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Festivals in der KriseEndlich wieder Bauzäune schleppen

Kleine Festivals sind vielleicht das bizarrste Kulturgut, das urbane und ländliche Lebenswelt miteinander verbindet. Deshalb müssen wir sie erhalten.

E s ist Samstag, halb eins in der Nacht, und ich stehe auf einer Bühne, die es eigentlich nicht geben dürfte. Hier in Piesport an der Mosel, ein Dorf bei Trier mit rund 2.000 Einwohnenden, ringsherum Weinberge, spiele ich auf dem Pferdefestival. Pferde sind keine in Sicht, der Name ist ein Witz. Die Bühnen sind selbst gebaut, Zelten kostet nichts und Getränke gibt es für 2,50 Euro.

Getragen wird all das von einem Verein für Kunst, Kultur und Inklusion: Menschen mit und ohne Behinderung, vor und auf der Bühne, und niemand bekommt dafür Geld. Es ist nicht das erste Festival dieser Art, auf dem ich spiele. Was sie alle gemein hatten: Sie funktionieren nur, weil Leute nach Feierabend Bauzäune schleppen, Schichtpläne schreiben und Förderanträge ausfüllen.

Während die großen Festivals steigende Be­su­che­r:in­nen­zah­len verbuchen, verschwinden die klassischen mittelgroßen und kleineren Festivals. 2025 machten Maifeld Derby und Rocco del Schlacko zum letzten Mal auf, dieses Jahr fiel das Heroes in Freiburg aus. Sie mussten Insolvenz anmelden oder ihnen fehlten die Fördermittel. Festivalsterben heißt es dann in den Medien. Fast wie ein Naturphänomen. So, als wäre niemand verantwortlich.

Wie etwa die Streamingindustrie: Musikpromotion ist heute primär Onlinemarketing. Nur wer große Budgets in Werbung stecken kann, wird gesehen. So profitieren vor allem die großen Plattenfirmen. Viele Festivals spielen das gleiche Spiel mit und buchen die bereits etablierten Künstler:innen, um genug Gäste anzuziehen. Dass am Ende alle damit das Grab eines breiten Live-Musik-Marktes schaufeln, wissen viele vermutlich sogar – sie können sich dieser Marktlogik nur kaum entziehen.

Es geht um mehr als Musikkonsum

Man könnte jetzt sagen: Soll der Markt das regeln. Wenn der Hörer der Zukunft einmal im Jahr auf ein durchkommerzialisiertes Megaevent fährt, dann soll er doch. Was fällt mir ein, zu denken, irgendwelche offensichtlich nicht wirtschaftlich tragfähigen Kleinkunstklitschen auf den Äckern dieses Landes seien unbedingt zu erhalten?

Doch es geht um mehr als Musikkonsum. Festivals bringen Menschen zusammen, die sich sonst nicht begegnen würden. Auf dem Pferdefestival war das Publikum eine Mischung aus Großstadt-Student*innen mit Matcha-Obsession und dem Malerbetrieb aus dem Nachbardorf. Wo lassen sich Vorurteile besser ablegen als gemeinsam im Matsch?

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Wo lässt sich besser zeigen, wie Inklusion funktioniert, als da, wo sie zwischen Zeltplatz, Bierbank und Gedränge einfach vorgelebt wird, von einem Verein, der genau dafür existiert? Festivals sind vielleicht das bizarrste Kulturgut, das urbane und ländliche Lebenswelt miteinander verbindet.

Wo lassen sich Vorurteile besser ablegen als gemeinsam im Matsch?

Die Basis, auf der das steht, wird dünner. Der Freiwilligensurvey des Bundes zeigt, dass die Engagementquote zwischen 2019 und 2024 von 39,7 auf 36,7 Prozent gefallen ist – ausgerechnet im Bereich Kultur und Musik besonders deutlich, von 8,6 auf 6,3 Prozent. Weniger Leute machen mehr Arbeit.

Ich sehe in Festivals Infrastruktur wie Schwimmbäder und Dorffeste, und sie sollten diesen Stellenwert etwa durch angemessene Förderung bekommen. Bis das jemand in ein Haushaltsjahr schreibt, hilft nur das Naheliegende. Kauft die Tickets eurer Dorffestivals, auch wenn ihr keinen einzigen Act im Line-up kennt. Werdet Mitglied in den Vereinen, schleppt Bauzäune, gebt Bändchen aus. Sucht euch das kleinste Festival, das ihr finden könnt, und macht es zum lautesten.

Ich bin dann da. Nachts um halb eins, auf einem Acker an der Mosel.

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