Studie zu Pestizideinsatz in Argentinien: Schwangere besonders gefährdet
Laut einer Langzeitstudie besteht ein Zusammenhang zwischen einem höheren Risiko für Fehlgeburten und Chemikalien in der Landwirtschaft.
Foto: Ricardo Ceppi/getty images
Schwangere Frauen haben in ländlichen Gebieten Argentiniens ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen dem intensiven Einsatz von Pestiziden in der industriellen Landwirtschaft und gesundheitlichen Problemen bei Frauen in neun ländlichen Ortschaften der argentinischen Provinz Santa Fe aufzeigt, darunter auch San Jorge.
Die Studie mit dem Titel „Spontane Fehlgeburten und Schilddrüsenunterfunktion in ländlichen argentinischen Bevölkerungsgruppen in pestizidbelasteten Anbaugebieten“ beschreibt einen statistischen Zusammenhang zwischen der Belastung durch Pestizide und den beobachteten Gesundheitsproblemen. Die Autor*innen sehen darin starke Hinweise auf einen Einfluss des agrarindustriellen Modells.
Seit 1996 ist in Argentinien der Anbau von gentechnisch verändertem Soja-Saatgut erlaubt. Mit ihm begann vor 30 Jahren der rasante Ausbau eines Agrarmodells, das auf dem Einsatz von Glyphosat und zahlreichen anderen Agrochemikalien basiert. Die Anbaufläche für Sojabohnen wuchs von etwa sechs Millionen Hektar im Jahr 1996 auf heute rund 18 Millionen Hektar.
Die Nationale Biotechnologiekommission (Conabia) hat seither über 90 gentechnisch veränderte Saatgutsorten zugelassen. Neben Sojabohnen sind es vor allem Mais, Weizen, Kartoffeln, Baumwolle und Luzerne. Parallel dazu stieg der Einsatz von Agrochemikalien auf rund 500 Millionen Liter Pestizide, die mithilfe von Sprühfahrzeugen oftmals auch in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten ausgebracht werden.
2,4-fach erhöhtes Risiko für Fehlgeburten
Die im Juli veröffentlichte Studie basiert auf Daten aus den Jahren 2008 bis 2018 und umfasst 6.497 Frauen im Alter von 18 bis 70 Jahren, die Angaben zu Spontanaborten und zur medikamentösen Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion machten. Sie wurde vom Institut für Sozio-Umweltgesundheit der Medizinischen Fakultät der Universität Rosario erarbeitet und in der Zeitschrift für öffentliche Gesundheit der Universität Córdoba (UNC) veröffentlicht. Insgesamt wurden 2.870 Schwangerschaften untersucht. Davon endeten 369 mit einem Schwangerschaftsverlust, die meisten im ersten Schwangerschaftsdrittel.
Demnach hatten Frauen in Regionen mit intensivem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen und hohem Pestizideinsatz ein 2,4-fach höheres Risiko für Fehlgeburten als Frauen im landesweiten Durchschnitt. Gleichzeitig trat eine Schilddrüsenunterfunktion 2,5-fach häufiger auf.
Die Autor*innen betonen, dass ihre Untersuchung keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung nachweist, aber deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und den untersuchten Erkrankungen liefert. Als Vorsorgemaßnahmen empfehlen sie, Sprühungen am Boden erst ab einem Mindestabstand von 1.000 Metern zu Wohngebieten zu erlauben und Sprühungen aus der Luft vollständig zu verbieten.
„Die Auswirkungen von Pestiziden auf die öffentliche Gesundheit sind unbestreitbar, die wissenschaftlichen Beweise sind erdrückend“, erklärte Facundo Fernández von der Medizinischen Fakultät der Universität Rosario und Mitautor der Studie. Statt jedoch Präventivmaßnahmen zu ergreifen, spielen die Regierung und große Teile der Opposition zusammen mit der Agrarlobby die gesundheitlichen Folgen für die ländliche Bevölkerung herunter.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert