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Anschlag auf FlüchtlingsunterkunftDer Aufschrei bleibt aus

Auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Hellersdorf wird ein Brandanschlag verübt. Doch öffentlich findet dieser nur wenig Beachtung.

Die gemütlichen Sitzbänke und Spielgeräte rund um die Asylbewerberunterkunft in der Albert-Kuntz-Straße in Hellersdorf sind menschenleer. Ein paar Frauen schieben Kinderwagen um das Gelände. Ein Vater und sein 11-jähriger Sohn naschen von den Brombeeren, die hier am äußersten östlichen Stadtrand wachsen. Warum niemand auf dem Freigelände ist? Immerhin leben in den drei Gebäuden 385 Menschen, fast die Hälfte sind Kinder. Der Junge bei den Brombeeren weiß die Antwort. „Drin ist es doch schön kühl, hier draußen ist es heiß.“

An einer Giebelwand von einem Haus mit fünf hohen Etagen klaffen zwei Rußflecken. Vor ein paar Tagen hat jemand mitten in der Nacht Brandsätze dorthin geworfen. Der Polizei zufolge hat das ein Bewohner bemerkt, der den hauseigenen Wachschutz verständigte. Der konnte das Feuer schnell löschen, bevor es auf die Substanz des Gebäudes übergreifen konnte. Verletzte gab es keine. Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt. Ob die Brandsätze Molotowcoctails waren, wie Mitstreiter vom nahen Antifatreff La Casa aus den Brandflecken schließen, sei noch Gegenstand der Ermittlungen, sagt eine Polizeisprecherin der taz. Tatverdächtige gäbe es noch keine.

Vater und Sohn bei den Brombeeren haben von dem Anschlag nichts mitbekommen, sagen sie. „Auch meine Landsleute nicht. Wir haben gar nicht darüber gesprochen.“ Den Frauen mit den Kinderwagen geht es ebenso. Sie schauen ungläubig auf die Giebelwand mit den Rußflecken. Ein Wachmann hingegen weiß Bescheid, hat aber keine Erlaubnis, mit der Presse zu sprechen. Die Heimleitung will sich nicht äußern.

Wundern tut mich das nicht. Denn hier ist in letzter Zeit viel los

Einzelhändlerin

Neben dem Wohnheim ist eine Ladenzeile. Imbiss, Apotheke, Spätkauf, Barbershop und Blumenkiosk. Mit einer Ausnahme sind die Inhaber alle Migranten. Auch hier haben die Mitarbeiter den Brandanschlag nicht bemerkt. „Aber wundern tut mich das nicht“, sagt eine Verkäuferin. „Denn hier ist in letzter Zeit viel los.“ Sie berichtet von einem Einbruch in den Spätkauf vor zehn Tagen. Die Täter hätten die Tür zerstört, aber keine Waren mitgenommen. Ein Ladeninhaber erzählt von einer Schlägerei zwei Wochen davor.

Ein paar Jahre Ruhe

Es liegt Jahre zurück, als es zuletzt Anschläge auf Berliner Asylbewerberunterkünfte gab. 2015 brannte es am Blumberger Damm in Marzahn, 2014 in Köpenick. Auf die Unterkunft in der Maxi-Wander-Straße in Marzahn und seine Bewohner gab es in diesem Zeitraum so viele Anschläge und Drohungen, dass Antifas zeitweise eine Mahnwache neben dem Gebäude einrichteten. In den letzten Jahren war Ruhe.

Doch anders als 2014/15 blieb in diesem Jahr der Aufschrei der Zivilgesellschaft aus. Warum? Weil man mit dem Anschlag auf den Christopher Street Day beschäftigt war, bei dem es anders als hier eine Tote und viele Verletzte gab? Weil die Albert-Kuntz-Straße am äußersten östlichen Stadtrand liegt, für viele gefühlt gar nicht mehr in Berlin? Grüne und Linke überließen es ihren Lokalpolitikern, sich zu äußern.

Die bezirklichen Linken verurteilen den Brandanschlag „aufs Schärfste. Wer einen brennenden Gegenstand gegen eine bewohnte Unterkunft wirft, nimmt schwere Verletzungen und den Tod von Menschen in Kauf.“ Sie fordern eine schnelle und lückenlose Aufklärung des Anschlages und einen besseren Schutz für die Bewohnerinnen und Bewohner. Genau das fordern auch die bezirklichen Grünen. Deren Politikerin Chantal Münster sagt: „Wir sehen täglich, dass Gewalt gegen Geflüchtete wieder zunimmt. Als De­mo­kra­t*in­nen ist es unsere Pflicht, dem entschieden entgegenzutreten und solche Angriffe nicht kommentarlos hinzunehmen.“

Sascha Langenbach vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten und Unterkunft sprach gegenüber der Zeit von einer „unerträglichen Eskalation für alle Leute, die dort untergebracht sind und die für uns arbeiten.“ An dem Heim hätte sich der Antifa zufolge nach dem Brandanschlag die Beleuchtung verbessert. Die verrußte Giebelwand lag nachts völlig im Dunkeln – gegenüber einem nicht beleuchten Grundstück voller wilder Vegetation.

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