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Fünf Jahre nach dem Afghanistan-Abzug Lieber nicht mehr dran denken

Cem-Odos Güler

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Cem-Odos Güler

Der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan war eine unmögliche Mission. Und doch machten Union und SPD über Jahre mehr Gelder dafür locker.

E s sind harte Worte, die einer der ehemals ranghöchsten deutschen Soldaten wählt, wenn er über das Ende des Afghanistaneinsatzes vor fünf Jahren spricht. „Ich schäme mich heute noch“, schreibt Ex-General Andreas Hoppe dieser Tage in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Es geht ihm um das Ausbleiben einer Geste: Als die Soldaten aus dem nordafghanischen Masar-i-Scharif Ende Juni im niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf landen, steht dort außer Bundeswehrangehörigen niemand, um sie in Empfang zu nehmen.

Nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den mit Abstand blutigsten und teuersten Auslandseinsatz der Bundeswehr ihre gesamte Amtszeit lang mitverantwortete. Nicht Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, die als Verteidigungsministerin für den Truppenabzug zuständig war. Auch ein Beisein von Abgeordneten, die das Afghanistanmandat Jahr für Jahr im Bundestag verlängert hatten, ist nicht überliefert.

Obwohl längst klar war, dass die politischen Ziele mit Waffengewalt nicht zu erreichen waren, flossen immer mehr Gelder in die militärische Absicherung der Afghanistanmission. Von alldem wollte man in Berlin nichts wissen, schließlich standen im Herbst 2021 Wahlen an. Afghanistan war für die Union und die SPD ein Verliererthema, nur mit Abschiebungen und Entwicklungshilfe hoffte man noch auf ein paar Pünktchen. Ansonsten sollten die Ministerien und die Sol­da­t*in­nen den Einsatz doch bitteschön einfach abwickeln.

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Die 20-jährige Intervention der internationalen Koalition unter der Führung der USA, bei der nach Berechnungen der Brown-Universität zwischen 176.000 und 243.000 Menschen getötet und Millionen Menschen zur Flucht getrieben wurden, endete aus deutscher Sicht im niedersächsischen Hinterland. Der fehlende Empfang für die Sol­da­t*in­nen bei ihrer Rückkehr Ende Juni warf seinen Schatten voraus auf den katastrophalen Epilog, der sich dann wenige Wochen später in Kabul abspielte.

Denn während die Bundesregierung alle Entwicklungen in Afghanistan im wahrsten Wortsinne als Nebenkriegsschauplatz abtat, brachten die Taliban weite Landesteile wieder unter ihre Kontrolle. Als am 15. August 2021 dann auch Kabul an die Islamisten fiel, waren einige in Berlin tatsächlich überrascht. So musste die Bundeswehr noch mal ran, um Entwicklungshelfer*innen, europäische Staatsbürger und zumindest einige Ortskräfte aus Afghanistan zu retten, die durch die Ignoranz der Regierung den Taliban ausgeliefert wurden.

Heute sitzen Union und SPD wieder in der Regierung. Wenn sie über die Bundeswehr sprechen, wählen sie salbungsvolle Worte. Den gescheiterten Afghanistaneinsatz möchten sie so wie ihre Vor­gän­ge­r*in­nen vergessen machen. Der verweigerte Handschlag in Wunstorf darf auch das eigene Selbstbild nicht stören – dafür sind die Erwartungen, die man heute wieder an die Bundeswehr richtet, schlicht zu groß.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Cem-Odos Güler

Cem-Odos Güler Redakteur

Berichtet seit 2023 als Korrespondent im Parlamentsbüro der taz über Verteidigungsthemen und die SPD. Studium der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Köln, Moskau und London.
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2 Kommentare

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  • David Lejdar

    Einer der Gründe, warum man mich nicht dazu bewegt hätte, bei Bundeswehr zu dienen. Denn, kein wirklicher Plan einfach nur paar Militärs irgendwohin zu entsenden, wo proaktive Politik gefragt ist, womit General nicht bedienlich sein kann oder darf, wenn es um Themen wie soziale Absicherung geht, was z.B. auch in Mali relevant war bzw. noch ist.

    Ich gebe mich da aber nicht geschlagen, mit Support für Diaspora, sich da modern aufzustellen, statt erneut in Arme von Taliban getrieben.

    Und allgemein halt auch mit Nachbarschaftsversammlung aller hier lebenden Nationalitäten, um gemeinsam über paar Themen zu reden, wie z.B. ob Muslime aus anderen Ländern sagen, dass deren Söhne eine Frau heiraten würden, die nicht mal lesen kann, obwohl im Quran auch Frauen Gelehrte, und z.B. Fātima al-Fihrīya die Universität al-Qarawīyīn gegründet hatte, womit dem Islam doch viel eher gehuldigt wurde, als wenn irgendwelche Steine geschmissen werden.

  • Lieselotte Schellong

    Nur eine Buchempfehlung : Marc Hinzmann " Leben und Sterben lassen"



    Die letzten Tage der Bundeswehr in Afghanistan



    Ein ganz persönlicher Bericht von einem, der plötzlich und unvorbereitet vor einer sehr schwierigen Aufgabe steht.



    Hat mich beeindruckt !