuch 2016 entwickelt sich die Türkei unter Präsident Erdoğan weiter Richtung Autokratie. Das parlamentarische System wurde in ein Präsidialsystem umgewandelt und die Pressefreiheit stark eingeschränkt.
Auffallend viele Frauen waren dabei, auch ältere Menschen hatten sich zu der Kundgebung aufgerafft und waren ins Zentrum von Üsküdar gekommen. „Wir wollen uns unsere Bürgermeisterin nicht nehmen lassen“, sagte eine Frau, die in der ersten Reihe neben der Schwester von Sinem Dedetaş marschierte.
Die Polizei ließ die Demonstrierenden an diesem Abend weitgehend in Ruhe. Von der berüchtigten schwer bewaffneten Einsatzpolizei war nichts zu sehen. Entsprechend friedlich verhielten sich die Demonstranten. Es gab keinerlei Provokationen, es blieb ein friedlicher Spaziergang an einem schönen Sommerabend.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert