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5 Jahre Taliban in AfghanistanSie schießen auf die Beine

Vor fünf Jahren übernahmen die Taliban Afghanistan. Besonders drastische Folgen hat das für das Leben von Frauen. Derweil ist die Opposition zersplittert.

Als afghanische Offiziere am Morgen des 2. Juli 2021 auf den amerikanischen Teil des Militärstützpunkts Bagram bei Kabul kamen, schlug ihnen Stille entgegen. In der Nacht zuvor hatten die letzten US-Soldaten dort das Land verlassen. Damit ihre afghanischen „Verbündeten“ das nicht sofort bemerkten, hatten sie das Licht auf dem Gelände brennen lassen.

Sechs Wochen später, am Morgen des 15. August, als der Truppenabzug offiziell endete, kontaktierten die Taliban den zuständigen US-Kommandeur, was denn nun mit Kabul sei. Im Abzugsabkommen hatte man abgemacht, dass sie bei ihrem Vormarsch vor dessen Toren stehen bleiben sollten, bis der letzte Amerikaner weg war.

General Ken McKenzie antwortete, man kümmere sich nur noch um den Flughafen. Das war das grüne Licht dafür, dass die Taliban Afghanistan wieder ganz übernehmen konnten. Eine Machtteilung mit der Regierung in Kabul war vom Tisch. Präsident Aschraf Ghani verließ per Helikopter das Land. Seine Islamische Republik brach zusammen. Eine Massenflucht setzte ein.

Einmalig und rückwärtsgewandt

Die Taliban machten sich daran, umzusetzen, was sie immer angekündigt hatten: die Errichtung eines „wahrhaft islamischen Staates“. Das Ergebnis war so einmalig wie rückwärtsgewandt. Frauen und Mädchen wurden systematisch entrechtet und aus der Öffentlichkeit gedrängt. Arbeiten und lernen dürfen sie bis heute nur räumlich getrennt von den Männern und Jungen. Schulen ab Klasse 7 und Universitäten bleiben ihnen ganz verschlossen.

Oft wirkt das Mikromanagement der Taliban kurios, sorgt aber für massenhafte Traumatisierung und Depressionen: Zuletzt untersagten sie Frauen sogar, bei – sowieso schon nach Geschlechtern getrennten – Hochzeitsfeiern Parfüm zu benutzen. Aktivist*innen sprechen von „Gender-Apartheid“, wollen das bei der UNO als Verbrechen gegen die Menschlichkeit festschreiben und so juristisch verfolgbar machen.

Jegliche, auch friedliche Opposition gilt heute per Gesetz als „antiislamisch“ und kann mit dem Tod bestraft werden. Trotzdem flackert, wenn auch seltener, öffentlicher Protest auf. Im Juni gingen im westafghanischen Herat nach Festnahmen angeblich unzureichend verschleierter Frauen erstmals Männer und Frauen gemeinsam auf die Straße, 400 Personen waren es laut Augenzeugen. Die Taliban hätten auf ihre Beine geschossen; ein Teenager verblutete. Online angekündigte Folgeproteste wurden nach Warnungen der Taliban abgeblasen.

Deren brutales Vorgehen sorgt dafür, dass sich Aktivitäten der Frauengruppen in die Onlinesphäre verlagern. Dort vernetzen sie sich auch international, etwa mit der Gender-Apartheid-Kampagne. Selbst Treffen in privaten Räumlichkeiten sind nicht sicher.

Auch bewaffneten Widerstand gibt es. Mitte Juli entrissen zwei Dutzend Kämpfer in der Nordostprovinz Badachschan den Taliban für ein paar Stunden erstmals ein Distriktzentrum. In der afghanischen Diaspora kam die Hoffnung auf, das könnte der Anfang vom Ende des Regimes sein.

So weit ist es aber noch nicht. Während die Taliban trotz interner Debatten – etwa um Sinn und Unsinn des Verbots der Mädchenbildung – ihre Einheit bewahren, zeigt sich die Opposition zersplittert. Die bewaffneten Gruppen sind lokal begrenzt und unkoordiniert, es herrscht Rivalität. Einige von ihnen bieten sich den USA als Partner an, in der Hoffnung auf einen Militärschlag gegen die Taliban-Spitze à la Venezuela, in dessen Folge sie die Macht übernehmen könnten.

Die bisher bekannteste bewaffnete Gruppe, die Nationale Widerstandsfront (NWF), äußerte sich nicht zu den Kämpfen in Badachschan. Die dortigen Kämpfer hatten sich von ihr abgespalten. Das beeinträchtigt den Führungsanspruch von NWF-Chef Ahmad Massud. Der 37-Jährige versucht seit Längerem, sich an die Spitze der gesamten – bewaffneten wie zivilen – Opposition zu setzen. Dabei setzt er auf den Nimbus seines Vaters, des legendären, 2001 von al-Qaida ermordeten antisowjetischen Mudschaheddin-Führer Ahmad Schah Massud. Bei Protesten in Kabul trugen auch Frauen sein Bild.

