Lieferketten und Nachhaltigkeit : Zölle können ein Stresstest sein
Die US-Zollpolitik setzt die Weltwirtschaft unter Druck. Darauf können Unternehmen mit Preissteigerungen – oder mit ethischen Produktionsbedingungen reagieren.
G lobale Lieferketten sind instabil – das zeigen die aktuellen geopolitischen Entwicklungen nur allzu deutlich. Nun sind ausgerechnet Unternehmen in sich ständig verändernden Branchen, etwa die Konsumgüterproduktion und die Mode, auf verlässliche Beziehungen zu Lieferanten angewiesen, sprich auf funktionierende Lieferketten. Die Pflege dieser Lieferketten ist für die Unternehmen ein hohes Gut, Lieferketten sind nicht nur aus strategischen Gründen für Unternehmen notwendig, sondern für nachhaltig agierende Firmen ebenso ein ethisches Gebot. Daher achten nachhaltige Unternehmen bei ihren Bestellungen auf ökologische, soziale und monetäre Aspekte. Durch die aktuell erratische Zollpolitik der US-Regierung stehen die Unternehmen allerdings stark unter Druck.
Davon ist vor allem die Modebranche betroffen. Hohe Zölle führen zu Verwerfungen innerhalb der Produktionsketten und erschweren es, festgelegte Klima- und Nachhaltigkeitsziele einzuhalten. Laut einer Umfrage der United States Fashion Industry Association beklagten 2025 nahezu alle führenden Bekleidungsmarken und Einzelhändler die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. Mehr als die Hälfte der Unternehmen bezeichnete dadurch entstehende politische Unsicherheiten sowie Vergeltungszölle als überaus problematisch.
Darauf reagieren die global agierenden Großunternehmen auf ihre Weise. Anstatt mit kurzfristigen Kosteneinsparungen zu kontern, tätigen sie vor allem im Bereich der Konsumgüterproduktion strategische Investitionen, um sich gegen Marktveränderungen und höhere Preise abzusichern. So hatten 2025 beispielsweise die Einzelhandelsunternehmen Walmart und Target schon im Sommer ihre Lagerbestände aufgefüllt, um Zollschocks vor der Weihnachtssaison abzufedern. Der Technologiegigant Apple wiederum hatte Frachtflüge gechartert, um 1,5 Millionen iPhones aus Indien einzuführen.
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Das war jedoch nur möglich, weil bei wichtigen Lieferanten die Produktion kurzfristig massiv erhöht wurde. Das allein zeigt, wie wichtig Lieferketten insbesondere in unsicheren Zeiten sind. Dem Marktanalysetool Gartner zufolge hat fast die Hälfte der großen Unternehmen in den vergangenen Monaten Lieferantenverträge neu ausgehandelt oder ihre Beschaffungsstrategien geändert, um die mit den Zöllen verbundenen Risiken abzufedern.
Instrumente wie die sogenannte Lieferkettenfinanzierung, durch die Lieferanten beispielsweise früher bezahlt werden und Zahlungspflichtige später zahlen können, gelten daher zunehmend als Puffer gegen Marktunsicherheiten. Diese Trends sind Ausdruck einer wachsenden Einstimmigkeit: Resiliente, transparente und wertebasierte Lieferketten sind der Schlüssel, um größere Lücken in der Produktion zu vermeiden und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
Die Modebranche hinkt an dieser Stelle leider hinterher. Sie erreichte in der Better Buying 2025 Garment Industry Scorecard, einer Art Bewertungsskala zur Einkaufs- und Beschaffungspraxis von Unternehmen, nur 66 von 100 Punkten. In wichtigen Bereichen wie Kostenverhandlungen, Zahlungsbedingungen und Produktentwicklung sind im Vergleich zum Vorjahr sogar Rückschritte zu verzeichnen. Dies ist insofern besorgniserregend, weil sich das auf vorgelagerte Produktionsbereiche ausbreiten kann, sobald sich neue unerwartete Zölle oder andere Schocks ergeben.
Ohnehin müssen Produktionskosten oft neu verhandelt werden, ohne starke Beziehungen zu Lieferanten kann es dabei zu Verzögerungen und Änderungen der Produktion kommen, zu arbeitsrechtlichen Risiken, insbesondere für die Arbeiter:innen, und zu Reputationsschäden.
