2,5 Millionen Russlanddeutsche : Von links liegen gelassen
Lange begriffen linke Parteien Spätaussiedler nicht als Teil der Migrationsgesellschaft – und interessierten sich kaum für sie. Das ändert sich nun.
Foto: Jochen Eckel
R usslanddeutsche würde sie auf der Straße erkennen, schreibt die Autorin Ira Peter, die selbst als Kind von Kasachstan nach Deutschland kam. Und zwar an ihrem Blick. „Er ist immer wachsam, als könnten sie jederzeit in eine unkontrollierbare Situation geraten.“ Diese Habachtstellung habe die Generation ihrer Eltern von deren Eltern übernommen, die ihnen vorgelebt hätten, dass die Welt um sie herum gefährlich sei, so die 42-Jährige.
Diese ständige Wachsamkeit hat mit der Geschichte der Russlanddeutschen unter Stalin zu tun. Symbolisch steht dafür der 28. August, der für die 2,5 Millionen Russlanddeutschen hierzulande ein wichtiger Gedenktag ist. An diesem Tag vor 85 Jahren wurde in der UdSSR ein Dekret erlassen, das die Deportation der Russlanddeutschen von der Wolga und anderen europäischen Siedlungsgebieten in der Sowjetunion – wo sie teils schon seit über hundert Jahren lebten – nach entlegenen Gebieten in Kasachstan und Sibirien verfügte.
Es war eine Reaktion Stalins auf den Einmarsch der Wehrmacht 1941 in die Sowjetunion. Er verdächtigte Russlanddeutsche und Angehörige weiterer Bevölkerungsgruppen wie Finnen, Balten und Krimtataren der Kollaboration mit Nazideutschland.
Menschen wurden in Viehwagen zusammengepfercht und in der kasachischen und sibirischen Steppe „abgekippt“. Dort mussten sie sich in Sondersiedlungen Erdhütten graben und Zwangsarbeit leisten. Andere wurden in eine Art Gulag verschleppt, wo sie schwer körperlich arbeiten mussten. Rund 150.000 der 1,1 Millionen verschleppten Russlanddeutschen starben in den Lagern oder auf dem Transport dorthin. Ihr wachsender Wunsch nach Auswanderung aus der Sowjetunion war ein Resultat dieses Schicksals.
1,9 Millionen in den 1990ern
Vor der Gorbatschow-Ära ab 1985 war es allerdings nur unter größten Schwierigkeiten möglich, aus der Sowjetunion auszureisen. Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold hat dazu einige Beispiele aus Archiven aufgearbeitet: 1982 entführten zwei russlanddeutsche Brüder ein Flugzeug nach der Türkei, um nach Deutschland zu gelangen. 1930 schon flüchtete ein gesamtes Dorf mit mehr als 200 Bewohnern mit Pferdeschlitten mitten im Winter über den zugefrorenen Amur nach China und von dort weiter nach Lateinamerika. Im selben Winter wollten 20.000 Russlanddeutsche vor der deutschen Botschaft in Moskau ihre Ausreiseerlaubnis erzwingen, was nicht gelang.
Die offizielle Statistik zählt zwischen 1951 und 1986 insgesamt 95.000 Ausreisen von Russlanddeutschen in die BRD und die DDR. Viele Ausreiseanträge wurden abgelehnt, führten aber für die Antragsteller zu behördlichen Schikanen und oft auch zum Verlust des Arbeitsplatzes. In der kurzen Gorbatschow-Ära kamen immerhin 150.000 Russlanddeutsche aus der Sowjetunion in beide deutsche Staaten, die allermeisten in die Bundesrepbulik.
Die große Auswanderungswelle begann indes erst 1993, als Deutschland eine Einwanderung von Russlanddeutschen und ihren Angehörigen als eine Art Wiedergutmachung des Kriegsfolgenschicksals gesetzlich erheblich erleichterte. Allein in den 1990er Jahren kamen daraufhin 1,6 Millionen Menschen.
Viele Russlanddeutsche der ersten Generation waren für ihre Aufnahme in Deutschland sehr dankbar, und die CDU vermochte es, ihnen zu erklären, wem ihr Dank zu gelten hätte: Kanzler Helmut Kohl. Die CDU hatte sich tatsächlich für das Gesetz starkgemacht. Sie unterließ es aber, die übrige Bevölkerung darüber zu informieren, warum diese Menschen nach Deutschland gekommen waren.
Wozu auch erklären, es waren doch Deutsche, mag man sich gedacht haben. Dass die Neuankömmlinge dann wegen ihrer schwer verständlichen deutschen Sprache und ihrer kulturellen Prägung von ihren Nachbarn als „Russen“ wahrgenommen wurden, dürfte die CDU ebenso überrascht haben wie die Russlanddeutschen selbst, die sich immer als Deutsche gefühlt hatten. Zumal sie mehrheitlich gar nicht aus Russland kamen, sondern aus Kasachstan und der Ukraine.
