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Diy-ComputerGirls gegen Big Tech

Aktuell gehen junge Frauen mit selbstgebauten kleinen Computern viral. Ihre sogenannten Cyberdecks sind süß, pink und antikapitalistisch.

Wie sollte man sich eine Maschine vorstellen, die es mit Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Sam Altman aufnimmt? Mit Männern, die so mächtig sind, dass ihr Netzwerk als Tech-Broligarchie beschrieben wird, die drei Tonnen schwere, panzerähnliche Cybertrucks aus Stahl bauen und für Mixed-Martial-Arts-Käfigkämpfe trainieren? Die wenigsten hätten wohl das Mermaid Cyberdeck vor Augen: Eine pinkfarbige Plastikmuschel, die sich beim Aufklappen als Minicomputer entpuppt: In der oberen Muschelhälfte steckt der Bildschirm, in der unteren die Tastatur samt Touchpad, die so klein ist, dass man sie nur mit viel Fingerfertigkeit bedienen kann. Der Meerjungfrau-Rechner gehört der TikTokerin ronniebeebee. Das Kurzvideo, in dem sie ihn präsentiert, wurde über 290.000-mal abgespielt.

Cyberdecks sind selbstgebaute, tragbare Computer. Die meisten haben limitierte Funktionen und nutzen Open-Source-Software, kostenlose Programme, deren Quellcode offen einsehbar ist und die die Nut­ze­r:in­nen selbst anpassen können. Man kann auf Cyberdecks wahlweise programmieren, Bilder, Videos und Filme speichern, E-Books lesen, Retrospiele spielen oder sie als moderne Schreibmaschine, als „Writerdeck“, nutzen.

Bis vor wenigen Monaten waren sie ein Nischenprojekt, zu dem sich Hardware-Hacker:innen auf Plattformen wie Reddit oder GitHub austauschen. Dann wurden sie hübsch und süß. Und sehr beliebt. Eine der Frauen, die ihre Cyberdecks online teilen, ist die Instagram-Nutzerin miss.molerat, die bürgerlich Katrin heißt und in Stuttgart lebt. Um ihre Privatsphäre zu schützen, will sie nur ihren Vornamen nennen.

Katrin nutzt ein Cyberdeck, um auf Techkonferenzen zu programmieren. Auf einem anderen spielt sie Retrovideospiele. Sie hat ihre individualisierten Computer bereits in einen pinkfarbigen Spielzeuglaptop aus Plastik gebaut, in eine Polly-Pocket-Schatulle, die wie ein Einhorn aussieht, und in eine Box, die sie aus recyceltem Plastik und Baumrinde gefertigt hat.

Ein unterschätztes Hobby

Katrin glaubt, dass die politische Dimension der DIY-Computer häufig unterschätzt werde. „Ja, die Cyberdecks sind rosa, aber sie sind auch ein Signal gegen den grauen Techeinheitsbrei, gegen Massenkonsum und gegen große Techkonzerne“, sagt sie im Videocall mit der taz.


Lange bevor man Cyberdecks tatsächlich baute, hatte der Computerentwickler Lee Felsenstein die Idee dazu. Im Cyberkultur-Magazin Mondo 2000 schrieb er schon 1990, er wolle die „postkapitalistische Schrottplatzwelt“ nutzen und aus dem Müll großer Konzerne unprofessionelle, personalisierte Computer bauen. Felsensteins Artikel finde in der Cyberdeck-Community noch immer großen Anklang, sagt Andrew Hutcheon.

Der Philosoph lehrt an der australischen Edith-Cowan-Universität und hat Cyberdecks im Rahmen seiner Promotion erforscht. Auch heute noch begeistere Menschen die Idee, „den Müll kapitalistischer Informationstechnologie“ zu nutzen und etwas mit geringer Leistung zu bauen. Etwas, das sich gegen Kapitalismus und Produktivitätszwang richtet. Dennoch seien keineswegs alle Mitglieder der Bewegung politisch links, sagt Hutcheon. Manche fasziniere schlicht die Cyberpunk-Ästhetik.

In der Cyberpunk-Literatur der achtziger und neunziger Jahre kamen selbstgebaute Computer zum ersten Mal als fiktive Geräte vor. Mitte der 2010er Jahre inspirierten diese Romane Personen dann, tatsächlich eigene Cyberdecks zu bauen.