Unabhängig davon schadet eine erratische Zoll- und Wirtschaftspolitik dem Klima. Setzt sich dieser Trend fort, kann das besorgniserregende Folgen haben, die Modebranche mit ihren komplexen globalen Lieferketten ist diesbezüglich besonders anfällig. Die US-Zölle wirken sich direkt auf Beschaffungszentren aus, die wiederum einen überproportionalen Einfluss auf den CO2-Fußabdruck der Branche haben. Die Non-Profit-Allianz Cascale, die durch Kooperation in der Konsumgüterproduktion gegen den Klimawandel und für faire Arbeitsbedingungen kämpft, hat festgestellt, dass nur 1.800 Fabriken in neun Ländern für über 80 Prozent der gemessenen CO2-Emissionen der Bekleidungs-, Textil- und Schuhindustrie verantwortlich sind.
Zölle gegen China und mehr Produktion in Vietnam
Sechs dieser Länder – China, Bangladesch, Vietnam, Indien, Türkei, Pakistan – sind direkt von neuen Zöllen betroffen. Würden die Modefirmen ihre Bestellwege ändern, könnten sie zwar kurzfristige Zollkosten vermeiden, aber dadurch laufende Bemühungen um verringerte CO2-Emissionen weiter beeinträchtigen. Derartiges konnte schon 2018 beobachtet werden, als Zölle gegen China zu einem Produktionsanstieg in Vietnam führten.
Da es in der Regel durchschnittlich 14 Monate dauert, bis Firmen neue Lieferanten gewinnen können, lösen derartig rasche Veränderungen einen Dominoeffekt aus: Verstöße gegen Arbeitsrechte, längere Vorlaufzeiten, Qualitätsprobleme. Ohne koordinierte Planungen besteht die Gefahr, dass sowohl Klimaziele als auch Arbeitsbedingungen massiv leiden.
Obwohl es sich bei der Mode um eine 3 Billionen Dollar schwere Branche handelt, war sie auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Brasilien im vergangenen November (COP30) nur minimal präsent. Wie schon in den Vorjahren wurden Reisebudgets gekürzt und Teams verkleinert, da sich die Branche angesichts der Marktvolatilität verschlankt. Im Gegensatz zu klimafokussierten Konferenzen wie der Climate Week NYC, die in diesem September stattfindet, oder der London Climate Action Week im vergangenen Mai hat sich die COP30 mehr auf Anpassungsfinanzierung, den CO2-Preis und naturbasierte Strategien konzentriert als auf neu gestaltete Handels- oder Beschaffungslinien.
Branchenführer müssen umdenken
Die Akteure der Modebranche sollten ein Gespür für das globale Interesse an nachhaltigen Finanzierungen und Investitionen bekommen. Diskussionen über die Bepreisung der CO2-Emissionen können einen größeren Einfluss auf den internationalen Handel und Wertschöpfungsketten haben als jede branchenspezifische Handelsreform. Da handelsbezogene Kosten immer bestehen bleiben, müssen die Branchenführer umdenken: Die Widerstandsfähigkeit ihrer Unternehmen wird nicht durch Diplomatie oder einen präsidentiellen Handschlag erreicht, sondern durch vertrauensvolle Beziehungen, faire Einkaufspraktiken und Innovationen sowie Nachhaltigkeit. Marken und Einzelhändler sollten Zölle nicht nur als Kostenbelastung betrachten, sondern als Stresstests für ihre Lieferantenpartnerschaften.
Unternehmen, die standardmäßig auf preisorientierte Strategien setzen, laufen Gefahr, ihre Möglichkeiten hinsichtlich Qualität, Schnelligkeit und Innovation für verantwortungsbewusste Verbraucher von heute zu untergraben. Im Gegensatz dazu können Unternehmen, die auf Transparenz und Zusammenarbeit setzen – unter anderem durch Kontinuität und faire Arbeitsbedingungen und Zahlungsbedingungen – mit größerer Wahrscheinlichkeit arbeitsrechtliche Verstöße vermeiden und Investitionen in den Klimaschutz bewahren.
In einer Zeit, in der Zölle und klimabedingte Veränderungen Beschaffungsstrategien über Nacht verändern können, stellen belastbare Partnerschaften mehr als nur operative Instrumente dar. Vielmehr sind sie strategische Unterscheidungsmerkmale, die einer wachsenden Zahl von langfristig denkenden Stakeholdern Verantwortungsbewusstsein, Stabilität und ethische Führungsstärke signalisieren.
Copyright: Project Syndicate. Der Text ist redaktionell bearbeitet.
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