Die Dankbarkeit führte über viele Jahre zu einer hohen Bindung vieler Russlanddeutscher an die CDU und die CSU. „In der lückenhaften Erinnerung unserer Eltern hat Kohl eigenhändig jeden Einzelnen von uns über die Grenze getragen“, kommentiert die Autorin Ira Peter. Dazu mag sicher auch das C im Namen der Parteien beigetragen haben, denn viele Russlanddeutsche sind tiefreligiös.
In der Merkel-Ära ging die Bindung von Russlanddeutschen an die CDU zurück. Heute gibt es immer wieder Medienberichte über eine hohe Affinität zur AfD. Die einzige repräsentative Umfrage dazu stammt jedoch aus dem Jahr 2017. Nach der Bundestagswahl in jenem Jahr hatten – bei einer insgesamt geringen Wahlbeteiligung – 15 Prozent der Russlanddeutschen erklärt, die AfD gewählt zu haben. Das ist geringfügig mehr, als die AfD im Bundesdurchschnitt insgesamt erhielt, 13 Prozent.
Ira Peter, Autorin
Die Parteien links der CDU haben sich lange nicht um Russlanddeutsche gekümmert. Im Gegenteil, 1996 hatte sich Oskar Lafontaine, damals noch SPD-Vorsitzender, bei den Russlanddeutschen unbeliebt gemacht. Er forderte, ihren Zuzug angesichts hoher Arbeitslosigkeit und Wohnraummangels zu begrenzen. Zuwanderung dürfe sich nicht nach Abstammungsregeln richten, sagte Lafontaine damals. Das Zitat machte unter Russlanddeutschen die Runde und versperrte der SPD lange einen Zugang zu ihnen.
Auch Grüne und Linke, eigentlich Parteien, die für Zuwanderer offen sind, wurden lange nicht warm mit dieser Gruppe, die aus der Sowjetunion häufig konservative Lebensentwürfe mitbrachte. Etliche lehnen linke Themen ab, fordern stattdessen Gehorsam von Kindern gegenüber Eltern, den sie im Zweifel auch mit Gewalt durchsetzen, sowie Unterordnung der Frau unter den Mann, wie es Autorin Ira Peter beschreibt. Auch die Akzeptanz von Homosexualität kann unter Russlanddeutschen schwierig sein. Das erzählte etwa der queere Synchronsprecher Artur Weimann vor einem Jahr der taz. Zudem fühlen sich Russlanddeutsche in Migrationsdebatten der Linken und der Grünen nicht gemeint, weil sie ja Deutsche sind und Themen wie Abschiebung, fehlende Arbeitserlaubnis und Familiennachzug für sie nicht relevant sind.
Das ändert sich jedoch gerade. In der Bundesregierung ist mit der SPD-Politikerin Natalie Pawlik eine in Russland geborene Frau Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Pawlik sieht sich, genau wie Ira Peter und viele andere Russlanddeutsche der jüngeren Generation, die sich links der CDU verorten, als Teil der Migrationsgesellschaft.
„Linke Strukturen müssen sich viel stärker mit Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern beschäftigen“, mahnt auch die linke Bundestagsabgeordnete Kathrin Gebel an. In Recklinghausen geboren, wuchs sie als Tochter einer alleinerziehenden Russlanddeutschen auf. Harte Arbeit, niedrige Löhne, kleine Renten, nicht anerkannte Abschlüsse aus der Sowjetunion, Sprachbarrieren – „viele Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler kennen soziale Unsicherheit sehr konkret“, ebenso „das Gefühl, zwar formal dazuzugehören, aber politisch und gesellschaftlich nicht gemeint zu sein“.
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Natalie Keller, Russlanddeutsche und grüne Stadträtin in Nürnberg, kritisiert, dass ihre Partei die vielfältigen Lebensrealitäten und Perspektiven der Russlanddeutschen zu wenig in den Blick genommen habe. Man müsse „die Geschichte der Russlanddeutschen und Osteuropas stärker in unsere Erinnerungskultur einbeziehen und Antislawismus ernst nehmen“. Ebenso müssten Fragen von „politischer Repräsentation, Anerkennung von Bildungs- und Berufswegen, Mehrsprachigkeit, Altersarmut und sozialer Teilhabe“ thematisiert werden.
Pawlik, Gebel und Keller haben neben ihren Spätaussiedlerinnenbiografien noch etwas gemein: In ihren Parteien sind sie damit Ausnahmen und haben es deshalb schwer, mit ihren Themen durchzudringen.
Das konservative, oft deutschtümelnde Selbstbild vieler, wenn auch längst nicht aller Russlanddeutschen ist übrigens bereits im Aufnahmeverfahren angelegt. Wer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hierherkommen wollte und will, muss neben deutschen Vorfahren, deutschen Sprachkenntnissen und einem Kriegsfolgenschicksal ein „Bekenntnis zum deutschen Volkstum“ nachweisen und unterschreiben. Auch Stimmen aus der Community finden das nicht mehr zeitgemäß. Die russlanddeutsche Autorin Ira Peter etwa schreibt: „Ein Bekenntnis zum Grundgesetz wäre mir lieber.“
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