Design und Politik

Auch in den Cyberdeck-Kurzvideos, die aktuell populär sind, geht es um Design. Aber ebenso um Politik. Eine Instagram-Userin betitelt ihren Beitrag beispielsweise mit „My Girlypop Hardware Hacking Anti-Facist Cyberdeck“.

Auch für Katrin aus Stuttgart ist das, was gerade in den sozialen Medien passiert, kein Trend, sondern eine cyberfeministische Bewegung. Die verspielte Ästhetik, die die maskuline, häufig militärische Optik früherer Cyberdecks durchbricht, gehöre dazu. Der Einstieg in den Techbereich sei für junge Frauen gerade so niedrigschwellig wie noch nie.

Hutcheon sagt, in einem reaktionären politischen Klima und in Zeiten, in denen die Manosphere online großen Einfluss hat, sei es geradezu radikal, dem Machismus eine überbordende Niedlichkeit entgegenzusetzen. Es sei keine zufällige Entscheidung, „die unmaskulinsten Dinge überhaupt zu bauen und das Internet damit zu fluten“, so der Philosoph.

Aber das widerständige Potenzial von Cyberdecks geht über ihre Optik hinaus: Laut Hutcheon richten sie sich gegen das „radikale Monopol“ von Big Tech. Der Philosoph Ivan Illich entwickelte dieses Konzept 1973. Es beschreibt, dass ein Produkt oder eine Technologie unverzichtbar für das alltägliche Leben wird.

Das Gegenteil eines radikalen Monopols

Smartphones seien ein Beispiel für ein radikales Monopol, sagt Andrew Hutcheon. Man sei auf sie angewiesen. Gleichzeitig könne man nur zwischen zwei Betriebssystemen wählen, könne Handys nicht auseinanderbauen und keine Teile austauschen. Bis auf die Entscheidung, welche Apps man herunterlädt, sei alles vorgegeben. 
Cyberdecks hingegen sind das Gegenteil eines radikalen Monopols. Sie sollen als dezentrales Werkzeug dienen, das Menschen nach ihren Bedürfnissen nutzen und verändern können. Eine Technik, die „individuell gestaltbar, kreativ und nachhaltig“ ist, wie Katrin sagt, anstatt süchtig und einsam zu machen.

Dennoch können die meisten Cyberdecks weder Laptop noch Smartphone ersetzen. Sind die DIY-Computer am Ende also doch machtlos gegenüber Big Tech? Sicherlich. Aber sie sind ein metaphorischer Widerstand, einer, der an vielen relevanten Stellen gleichzeitig ansetzt.

So würden Menschen zum Beispiel Cyberdecks bauen, weil sie genug von KI-Slop haben und Technologie wieder mit echter Kreativität verbinden möchten, erzählt Katrin. Anderen sei wichtig, unabhängig von großen Institutionen und ihren Clouds Daten speichern zu können. So können sie die Kontrolle über persönliche Daten behalten – auch medizinische.

Datenschutz bei Periodentracking

Katrin bastelt deshalb gerade ein Cyberdeck, das sie als Periodentracker nutzen kann. „Viele Menstruations-Apps speichern leider Gesundheitsdaten in ihren Clouds“, sagt sie. Tatsächlich schneidet ein Großteil der Zyklus-Apps beim Datenschutz schlecht ab und teilt Daten mit Dritten, mit Sicherheitsbehörden oder zu Werbezwecken.

Die Idee für den Periodentracker kam Katrin, obwohl sie schon seit zehn Jahren Cyberdecks baut, erst durch den aktuellen Austausch in den sozialen Medien. Dass der aber ausgerechnet auf den Plattformen großer Konzerne stattfindet, gegen die sich Cyberdecks maßgeblich richten, beschäftigt sie. Aber, sagt Katrin, vielleicht müsse man das System eben von innen heraus kritisieren.

Katrin sagt, sie sei sehr inspiriert von den vielen Frauen, die sich für „coole Hardware“ interessieren. Die neu sind in der männlich-dominierten Techwelt, die über Periodentracker nachdenken, über Kunst und Technologie und Unabhängigkeit, und sich rege darüber austauschen. So holen sich die Cyberdeck-Girls sogar die Freude an sozialen Netzwerken zurück.

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