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Die „Volksstimme“ in Sachsen-AnhaltUnd am Wochenende ist Disco mit Peter

Die Lokaljournalisten kennen jedes neue Feuerwehrhaus und die meisten AfD-Politiker aus dem Sandkasten. Ihre Zukunft sehen sie von denen nicht bedroht.

Doris Akrap

Aus Stendal und Barleben

Doris Akrap

Zu den weit verstreuten Dörfern Sachsen-Anhalts kommt man ohne Auto nur zweimal täglich per Bus und findet dort oft weder Bäcker noch Apotheke. Dafür sieht man hier überall an Zauntüren und Hauseingängen etwas, was anderswo längst verschwunden ist: Zeitungsboxen. Aufschrift: Volksstimme.

BRD-deutsch-Sozialisierte zucken bei dem Namen („klingt irgendwie Nazi“). Dabei wurde die Volksstimme 1890 in Magdeburg als sozialdemokratische Tageszeitung gegründet, 1933 von den Nazis verboten und zwischen 1947 und 1990 als SED-Parteiblatt weitergeführt.

Wie ist die Stimmung in der Volksstimme? „Eigentlich prima“, sagt Chefredakteur Marc Rath. „Vielleicht sogar besser als in Berlin?“

Rath ist sympathisch, unideologisch und schwer aus der Fassung zu bringen. Digitale Medien haben die klassische Zeitung abgelöst, Sachsen-Anhalt ist das am stärksten schrumpfende Bundesland und möglicherweise das erste, das AfD-geführt werden könnte – woher seine gute Laune? Wir sind für die Zukunft bestens aufgestellt“, sagt Rath. „Die Volksstimme wird die letzte gedruckte Zeitung Ostdeutschlands sein und der Lokaljournalismus das Letzte, was die KI ersetzen kann.“

Die größte Zeitung von Sachsen-Anhalt

Mit einer verkauften Auflage von über 115.000 Exemplaren ist die Volksstimme Sachsen-Anhalts größte Zeitung. Es gibt rührende Geschichten, wie die der 92-Jährigen, die seit 70 Jahren Abonnentin ist, zum Sohn „in die alten Bundesländer“ zog und sich bis heute die Zeitung dorthin schicken lässt. Aber auch die Auflage der Volksstimme sinkt, nur nicht so rapide wie anderswo. Andere Lokalzeitungen hätten sich aus der Fläche zurückgezogen, setzten auf große Geschichten. „Aber dass im Kulturhaus am Wochenende Disco mit Peter ist, erfährt der Leser dort nicht mehr. In der Volksstimme schon“, sagt Rath.

Täglich erscheinen 18 Ausgaben: von der Salzwedeler über die Wolmirstedter bis zur Straßfurter. „Die Leute in Osterburg wollen wissen, ob der Markttag in Osterburg verschoben ist. Ob im 22 Kilometer entfernten Stendal ein Supermarkt eröffnet hat, ist ihnen schon egal“, sagt Rath.

Rath ist Wessi: 1966 in Solingen geboren, gelernter Verlagskaufmann und Absolvent der Journalistenschule in Köln. Gleich 1991 machte er rüber – „journalistisch konnte ich mir nichts Aufregenderes vorstellen“. Seitdem war er bei der Volksstimme Redakteur, Redaktionsleiter und Reporter und deckte einen folgenreichen Wahlfälschungsskandal der Stendaler CDU auf. Rath ist Vollblutlokaljournalist (beide Kinder sind von Geburt an taz-Genossen) und Vollblut-Sachsen-Anhalter. Auf der Fahrt zwischen Tangermünde und Magdeburg erzählt er von Spargel, Zuckerrübenböden und Rotmilanen von der Altmark bis zur Börde. Sein Wochenendidyll mit Elbblick hat er natürlich über eine Anzeige in der Volksstimme gefunden, seine Frau nicht. Mit der Journalistin ist er genauso lange verheiratet und genauso lang kennt er die Stendaler Redaktionsassistentin Ines Beier, die ihn „mein Bester“ nennt und 1991 natürlich über eine Anzeige in der Volksstimme zur Volksstimme kam.

In Raths Wochenendidyll sitzen bei einem Nachbarn die Störche auf dem Dach, beim anderen weht die Reichskriegsflagge im Garten. „Ein Lokaljournalist ist ständig im Balanceakt“, sagt Rath. „Er muss es aushalten, den Bürgermeister zu kritisieren, dessen Kinder in die gleiche Schulklasse gehen. Er muss nah an den Leuten sein und dazu gehören auch Wähler und Politiker der AfD.“

Heute mal ohne die AfD

In dem hübschen Altbau, in dem die Stendal-Redaktion sitzt, hocken an einem Vormittag im Juli zwei Reporter vor ihren Rechnern, ein weiterer ist unterwegs, der Chefreporter gerade nach Havelberg ausgeliehen. Einer der beiden Redaktionsleiter, Donald Lyko, ist mit Zoomkonferenzen beschäftigt, in denen sich dutzende Lokalredaktionen austauschen: „In Sangerhausen machen wir den finalen Aufschlag zur Wahl“. „Die Jessener freuen sich über eine neue Gastronomie-Eröffnung“. Dessau bietet den Umbau eines Wohnblocks an, Naumburg eine sexuelle Belästigung bei den Maltesern. „Mit Aschersleben ist abgesprochen, dass wir den toten Korn-König und sein Waffenlager machen.“

Die AfD ist an diesem Tag kein Thema. „Kommt vor“, lacht Rath. Selbstverständlich würde die Volksstimme auch über das AfD-Grillfest in dem Häuschenhäufchen berichten, wo sich sonst keine Partei blicken lässt. „Wir gehen mit der AfD journalistisch um, wie mit jeder Partei. Aber die AfD ist keine normale Partei. Daher haben wir auch mehr und anderes zu berichten wie rechte Strukturen auf dem Land oder rechtsradikale Strategen im Hintergrund.“

Redet Rath über die „Berliner Blase“, kriegt er einen zynischeren Ton. Wie sie beispielsweise den Lokaljournalismus ignoriert, stört ihn: „Unser Interview mit Siegmund ist nicht schlechter als das von Lanz.“ Im Übrigen aber ist er der Meinung, dass diese Interviews überbewertet sind. Nicht mit einem Interview, sondern allenfalls mit Recherche könne man die AfD „stellen“.