Für seine Pläne akquirierte Massud junior Unterstützung im Ausland. Ein Politikinstitut in Österreich veranstaltete auf sein Bitten seit 2022 fünf Treffen eines sogenannten Wiener Prozesses für ein demokratisches Afghanistan mit dem erklärten Ziel, einen Dachverband der Opposition zu schaffen. Im März folgten Vertreter*innen der „demokratischen Opposition“ einer Einladung ins Europaparlament. Auch ein NWF-Sprecher war dabei. In Washington erreichte Massuds Front, dass das US-Repräsentantenhaus im September 2024 den Wiener Prozess „als entscheidende Plattform für die Vereinigung aller politischen Oppositionsgruppen“ bezeichnete. Man hofft auf Finanzhilfe, wie sie einst die Mudschaheddin gegen die sowjetische Besatzung erhielten.

Im vorigen Herbst bildete die Wiener Gruppe ein Führungsgremium unter Ex-Vizeaußenminister Mahmud Saikal und forderte die anderen Anti-Taliban-Kräfte auf, sich ihr anzuschließen. Das ging nach hinten los, auch weil Saikal für eines der beiden verfeindeten Lager steht, deren Dauerstreit die Vor-Taliban-Republik in den letzten Jahren politisch lahmlegte. Das für März geplante nächste Wiener Treffen wurde abgeblasen. Offiziell hieß es, man brauche mehr Zeit für Vorbereitungen. Die Webseite der Initiative ist wegen interner Querelen offline. Für neuen Zwist sorgte die Annäherung einiger Teilnehmer*innen an Pakistan, den einstigen Taliban-Hauptunterstützer und Erzfeind, der bereits Treffen der Opposition ausrichtete.

Wolfgang Petritsch, früherer österreichischer Spitzendiplomat und Mitinitiator des Prozesses, bestätigte der taz, das der Wiener Prozess derzeit „eher stockt“. Es fehle ein „breiter Konsens“ und den politischen Vorstellungen „Umsetzbarkeit“.

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In der gesamten Opposition gibt es inhaltliche Differenzen: bewaffneter Kampf gegen die Taliban, wie ihn die NWF führt, oder eine politische Verständigung mit ihnen, wie sie die Exilparteien, darunter die der früheren Mudschaheddin-Führer, wollen? Soll Afghanistan künftig zentralistisch wie bisher, dezentral oder sogar föderal strukturiert sein? Diese Kontroversen spiegeln die politischen Debatten und die ethnopolitische Polarisierung der Republik wider. Zudem geben viele –wie auch Exilaktivist Abdul Saboor Setiz – zu bedenken, dass bewaffneter Widerstand „nur zu mehr menschlichem Leid“ führe.

Vor allem geht es um den Führungsanspruch. Daran scheiterte schon ein früheres Bündnis der NWF mit den Exilparteien. Sie wollen sich nicht dem Youngster Massud unterordnen. Die NWF stieg wieder aus, weitere Fraktionen spalteten sich ab. Als „überwiegend familiengeführte, lokale und ethnisch geprägte politische ‚Shops‘, weitgehend unfähig, eine kohärente nationale Bewegung zu bilden“, bezeichnet der exilafghanische Analyst Bahar Mehr die Anti-Taliban-Kräfte. „Alle warten auf einen ausländischen Retter.“

Glaubwürdige Alternative fehlt

Auch wenn sie sich zu Demokratie und Frauenrechten bekennen, kaufen viele Afghan*innen das vor allem den Ex-Mudschaheddin nicht ab. Sie waren auch in der Republik sehr einflussreich und stehen in ihren Augen deshalb für die damalige Korruption, Machtpolitik und die ihnen für schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen in früheren Kriegen gewährte Straflosigkeit – und damit für das Scheitern der Republik. Außerdem sind viele von ihnen selbst Islamisten.

Inmitten dieses organisatorischen Chaos dienen zivilgesellschaftliche Akteure – auch die Frauen – wieder nur als demokratische Staffage. Eine glaubhafte politische Alternative zu den Taliban fehlt bisher. Die frühere Frauenministerin Sima Samar fordert jüngst die „junge Generation“ auf, eine solche Bewegung auf die Beine zu stellen. Das allerdings ist angesichts der Repressionen im Land beinahe unmöglich.

Bahar Mehr schrieb, die einzige wirklich „aktive Gruppierung seit dem Fall von Kabul ist die Protestbewegung der Frauen“. Vielleicht also eine rein von Frauen getragene oder zivilgesellschaftliche Plattform? Die Gruppen im Land könnten über geschützte Onlinekanäle einbezogen werden. Aber auch die Frauenbewegung ist, positiv ausgedrückt, vielfältig. Auch hier gibt es Konkurrenz und Missgunst. Wer Afghanistan nicht verlassen will oder kann und Freiräume mit den Taliban verhandelt, wird beschuldigt, sich zu deren Handlanger zu machen.

Jetzt kommt es darauf an, wer die Initiative übernimmt. Mit den alten Führern und ihren Söhnen und Töchtern könnte Afghanistan leicht wieder im gescheiterten Vor-Taliban-Status landen.

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2 Kommentare

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  • Lieselotte Schellong

    Rawadari, a human rights organisation, says human rights violations and repression have remained widespread in Afghanistan over the past five years, with at least 6,929 civilians killed or wounded between 15 August 2021 and 31 December 2025.

    afghanistan iternational 15.08.26

  • Lieselotte Schellong

    Infos über Afghanistan bei Thomas Ruttig, Afghanistan Analyst Network oder auch dem online Portal afghanistan international...von Exil Afghanen mit Sitz in London