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CSD in Sachsen-Anhalt„Polizeipräsenz, weil man uns schützen muss“

Auch beim Naumburger CSD ist Sicherheit ein Thema. Die Polizei läuft hier schon seit Jahren mit – weil früher Rechte Jagd auf Teilnehmende gemacht haben.

David Muschenich

Aus Naumburg (Saale)

David Muschenich

Bevor sich der CSD in Naumburg an der Saale auf den Weg machen kann, muss die Polizei eine rot-gelbe Fahrzeugsperre zur Seite schieben. Be­am­t:in­nen sichern alle Zufahrten zum Marktplatz ab. Dort haben sich etwa 700 Menschen an diesem Samstagmittag zum vierten CSD im Burgenlandkreis versammelt.

Der Anschlag in Berlin, bei dem ein mutmaßlicher Islamist eine Person tötete und 31 weitere verletzte, ist genau eine Woche her. Doch Sicherheit ist schon länger rund um die queere Parade in Naumburg Thema – nicht erst seit dem Berliner CSD.

Ganz vorne an der Spitze der Pride hält Martin Helmrich-Knabe gemeinsam mit weiteren Feiernden ein Banner mit dem Motto des CSDs: „Bunte Trauben statt braune Pflaumen“. Dies ist sowohl eine Anspielung auf den regionalen Weinanbau als auch auf das regionale Rechtsextremismus-Problem. Helmrich-Knabe hat den CSD mitorganisiert. Seit dem ersten CSD im Burgenlandkreis 2023 nehme die Polizeipräsenz Jahr für Jahr zu, erzählt er. „Und das nicht, weil wir irgendwem wehtun wollen. Genau im Gegenteil, weil man uns schützen muss.“

Im ersten Jahr seien weniger Beamte dagewesen. „Da gab es dann Rechte, die Jagd auf die Teilnehmenden gemacht haben“, sagt Helmrich-Knabe mit ruhiger Stimme. Er selbst habe noch keinen Übergriff erlebt. „Zum Glück, aber es passiert schon, dass man Sprüche abbekommt“.

In diesem Jahr bleibt es aber auf dem CSD in Naumburg ruhig. Po­li­zis­t:in­nen laufen die ganze Strecke über neben der Demonstration mit. Es gibt keine Gegendemo, keine pöbelnden Neonazis.

CSDs im ländlichen Raum

Mit in Naumburg ist auch Grit Merker, Ansprechperson für queere Menschen bei der Polizei in Sachsen-Anhalt. Auch sie nennt die Angriffe auf den ersten CSD im Burgenlandkreis 2023 als Grund für die Polizeipräsenz bei queeren Paraden in Sachsen-Anhalt. „Seitdem sind wir tatsächlich mit sehr viel mehr Kräften bei jedem CSD vor Ort.“

Zu Beginn gedachte der CSD in Naumburg der Betroffenen mit einer Schweigeminute. Die Freude an der Pride-Demo wolle man sich trotzdem nicht nehmen lassen, heißt es in Reden. Mehrere Künst­le­r:in­nen treten auf, Menschen tanzen ausgelassen, obwohl noch ein zweites Thema die Stimmung drückt und immer wieder in den Reden genannt wird: Die Landtagswahl am 6. September.

Die AfD führt in Umfragen in Sachsen-Anhalt seit Monaten mit mehr als 40 Prozent und hofft auf eine Alleinregierung. Sollte das klappen, werde die AfD gegen die Akzeptanz für queere Menschen in Sachsen-Anhalt vorgehen, schreibt sie in ihrem Wahlprogramm.

Beim Familienbild setzt die Partei strenge Grenzen. Eine „normale Familie“ bestehe nur „aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen“. Die Akzeptanz für „sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen“ sei schuld daran, dass die Geburtenrate sinke. Laut ihrem Programm will die AfD den Zugang zu Informationen über queeres Leben beschränken. An Schulen plant sie, Regenbogenfahnen zu verbieten.

Als es wieder zu regnen beginnt, spannen die Teil­neh­me­r:in­nen bunte Schirme auf. Trotz des unangenehmen Wetters sind ungefähr so viele Menschen wie in den vergangenen Jahren zu den CSDs im Burgenlandkreis gekommen.

„Gekommen, um kleinere CSDs zu unterstützen“

Etwas weiter hinten in der Demo läuft da zum Beispiel Susa aus Leipzig mit einer Regenbogenfahne. Ihren Nachnamen möchte sie lieber für sich behalten. Sie sei nach Naumburg gekommen, um mal wieder einen kleineren CSD zu unterstützen. Sie selbst habe „dabei auch immer ein bisschen Sorgen und Angst“. Wovor? „Vor Gegendemos ein bisschen. Oder, ob man da am Bahnhof nochmal irgendwo von extremistischen Gruppen überrascht wird, vor allem aus dem rechten Spektrum.“

Schlechte Erfahrungen bei der Anreise zu kleinen Demos hat auch Marko schon gemacht. Er läuft am Samstag etwas am Rand der Demo und wirkt fröhlich, mit goldenem Glitzer im Gesicht. Aufdringliches Verhalten, beleidigende Kommentare, das sei bei Anreisen zu kleineren CSDs fast schon üblich. Er selbst kommt aus dem ländlichen Raum in Sachsen. In Naumburg wolle er als queere Person Präsenz zeigen.

Eine ähnliche Motivation hat Sonja aus Halle nach Naumburg gebracht. Sie wolle queere Menschen unterstützen und nicht, dass nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin die Straßen leer bleiben.

In Naumburg hofft CSD-Mitorganisator Martin Helmrich-Knabe, dass sich der Landrat Götz Ulrich und der Oberbürgermeister Armin Müller (beide CDU) als stabil im Falle einer AfD-Regierung erweisen. Beide gelten als progressiv, Müller war in diesem Jahr sogar Schirmherr des CSDs in seiner Stadt. Dass beim CSD am Samstag alles friedlich bleibt, wertet Helmrich-Knabe als gutes Zeichen.

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