Horrorfilm „Nightborn“: Mütterliche Liebe kennt keine Grenzen
Das Neugeborene entwickelt ein bemerkenswertes Eigenleben. Regisseurin Hanna Bergholm dreht in ihrer schwarzen Komödie alle Horrorregler auf Anschlag.
Ja ja, die eigenen Kinder kann man sich nicht aussuchen. So richtig anspruchsvoll wird es, wenn das Kind auch noch die buchstäbliche Teufelsbrut ist. Mit der Mutter in Roman Polańskis Horrorklassiker „Rosemaries Baby“ von 1968, die schon während der Schwangerschaft Schlimmes ahnt, möchte man jedenfalls ungern tauschen. Wobei: Die Liebe zum Nachwuchs ist ja für gewöhnlich grenzenlos, herausgerissene Haare oder abgekaute Gliedmaßen hin oder her. Anspruchsvoll und sicher nicht ganz so typisch ist auch der Nachwuchs, den die Eltern in Hanna Bergholms folkloristisch aufgeladenem Horrorfilm „Nightborn“ empfangen.
Da fahren zu Beginn Saga (Seidi Haarla) und ihr britischer Mann Jon, gespielt von „Harry Potter“-Star Rupert Grint, immer tiefer in den finnischen Wald, um das renovierungsbedürftige Familienanwesen von Sagas Oma für sich zu erschließen. Sie tanzen verliebt durch die sonnendurchfluteten Räume der alten Villa in the middle of nowhere, sprechen davon, dass sie drei Kinder bekommen wollen.
Unter einem Baum lässt sich Jon von seiner Frau verführen, die leckt beim Sex noch schnell das Blut eines plattgehauenen Käfers von seiner Schulter, dann ein Schnitt. Und schon sind wir im Kreißsaal, wo sich der Kopf des Jungen aus Saga herauspresst und dabei den Unterleib der Mutter arg in Mitleidenschaft zieht.
„Nightborn“. Regie: Hanna Bergholm. Mit Seidi Haarla, Rupert Grint u. a. Finnland/Litauen/Frankreich/Vereinigtes Königreich 2026, 92 Min.
Bereits in ihrem Debüt „Hatching“ erzählte die finnische Regisseurin Hanna Bergholm mit Bodyhorroranleihen von einer Mutter-Kind-Beziehung. Da brütet die Tochter, deren Mutter die scheinheile, konsumorientiere Welt der Familie in Videoblogs dokumentiert, das Ei eines Raben aus – ein buchstäbliches Überraschungsei, mit dem sich ein ekelhaft-zärtlicher Coming-of-Age-Horror Bahn bricht.
Die rosarote Brille einer perfekten Familie
Auch in „Nightborn“ kriegt die romantisch imaginierte heile Familienwelt durch den Nachwuchs einen ziemlichen Knick. Der Neugeborene, zu dem Saga schnell „es“ statt „er“ sagt, kommt überdurchschnittlich behaart zur Welt und brüllt wie am Spieß. „Ihm scheint ein kleines Schwänzchen zu wachsen“, meint Jon fröhlich, als ihm beim Wickeln eine Verwachsung am Steiß des Sohnemanns auffällt. Die Verblendung des Vaters, der die rosarote Brille einer perfekten Familie über alles legt, zieht sich als eskalatives Streitthema der Eltern durch den Film.
Saga ist völlig überfordert: Der Sohn entwickelt sich erschreckend rasant, saugt sie aus ihren bald völlig zerfleischten Brustwarzen buchstäblich leer, leckt ihr Blut aus einem Schälchen oder reißt ihrer eigenen Mutter, zu der das Verhältnis schwierig ist, einen Ohrring aus. „Für manche Mütter kann sich dieses neue Wesen wie ein Fremder anfühlen“, sagt die Ärztin und trötet damit ins selbe Horn wie viele Verwandte und Freunde, die wiederholt die Liebe der Mutter zum Kind als das Größte feiern.
Jon wiederholt gebetsmühlenartig, dass nicht das Kind, sondern Sagas Beziehung zu ihm das Problem sei. Leidet sie unter einer postpartalen Depression, oder warum gelingt ihr die Liebe nicht?
Weg von den „klassisch“ mütterlichen Mutterfiguren
Seit einiger Zeit lässt sich beobachten, dass das Kino (endlich!) geballt die „klassisch“ mütterlichen Mutterfiguren infrage stellt. Das Thema der Mutter-Kind-Bindung bildet dabei schon beinahe so etwas wie ein Subgenre. In Lynne Ramsays filmischem Anschlag „Die My Love“ spielt Jennifer Lawrence eine junge Mutter, die ihr Kind liebt und zugleich am Wahnsinn kratzt. Hat sie eine postpartale Depression, eine Psychose, ist sie bipolar?
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Trailer „Nightborn“
Klar wird das nicht, und die Grenzen zwischen dem, was tatsächlich passiert, und dem, was vielleicht nur im Kopf der Mutter geschieht, verschwimmen. Gewissheiten torpediert auch Johanna Moder in „Mother’s Baby“. Zwischen Familiendrama und Horrorfilm erzählt sie von einer mit dem Nachwuchs fremdelnden Mutter (Marie Leuenberger). „Du wolltest ein Kind“, sagt ihr Mann. „Aber nicht dieses!“
Wo der sehr laute „Die My Love“ und „Mother’s Baby“ produktiv mit dem Diffusen spielten, dreht Bergholm in „Nightborn“ alle Horrorregler auf Anschlag. Ohne zunächst das Baby wirklich zu zeigen, entwickelt sich das Treiben in der Villa peu à peu zu einem Massaker. Ist das Baby ein Troll? Und die Mutter, deren Name ein sprechender ist, vielleicht auch? Und was hat es mit dem Bäumchen auf sich, das im Kinderzimmer aus dem Boden wächst, und mit dem mythisch anmutenden Wald, der dem Haus auf die Pelle rückt? „Wenn man schreit, wird der Wald antworten“, so das im Film bemühte vieldeutige finnische Sprichwort.
Doch alles Kunstblut der Welt, alle kannibalisch kredenzten Innereien und auch das teils retrocharmant wie eine Neo-„Chucky“ daherkommende Baby können nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Nightborn“ in seiner zu konkreten Abstraktion nicht überzeugt. Schaurig ist hier wenig, und die völlig vorhersehbare Steigerungslogik ermüdet eher, als dass sie unterhält oder gar Denkräume eröffnet. Ja, die mütterliche Liebe geht über alles, ganz gleich, ob der Sohnemann ein fleischfressendes Monster ist. Uff!
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