Bewässerungsverbot, Pferdemarkt, Volksfest, Hochzeit – die Lokalzeitung lebt von Menschen, die darüber gern berichten wollen. Der Stendaler Redaktionsleiter Lyko, der von hier stammt, ebenfalls seit über 30 Jahren bei der Volksstimme, ist so einer.

Verändert habe sich der Lokaljournalismus: „Schreibe ich über einen neuen Sushi-Laden oder die ‚NVA-Feldsuppe‘ eines Lokalunternehmens, landet das schnell bei zehntausenden Klicks. Schreibe ich eine Kulturkritik, dümpelt die bei 800. Das muss man auch aushalten.“

Aushalten und Vertrauen – immer wieder fallen diese Wörter im Gespräch mit den Volksstimme-Journalisten, sie prägen den Alltag wie ansonsten die Wörter „Abdecker“, „Austausch“, „Blaulicht“, „Keller“ oder „Aufmacher“.

Eines der wertvollen Vertrauenstools: das Lesertelefon. Für die Redaktionsassistentin ist hier morgens Hochbetrieb: Leute beschwichtigen, die keine Zeitung bekommen haben, Fehler und Termine entgegennehmen. Eine Stunde am Tag sitzt auch ein Redakteur dort. „Lügenpresse“, „Ausländer“ und „zu wenig AfD-Texte“ höre man da gelegentlich schon. „Auch da muss man durch“, sagt Lyko.

„Das gehört zum Job“

Aushalten lässt es sich in der Volksstimme aber auch, weil die Bauer Media Group (Bravo, Cosmopolitan, TV Movie) mit der Übernahme der Zeitung 1991 entsprechende Bedingungen geschaffen hat. Eine davon steht in Barleben. Hier sitzt die Mantelredaktion und das Druckhaus. Davor eine Fahrzeugflotte mit der Aufschrift „Biberpost“, dem verlagseigenen Lieferunternehmen, das jeden Morgen die Post bis in die abgelegensten Häuschenhäufchen Sachsen-Anhalts bringt: private Päckchen, amtliche Wahlunterlagen, die Volksstimme. Wenn die Zeitung trotzdem mal nicht ankomme, fährt der Chef schon mal persönlich zu einem Häuschenhäufchen und bringt dem jungen Feuerwehrmann die Ausgabe mit dem neuen Feuerwehrhaus.

Alina Bach, Jahrgang 1999, Social-Media-Redakteurin der Volksstimme, sitzt in der Barlebener Redaktion und hat wie Rath und Lyko keine Manschetten vor irgendwas. Unter ihrem Instagram-Post zum Programm der AfD mit lustigen Emojis hagelte es wütende Kommentare von links: Die AfD werde verharmlost. Sie überprüft jede Kritik, aber den Vorwurf der Verharmlosung findet sie meistens nicht gerechtfertigt. „Alle haben ganz viel Meinung, aber möglichst objektiv darzustellen, was ist, das ist nun mal Journalismus.“ Vor Hass und Häme durch die AfD habe sie keine Angst und sagt: „Das gehört zum Job. Journalisten müssen Gesicht zeigen.“ Mehr Sorgen mache ihr der Vertrauensverlust der Leser in die Zeitung.

Es gibt in der Redaktion aber auch beunruhigtere Mitarbeiter, und die Redaktion habe im Austausch mit Rechtsextremismusexperten Fragen zum journalistischen Umgang mit der AfD diskutiert, erzählt Rath. Die Volksstimme aber sei nicht von Staatsverträgen abhängig wie der MDR, und selbst wenn die Staatskanzlei ihr den Zugang versperren würde, bliebe er entspannt: „Wir sind Journalisten. Wir wissen, wie man an Informationen kommt.“

Zwischen Rath und Lyko passt keine Zeitungsseite. Sie sind sich auch darin einig, dass Journalismus zwar eine Lüge aufklären, ihre Verbreitung aber nicht unbedingt verhindern kann.„Panik gehört nicht zum Handwerk eines Journalisten“, sagt Lyko. „Wir kennen die AfD-Akteure unserer Region seit Jahren aus unserer täglichen Arbeit und können einschätzen, ob sie was draufhaben oder nicht. Darum hat man eher Angst vor fragwürdigen Personalentscheidungen, wenn ich es mal höflich formulieren darf. Davor, dass Wollen und Können nicht immer im Gleichgewicht sind.“

Was also kann Lokaljournalismus gegen rechte Hegemonie tun? „Wir schauen hinter die Kulissen der Kommunalpolitik, was sonst keiner macht“, sagt Rath. Und wenn das neue Feuerwehrhaus in „ihrer“ Volksstimme die Leute stolz mache, sei das ein Beitrag zur lokalen Demokratie. Antifaschismus heißt also auch: Rettet die Lokalzeitung!

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